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Machtkampf bei Porsche „Ich stehe mit offenem Visier an der Front“

06.10.2008 ·  Wendelin Wiedeling über die Fehde mit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch: „Bis 2012 bleibe ich der Firma erhalten“, sagt der Porsche-Chef im Interview. Eine 75-prozentige Beteiligung an VW wolle er in Zukunft nicht ausschließen.

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Wendelin Wiedeling über die Fehde mit VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch: „Bis 2012 bleibe ich der Firma erhalten“, sagt der Porsche-Chef im Interview. Eine 75-prozentige Beteiligung an VW wolle er in Zukunft nicht ausschließen.

Herr Wiedeking, die Porsche-Aktie hat zwei Drittel ihres Wertes verloren. Was ist da los?

Da müssen Sie die Börsenauguren fragen, die haben doch auf alles und immer eine Antwort. Wir jedenfalls wissen: Der innere Wert der Aktie ist deutlich höher.

Sie ist zuletzt eingebrochen, weil Sie unter Hinweis auf die Finanzkrise keine Prognose für 2009 abgeben wollen.

Wer jetzt Prognosen abgibt, der handelt fahrlässig. Niemand kann sagen, wie viele Banken noch in Konkurs gehen und wie lange die Verwerfungen an den Finanzmärkten anhalten.

Wenn Investmentbanker ihre Jobs verlieren, bestellen sie keinen 911er.

Klar ist doch: Auch wir können uns nicht gegen die Weltwirtschaft stemmen. Wir können nur begehrenswerte Fahrzeuge bauen. Und das tun wir.

Kürzen Sie deswegen die Produktion, wie Daimler oder BMW?

Wir fahren derzeit auf Sicht. Gott sei Dank haben wir schon im Herbst vorigen Jahres unsere Absatzzahlen in Amerika nach unten korrigiert, weil wir keine Lagerbestände aufbauen wollen. Jetzt werden wir die anderen Märkte anschauen. Auch die Lage in China oder Russland ist ja nicht unbedingt stabil.

Keine Hoffnung, nirgends?

Middle East läuft hervorragend, dank der Öleinnahmen. Auch Südamerika ist gut dabei. Und Asien bleibt ein Wachstumsmarkt. Insgesamt werden wir alles daransetzen, auch im laufenden Geschäftsjahr wieder einen Rekord einzufahren - wobei wir uns nie am Absatz messen, sondern am Ergebnis. Und da sind wir nach wie vor unangefochten die Nummer eins, selbst wenn man nur das operative Geschäft rechnet, also ohne die Gewinne aus unserer VW-Beteiligung.

Dank Ihrer Spekulationskünste haben Sie eine einmalige Situation erreicht: Der Gewinn ist höher als der Umsatz.

Im Moment tragen unsere Finanzleute noch die letzten Zahlen zusammen. Das Ergebnis, das wir dann Mitte November veröffentlichen, wird aber sicher beeindruckend sein. Unsere Aktionäre müssten glücklich sein.

Offenbar nicht alle. Sie haben einen gewitzten Großaktionär als Gegenspieler: Ferdinand Piëch. Wittert der jetzt die Chance, Sie loszuwerden im Streit über das Vorgehen bei Volkswagen?

Ich habe einen Vertrag mit dem Aufsichtsrat der Porsche SE. Und dieser Aufsichtsrat hat alle Etappen der VW-Beteiligung abgesegnet, die wir ordnungsgemäß und im Sinne der Aktionäre und des Aufsichtsrates abarbeiten.

Der Keim für das Zerwürfnis liegt schon in der Frage, wer die Idee hatte zu dem VW-Coup: Ferdinand Piëech oder Sie?

Entscheidend ist doch, wer den Weg für ein solches Vorhaben findet. Es genügt nicht, auf den Mond zu wollen, man muss auch wissen, wie man es anstellt.

Sie haben sich nichts vorzuwerfen bei der Eroberung Wolfsburgs?

Was heißt schon sich etwas vorwerfen? Die öffentliche Diskussion hat ja Gründe. Wir wussten ja schon vorher um die Gemengelage: das Land Niedersachsen, die EU, die Betriebsräte und die Gewerkschaften. Alle rühren da mit, und jeder hat seine ureigenen Interessen - ein spannender Stoff für ein Buch. Wir verfolgen unser übergeordnetes Ziel: die Allianz VW-Porsche. Am Ende wird das für alle eine gute Geschichte - für Mitarbeiter wie für Aktionäre. Davon bin ich fest überzeugt.

Sie haben den Namen Ferdinand Piëch bis jetzt bewusst nicht in den Mund genommen.

Ich habe eine Vielzahl von Aktionären, nicht nur die Familie. Den Vorzugsaktionären, die 50 Prozent unseres Kapitals halten, bin ich auch Rechenschaft schuldig.

Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu Herrn Piëch?

Im Juli, beim letzten ordentlichen Aufsichtsratstreffen der Porsche SE.

Als Piëch der letzten VW-Aufsichtsratssitzung fernblieb, hat er Porsche brüskiert. Seither war er nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Selbst die Automesse in Paris hat er nicht besucht.

Bei uns auf dem Stand war er jedenfalls nicht.

Er wird doch nicht abgetaucht sein? Oder krank?

Das weiß ich nicht. Ich habe ihn früher auch nicht zu oft getroffen, in aller Regel im Aufsichtsrat oder bei anderen Gremiensitzungen.

Das klang schon mal anders: Sie hätten ein sehr vertrauensvolles Verhältnis, haben Sie früher erzählt: nicht immer einer Meinung, aber stets im konstruktiven Gespräch. Dieser Dialog scheint abgerissen.

Was heißt da abgerissen. Bei den Aufsichtsratssitzungen ist er dabei. Und da spricht man miteinander.

Herr Piëch hat Sie in friedlicheren Zeiten als tollen Manager gelobt - mit einem einzigen Makel, wie er sagte: Sie haben nie eine richtige Niederlage eingesteckt.

Mit dieser Aussage konnte ich noch nie etwas anfangen.

Ist er jetzt dabei, Ihnen die Niederlage beizubringen, die Ihnen noch fehlt in der Karriere?

Und wie soll das gehen? So viel haben wir bis jetzt nicht verkehrt gemacht, wenn wir überhaupt etwas verkehrt gemacht haben. Wir kaufen uns relativ günstig in den größten Automobilkonzern in Europa ein, ohne dafür Geld von den Aktionären zu verlangen, und finanzieren das alles aus unserem Geschäft heraus. Wie gesagt: Unsere Aktionäre müssten glücklich sein.

Wären Sie in Wolfsburg etwas weniger ruppig aufgetreten, hätten Sie Ihre Ziele vielleicht schneller oder zumindest ruhiger erreicht.

Jeder Schritt, den wir getan haben, war notwendig und abgestimmt, im vollen Konsens mit allen Gesellschaftern und mit dem Aufsichtsrat. Schneller geht's nicht und ruhiger aufgrund der Gemengelage auch nicht.

Sie verschwenden keinen Gedanken an einen Rücktritt?

Na hören Sie - ich werde meinen Vertrag erfüllen. Bis 2012 bleibe ich der Firma erhalten. Da machen Sie sich mal keine Sorgen.

Wie lange kann es gutgehen, wenn sich zwei so starke Alpha-Tiere ineinander verbeißen? Irgendwann schadet der Kampf beiden Unternehmen, VW wie Porsche.

Dies ist ein Thema der Aktionäre. Wenn das ein Problem ist, müssen es die Eigentümer lösen.

Der Porsche-Piëch-Clan muss entscheiden, wer obsiegt: Ferdinand Piëch oder Sie?

Das kann nur innerhalb der Familie geklärt werden.

Haben Sie den Eindruck, da klärt sich was im Moment?

Es wird viel gesprochen, was immer das heißt. Das Management hat sich da herauszuhalten. Wir können nur unsere Arbeitskraft anbieten und für die Aktionäre und Mitarbeiter gute Ergebnisse abliefern. Ich glaube, das haben wir bisher nicht ganz schlecht gemacht.

Ihren vielen Gegnern in Wolfsburg kommt es gelegen, wenn Sie jetzt in die Defensive geraten.

In welche Defensive? Wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass wir Schritt für Schritt unseren Plan durchziehen. Das geht kaum aus der Defensive heraus, da muss man schon mit offenem Visier an der Front stehen.

Wiedeking muss weg, heißt es im VW-Konzern bis hoch in den Vorstand, sonst können VW und Porsche nicht friedlich zusammenwachsen. Wie wollen Sie den Widerstand brechen?

Am Ende des Tages werden die Signale 50 plus X jeden überzeugen.

Wenn Sie im November die Mehrheit der Aktien haben, sind Sie Herr im Haus, weiterer Widerstand ist zwecklos.

Wir haben im VW-Konzern mehr Befürworter als Gegner, täuschen Sie sich da mal nicht. Und wenn eine klare Besitzstruktur gegeben ist, wird es sein wie überall, wo klare Besitzstrukturen vorhanden sind.

Wer sich nicht unterwirft, muss gehen?

Quatsch. Die Menschen wissen, dass es keinen Grund gibt, gegen uns als Hauptaktionär zu opponieren. Wir haben jedes Interesse, dass der Konzern erfolgreich ist und dadurch Arbeitsplätze sichert, schließlich haben wir Milliarden investiert. Unser Job ist es jetzt, gemeinsam mit dem Kollegen Martin Winterkorn und seinem Vorstand durch die Allianz Mehrwert zu schaffen und Toyota anzugreifen.

Die VW-Kollegen fürchten, dass sie zur Abteilung von Porsche degradiert werden, dass Sie den VW-Anteil auf 75 Prozent erhöhen und einen Beherrschungsvertrag abschließen. Können Sie ihnen diese Sorge nehmen?

Wir wären schlechte Unternehmer, wenn wir jetzt sagen würden, wir schließen langfristig eine Beherrschung aus. 75 Prozent sind heute kein Thema, das ist klar. Die theoretische Möglichkeit aber wollen wir uns erhalten. Dies heute aufzugeben, nur um Ruhe hineinzubekommen, wäre falsch. Das würde man uns eines Tages vorwerfen - zu Recht.

Deswegen streiten Sie so vehement gegen das VW-Gesetz: Bisher kann das Land Niedersachsen mit seinen 20 Prozent jede Beherrschung verhindern?

Wir kämpfen gemeinsam mit der EU-Kommission um nichts mehr, als dass für VW Regeln gelten wie für jeden anderen Dax-Konzern.

Sind Sie sehr enttäuscht, dass sich die Kanzlerin als Retterin des VW-Gesetzes inszeniert?

Ich glaube, dass vor allem die Menschen im Schwabenland von ihrem Auftritt in Wolfsburg irritiert sind.

Die Schwaben haben sich geärgert über Angelas Merkels Spitze, bei VW können Sie sogar Hochdeutsch und noch mehr?

Das fand man in Baden-Württemberg überhaupt nicht lustig. Die Schwaben haben über den Länderfinanzausgleich Milliarden nach Niedersachsen überwiesen. Und dafür sollte man sie nicht unbedingt auch noch veräppeln.

Wird das VW-Gesetz am Ende fallen?

Sonderregeln werden auf Dauer keinen Bestand haben. Wenn die Europäische Kommission gegen die Neuauflage des Gesetzes vorgeht, wird es in Berlin nicht zu halten sein. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Die Börse spekuliert schon jetzt darauf, dass Sie auf 75 Prozent an VW aufstocken - oder wie erklären Sie den irren Anstieg der VW-Aktie?

Die 75 Prozent sind heute kein Thema; wir treiben den Kurs nicht. Auf Dauer wäre ein so hoher Kurs auch nicht gut.

Warum? Dadurch erhöht sich der Wert Ihres VW-Pakets in der Bilanz und somit der Gewinn.

Nein. Wir bilanzieren schön konservativ. Hätten das andere auch so betrieben, müsste beispielsweise der Staat nicht mit 35 Milliarden Euro der Hypo Real Estate zur Seite springen.

Sie waren immer gegen Subventionen für die Autoindustrie. Darf der Staat die Banken mit Steuergeld raushauen?

Es ist in der Tat keine einfache Antwort, welche die Politik da geben muss. Wir alle wissen, dass das ganze System wackelt. Die Frage ist nun: Bekommt der Staat das Geld je wieder? Es ist ja die Rede davon, dass er die Unternehmen verstaatlicht, die Aktionäre also gewissermaßen auf diesem Weg enteignet und nicht über die Insolvenz. Ich bin gespannt, wann sich die ersten Eigner dagegen wehren. Da sind ein paar Leute auf dem falschen Fuß erwischt worden.

Der Privatanleger Wiedeking auch?

Nein. Gott sei Dank nicht.

Haben Sie Ihr Vermögen nicht in Aktien angelegt?

Doch, aber nicht in Bank-Aktien.

Sie haben rechtzeitig verkauft?

Nein, ich hatte noch nie Bank-Aktien. Ich bin mehr fürs reale Geschäft.

Immobilien, Häuser und Anteile an einer Schuhfabrik in Ungarn?

Genau. Oder Beteiligungen im Internet. Ich bin am größten Online-Ferienhausvermittler beteiligt: e-domizil. Gute Homepage, müssen Sie sich merken. Und wenn Sie eine Schiffsreise buchen wollen, da sind wir auch Marktführer: e-hoi. Und für Erlebnisreisen: e-kolumbus. Schöne Geschichten. Alles selber finanziert, mit Freunden zusammen.

In der Politik kocht jetzt wieder die Debatte hoch, Managergehälter zu begrenzen. Was halten Sie davon als Spitzenverdiener unter Deutschlands Vorständen?

Wenn Politiker bewerten können, was Manager wert sind, dann muss ich sagen: Hut ab. Ich kann nicht beurteilen, was ein Ministerpräsident verdienen soll.

Finden Sie es gerecht, dass Sie in zwei Wochen mehr verdienen als ein BMW-Chef im ganzen Jahr?

In meinen 16 Jahren im Amt habe ich fünf BMW-Chefs erlebt, dadurch ergibt sich eine andere Kontinuität. Und Kontinuität schafft auch Mehrwert für das Unternehmen, wie man am ehemaligen BMW-Chef Eberhard von Kuenheim sehen kann, der über 20 Jahre im Amt war. Wie viel der einzelne Vorstand wert ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Und überhaupt: Wissen Sie eigentlich, wie viel ich verdiene?

Auf 60 Millionen Euro lässt der Geschäftsbericht im vorigen Jahr schließen, 2008 wird's angeblich dreistellig.

Es ist richtig: Ich verdiene nicht schlecht. Das liegt auch daran, dass ich in der Krise vor 15 Jahren mit meinem Privatvermögen für Porsche gehaftet habe. Wenn mein Gehalt deshalb heute in eine Dimension wächst, die für den einen oder anderen unverständlich ist, dann kann ich das nachvollziehen. Auf der anderen Seite sind viele Porsche-Aktionäre sehr, sehr reich geworden. Und unsere Mitarbeiter und Führungskräfte bezahlen wir sehr ordentlich und beteiligen sie mit einem schönen Bonus am Gewinn. Darüber hinaus engagiere ich mich finanziell in einer Reihe von sozialen Projekten - und das nicht erst, seit diese Zahlen in der Welt sind.

Ihr Ziel war es schon immer, richtig reich zu werden?

Ja. Mit 15 habe ich mir gesagt: Mit 30 will ich die erste Million haben.

Das haben Sie geschafft.

Ja. Mit Immobilien.

Was treibt Sie heute an, immer noch mehr Millionen zu verdienen? Die Gier?

Ach Quatsch. Das hat doch nichts mit Gier zu tun. Das Geld wird doch nicht verprasst, sondern investiert, um Vermögenswerte für die Zukunft zu schaffen - und damit auch Arbeitsplätze.

Nur ein Traum blieb Ihnen bisher verwehrt: die eigene Kneipe.

Auch den Wunsch habe ich mir inzwischen erfüllt - in meiner Heimatgemeinde in Westfalen. Die Kneipe läuft sehr gut, und ich kann sie wirklich jedem empfehlen: gutes Essen, gutes Bier, faire Preise.

Sie stehen dort auch hinter der Theke?

Vor der Theke ist es viel interessanter.

Jetzt haben Sie es tatsächlich geschafft, im ganzen Gespräch den Namen Ferdinand Piëch zu vermeiden. Wollen Sie ihn wenigstens zum Schluss loben?

Ein genialer Ingenieur.

Mit menschlichen Macken?

Das hätten Sie wohl gerne, dass ich mit einer Antwort in diese Falle tappe. Nein, der Mann hat viel geleistet, viel erreicht und den Wettbewerbern gezeigt, wo es langgeht. Das schüttelt man nicht mal so eben aus dem Ärmel.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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