24.05.2009 · Noch nie regierte Josef Ackermann so unangefochten. Gegenspieler Clemens Börsig ist geschlagen. Am Dienstag erwartet die Manager das Scherbengericht der Aktionäre.
Von Georg Meck und Christian SiedenbiedelDie Hauptversammlung ist in Aktiengesellschaften der Tag des Aufsichtsratsvorsitzenden. Er führt Regie, erteilt und entzieht das Wort. So auch Clemens Börsig, Chefkontrolleur der Deutschen Bank, der am Dienstag vor 4000 Aktionären in der Frankfurter Festhalle Rechnung ablegt. Der Star des Tages aber wird - dieses Jahr noch mehr als sonst - der Mann neben ihm sein: Josef Ackermann.
Dabei sollte dieses Mal alles anders laufen, so hatte es Börsig zumindest geplant: Der 26. Mai sollte Ackermanns letzter Tag an der Spitze von Deutschlands größtem Geldhaus sein. Börsig selbst sah sich als neuer Chef: der Typ spröder Buchhalter als der neue Star.
Es ist anders gekommen. Börsigs Coup, mit dem er sich an die Spitze der Bank befördern wollte, schlug fehl. Und zur Strafe muss er sich am Dienstag einem Scherbengericht stellen. Es geht um mehr als die üblichen Störmanöver beleidigter Kleinanleger. Dieses Mal geht es um nichts Geringeres als die Machtverteilung im Innersten der Deutschen Bank.
Börsig kämpft: um sein Amt und seine Reputation
Wie soll ein Konzern gedeihen, wenn die beiden Männer an der Spitze offenkundig rivalisieren? Wie geht ein Vorstandschef Josef Ackermann mit seinem Aufsichtsratschef Clemens Börsig um, der ihn absetzen wollte, um den Posten selbst zu ergattern? Sicher ist: Börsig hat in diesem Spiel verloren, dafür erhält er nun die Rechnung. Kleinaktionäre, Aktionärsschützer und Bankenvertreter: sie alle wettern. "Wir sind sprachlos", sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. "Vorstandschef und Aufsichtsrat brauchen ein inniges Vertrauensverhältnis. Das ist in der Deutschen Bank offenkundig nicht der Fall." Ein Aktionär hat schon vorab zu Protokoll gegeben, Börsig müsse als Versammlungsleiter abgewählt werden. Andere fordern, ihn nicht zu entlasten. Selbst die Investorenorganisation ISS, die ausländische Fonds berät, informierte ihre Kunden über "eigenartige Vorgänge" in der Deutschen Bank. Börsigs Rücktritt wäre die logische Konsequenz - den legen ihm Aktionärsvertreter nahe.
Der Mann an der Spitze des Aufsichtsrats aber kämpft, beteuern seine Vertrauten. "Um sein Amt wie um seine Reputation." Börsig ist nicht entgangen, dass er von internen Gegnern demontiert werden soll. Das Ackermann-Lager hat ihm nicht verziehen: "Börsig gehört nicht mehr zur Familie", heißt es in der Bank. "Er muss selbst wissen, wie lange er sich das zumutet." Es ist wie immer, wenn ein Führungsstreit ausgefochten ist: Um den Verlierer wird es einsam.
Treuebekenntnisse sind aus der Spitze der Bank nicht zu hören. Auch der Aufsichtsrat rafft sich gerade zu zwei dürren Sätzen auf. Das Gremium habe "unverändert volles Vertrauen in seinen Vorsitzenden Dr. Clemens Börsig und steht einhellig hinter ihm". Worte, die an Bekenntnisse von Fußballvereinen erinnern - kurz bevor sie ihren Trainer feuern.
Börsig hat Ackermanns Raffinesse unterschätzt
Das ist hart. Und es ist ungerecht aus Börsigs Sicht, der stets zum Wohl der Bank gehandelt haben will. Tatsache ist, dass Börsig Ackermanns Raffinesse unterschätzt hat: Am 21. April schien ein wochenlanges Ringen um den Top-Job zu Ende. Börsig erhielt von Ackermann das Signal: Ja, ich trete vorzeitig ab. Nicht erst zum Ablauf des Vertrages im Mai 2010, sondern ein Jahr früher - zur Hauptversammlung. Börsig hatte alles vorbereitet, hatte externe Helfer angeheuert, unter beinahe konspirativen Umständen wochenlang an dem Coup gearbeitet, einen exakten Fahrplan an die Konzernspitze ausgetüftelt. Henning Kagermann, der eben verabschiedete SAP-Chef, war als neuer Aufsichtsratsvorsitzender ausgeguckt.
Im Vertrauen auf Ackermanns Zusage ruft Börsig schließlich den Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, für den letzten Montag im April. Das Ergebnis ist bekannt: Schon am Morgen, im Präsidium, wird Widerstand gegen die Rochade deutlich. Börsig gibt seinen Plan auf, stellt sich an die Spitze der Bewegung für eine vorzeitige Vertragsverlängerung für Ackermann. Der habe sich "in die Pflicht nehmen lassen", wird es hinterher formuliert - angeblich auf Wunsch der Großinvestoren, wie es aus Ackermanns Umgebung heißt.
Kampf um die Deutungshoheit
Was genau in den Tagen dazwischen passiert ist, bietet Stoff für Legenden. Ungeklärt ist Börsigs Motivation: Was genau verführte ihn zu der gewagten Ranküne? Er selbst bestreitet Machthunger als Antrieb. Gegenüber Gefolgsleuten führt er als Beleg an, dass er noch im März die Rechte des Aufsichtsrates in der Deutschen Bank stärkte. Damit hätte er, wenn er Chef geworden wäre, sich selbst stärker kontrollieren lassen.
Zum Kampf um die Deutungshoheit gehört, dass jetzt aus dem Aufsichtsrat Vorwürfe gegen Ackermann laut werden: Der Vorstandschef habe den versuchten Putsch provoziert. Immer wieder wurde Ackermann in den Medien für internationale Spitzenjobs gehandelt, mal in Amerika, mal in seiner Heimat, der Schweiz. Nie habe er sich eindeutig zur Erfüllung seines Vertrags in Frankfurt bekannt.
So reifte der Plan, den Wechsel um ein Jahr vorzuziehen - angeblich getrieben von der Furcht, mitten in der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten plötzlich ohne Vorstandsvorsitzenden dazustehen. Börsig beauftragte Headhunter mit der Suche, die führte schließlich schnurstracks zu ihm selbst. Bei aller Geheimnistuerei blieben die Vorbereitungen für den Chefwechsel Ackermann nicht verborgen. Jedem in der Bank fiel auf, dass Börsig offenließ, ob er vom Aufsichtsrat auf den Vorstandsvorsitz wechseln werde - so noch im Februar im Interview mit der Sonntagszeitung.
Das stachelte die Gegenwehr an. Statt sich dem Schicksal zu ergeben, kämpfte Ackermann. Er brauche keine Staatshilfe, triumphierte er. Die Deutsche Bank sei gut ins neue Jahr gestartet. Pünktlich zur geplanten Abschiedsvorstellung an jenem Montag ließ er sich damit zitieren, die magischen 25 Prozent Eigenkapitalrendite sogar noch zu übertreffen. Alles triftige Argumente, ihn da zu lassen, wo er war: an der Spitze der Bank.
Jetzt ist guter Rat teuer, eine Versöhnung mit Börsig - allen Schwüren zum Trotz - schwer vorstellbar. "Die beiden werden auf Dauer nicht zusammen arbeiten können", sagt ein Deutsch-Banker. Um einen neuen Aufsichtsrat zu bestellen, muss der Konzern nicht mal die nächste Hauptversammlung abwarten - es genügt die Bestellung im Registergericht.
Wieso "Ackermanns Raffinesse unterschätzt"?
Melita Zimmermann (melitaz)
- 24.05.2009, 17:36 Uhr
Wie in einer Bananenrepublik ...
Robert Hamacher (harohama)
- 24.05.2009, 21:35 Uhr
Die "Bilanzakrobatik" der Deutschen Bank hält sich doch sehr in Grenzen!
Melita Zimmermann (melitaz)
- 24.05.2009, 21:36 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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