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Aktualisiert: 28.03.2015, 17:33 Uhr

Germanwings-Absturz Aufrecht im Mediengewitter

Schlafwandlerisch hat der Lufthansa-Chef nach der Katastrophe von Flug 4U 9525 alles richtig gemacht. Ist Carsten Spohr also ein Naturtalent? So scheint es allen, aber so ist es nicht.

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© AP Mindestens 15 Fernsehauftritte hat Lufthansa-Chef Spohr in nur drei Tagen absolviert; neben ihm in der Rolle des seriösen Sidekicks Germanwings-Chef Thomas Winkelmann.

Es gibt Szenen im Leben, die erschließen sich erst später. Als sich Christoph Franz vor knapp einem Jahr als Vorstandschef der Lufthansa verabschiedete, holte er aus seinem Schrank eine schwarze Krawatte und reichte sie seinem Nachfolger Carsten Spohr mit den Worten: „Carsten, diese Krawatte habe ich von meinem Vorgänger Wolfgang Mayrhuber geerbt. Sie gehört jetzt Dir. Hoffentlich musst Du sie nie tragen.“

Rainer Hank Folgen:

Als Carsten Spohr am vergangenen Dienstag gegen elf Uhr vom Absturz einer Germanwings-Maschine des Flugs 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf erfuhr, wusste er, dass die Hoffnung seines Vorgängers nicht in Erfüllung gegangen ist.

Am Donnerstagabend, als Spohr in den Tagesthemen zu der dramatischen Entwicklung Stellung nehmen muss, trägt er die schwarze Krawatte bereits seit zwei Tagen. Er war in Marseille. Er war in Barcelona. Und er war in Düsseldorf. Er weiß selbst nicht mehr, wie oft er bis dahin den Satz so oder ähnlich gesagt hatte: „Wir sind alle zutiefst betroffen und erschüttert. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Passagiere und unserer Crew.“ Ob es eine Steigerung des Extremen gebe, will Fernsehmoderatorin Caren Miosga von Spohr wissen, habe er doch am Dienstag schon vom „schwärzesten Tag für das Unternehmen“ gesprochen. Am Donnerstag aber war es Gewissheit geworden, dass Kopilot Andreas Lubitz willentlich sich und 149 Passagiere des Fluges in den Tod gerissen hatte.

Jedes Kind kennt mittlerweile den Lufthansa-Chef

„Trauer ist nicht zu steigern, wenn man Menschen verliert“, antwortet Spohr geistesgegenwärtig. Dann sagt er noch: „Dass es zu so einer Einzeltat kommt, hat sich keiner vorstellen können.“ Extreme Gefühle sind nicht steigerungsfähig, lautet die Antwort übersetzt: die Wirklichkeit ist es indessen schon.

Geistesgegenwart ist eine der Stärken, die Carsten Spohr in der vergangenen Woche bewiesen hat. Den Mann kannte vorher nur die Branche und eine am Fliegen interessierte Öffentlichkeit. Heute kennt ihn fast jedes Kind, nicht nur in Deutschland. Und wer ihn in seinen vielen Fernsehauftritten erlebt hat, muss denken: Das kann man nicht üben. Denn für das, was die Flugzeug-Katastrophe Spohr und seinem unmittelbar zuständigen Germanwings-Geschäftsführer Thomas Winkelmann in den vergangenen vier Tagen abverlangt hat, gibt es kein Vorbild. Kein Rollenspiel, so scheint es, übt die Gratwanderung ein zwischen Betroffenheit und Nüchternheit. Kein Logbuch liefert die angemessenen Formulierungen auf den Teleprompter.

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Spohr hat sich von Anfang an gestellt. Germanwings-Chef Winkelmann erhielt die Rolle des seriösen Sidekicks zugewiesen, womit man im Film eine spezielle Art von Nebenrolle beschreibt, meistens den Begleiter der Hauptfigur. In der fünfunddreißig Minuten dauernden Pressekonferenz am Donnerstag ergriff Winkelmann kein einziges Mal das Wort. Spohr war der Akteur. Keiner Frage wich er aus, nie flüchtete er ins Ungefähre. Nie ließ er sich von den öffentlich ins Kraut schießenden Spekulationen über Ursachen und Schuldige zu voreiligen Besänftigungen und Unschuldsbekenntnissen verführen.

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