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Übernahme nach Insolvenz : Hürden für Lufthansas Jagd auf Air Berlin

Schnelle Auslese: Filetstücke der insolventen Gesellschaft Air Berlin sollen beim Rivalen Lufthansa und zwei weiteren Mitbietern aus der Branche landen. Bild: Getty

Der Marktführer will die Filetstücke des insolventen Rivalen rasch schlucken. Doch das forsche Vorgehen wird öffentlich und intern kritisch beäugt.

          Das erste Treffen des Gläubigerausschusses der insolventen Air Berlin am Mittwoch ist mit Spannung erwartet worden. Doch zu einer Weichenstellung, dass die Deutsche Lufthansa bevorzugt von der Verwertung des Rivalen profitieren werde, kam es – noch – nicht. Stattdessen habe der deutsche Marktführer sein Interesse an Teilen von Air Berlin präzisiert. Danach seien die Lufthanseaten an der Übernahme der profitablen Ferienfluggesellschaft Niki sowie an ausgewählten Teilen der Strecken und Flotte von Air Berlin interessiert, nicht aber am Kauf des kompletten Unternehmens, hieß es in Frankfurt. Ob die Wunschliste zu einem konkret formulierten Angebot führt, das intern schon vor Tagen vorbereitet wurde, blieb offen.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Zögern der Lufthanseaten hat einen Grund. Eine konkrete Offerte für die Filetstücke des gescheiterten Rivalen würde nicht nur Mitbieter, sondern auch die Belegschaft von Air Berlin irritieren. Wenn der Marktführer durch den Zukauf sein bisheriges Angebot nur verstärkt, sind viele zentrale Funktionen doppelt besetzt. Entsprechend harsch fiele der Stellenabbau bei Air Berlin aus. Dass nicht alle 8000 Arbeitsplätze gerettet werden können, hatte Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann schon mehrfach betont. Schließlich konzentriert sich das Interesse der Bieter auf Flottenbestände, womit wohl das Gros des fliegenden Personals bei neuen Arbeitgebern landen dürfte. Die meisten Stellen in der Verwaltung und in der Flugzeugwartung sind hingegen ernsthaft bedroht. Nach seriösen Schätzungen könnten bis zu 2000 Stellen wegfallen.

          Solche Horrorszenarien überschatteten die Auftaktsitzung des Gläubigerausschusses in Berlin. Zudem drängt die Zeit. „Der größte Humbug, der in den vergangenen Tagen gesagt wurde, ist, dass der staatliche Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro für den Flugbetrieb bis Mitte November reicht“, sagt ein Branchenmanager. Aus heutiger Sicht wird eher mit sechs Wochen kalkuliert. Im ersten Quartal hatte Air Berlin etwa 3 Millionen Euro Verlust am Tag gemacht. Im Sommer läuft das Geschäft traditionell besser, da dann viele Urlauber zu befördern sind. Allerdings dürften bei Air Berlin nun weniger Buchungen eingehen, Geschäftspartner beharren auf kürzeren Zahlungsfristen, wenn sie nicht gar Vorkasse verlangen.

          TUI verliert Interesse an Air Berlin

          Dennoch ging es im Gläubigerausschuss zunächst um Formalien wie der Zustimmung zur Fortsetzung des Flugbetriebs von Air Berlin. Eine voreilige Festlegung auf einen bevorzugten Bieter werde es vor diesem Hintergrund nicht geben, versicherte ein Teilnehmer. Neben der Lufthansa stehen auch der britische Billigfluganbieter Easyjet sowie der britische Reisekonzern Thomas Cook mit seiner deutschen Tochtergesellschaft Condor in Verhandlungen mit Air Berlin. Das Interesse der TUI ist hingegen erkaltet. Ohnehin war der Konzern seit langem bestrebt, sein wenig gewinnbringendes Urlaubsfluggeschäft mit TUI fly zurückzufahren.

          Nachdem Air-Berlin-Großaktionär Etihad einen Pakt für eine Ferienflugallianz, in der TUI nur Juniorpartner gewesen wäre, platzen ließ, waren wieder größere Optionen erwogen worden. Doch TUI-Chef Fritz Joussen machte nun deutlich, dass er gar keine Kaufabsichten mehr hegt. Dem Konzern geht es nur noch darum, eine Lösung für 14 samt Personal an Niki vermietete Flugzeuge – rund 700 TUI-Beschäftigte sind damit verbunden – zu finden. Allerdings ist aus Konzernkreisen ebenso zu hören, dass in der aktuellen Hektik dem Konzern nicht genug Zeit bliebe, um Zahlen ausreichend zu prüfen.

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          Die Kritik am Prozedere hält an. Dass seit Ende Mai die Möglichkeit bestand, bei Air Berlin Einblicke in die Bücher zu bekommen, nutzte vor allem Lufthansa intensiv. „Die Deutsche Lufthansa kennt bereits länger alle Kennzahlen, während andere Gesellschaften erst jetzt an diesen Punkt kommen“, kritisierte ein Luftfahrtmanager. Der deutsche Marktführer habe einen Zeitvorsprung, der ihm Vorteile verschaffe. Air Berlin verweist derweil darauf, dass Vorstandschef Winkelmann, ein früherer Lufthanseat, bereits im Februar gesagt hatte, dass man auf Partnersuche sei.

          Diese Kritik will der deutsche Investor Hans-Rudolf Wöhrl, dem in Branchenkreisen aber wenig Chancen auf eine Komplettübernahme eingeräumt werden, nicht gelten lassen. Wenn Air Berlin lange auf der Suche gewesen sei, hätte sie „einen in der Wirtschaft üblichen Weg wählen müssen und nicht nur die Interessenslage bei ein paar befreundeten Unternehmen abzufragen“, sagte er.

          Quelle: F.A.Z.

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