12.05.2009 · Die Deutsche Lufthansa hat bei der geplanten Übernahme der österreichischen Fluglinie Austrian Airlines eine Hürde genommen. Doch muss die Fluggesellschaft ihren Expansionskurs überprüfen. Auch der Griff nach der britischen BMI wächst sich zu einem riskanten Engagement aus.
Von Ulrich Friese und Michaela SeiserDer Deutschen Lufthansa bereitet ihre Einkaufstour in Europa zunehmend Probleme. Neben der Übernahme der österreichischen Staatslinie AUA gerät jetzt der geplante Kauf der verlustreichen britischen Fluglinie BMI zur Zitterpartie.
Michael Bishop, Gründer und wichtigster Anteilseigner von British Midland (BMI), ist angeblich nicht bereit, seiner Gesellschaft einen Kapitalzuschuss von rund 100 Millionen Pfund zu gewähren, heißt es in britischen Medien. Das frische Geld ist jedoch erforderlich, um die angeschlagene BMI vor einem drohenden Entzug der Betriebsgenehmigung zu bewahren. Sowohl Lufthansa als auch BMI hätten daher Rechtsanwälte beauftragt, den Streit zu schlichten.
Zu den Erfolgschancen, die zweitgrößte Fluglinie in Großbritannien wie geplant zu übernehmen, hält sich die Lufthansa bislang strikt bedeckt. Wolfgang Mayrhuber, der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, sagte unlängst, dass seine Gesellschaft trotz der gegenwärtigen Wirtschaftskrise „Chancen im Markt“ nutzen werde, die sich durch die Konsolidierung in der Branche ergeben. Allerdings werde jedes Engagement in Hinblick auf seine kurzfristigen Belastungen und seinen künftigen Wertbeitrag geprüft. Gemessen an diesen Kriterien, gelten die geplanten Übernahmen von AUA und BMI als gewagte Vorhaben.
BMI gilt als hoch attraktiv
An der britischen Fluglinie war die Lufthansa seit Jahren mit 30 Prozent beteiligt. Die restlichen Pakete entfielen auf die skandinavische Fluglinie SAS (20 Prozent) und den Firmengründer, der 50 Prozent plus eine Aktie besaß. Im Zuge einer 1999 vereinbarten Verkaufsoption erwarb der Kranichflieger zu Jahresbeginn die Anteile von Bishop. Doch fast gleichzeitig machte die Nachricht die Runde, dass die britische Fluglinie in wirtschaftlich desolatem Zustand sei. In einem internen Rundschreiben heißt es, dass BMI im vergangenen Geschäftsjahr einen Rekordverlust eingeflogen habe. Ihr bislang höchstes Defizit wies die Gesellschaft vor sieben Jahren mit einem Minus von 20 Millionen Pfund aus. Im Geschäftsjahr 2007 setzte BMI mehr als 1 Milliarde Pfund um und erwirtschaftete einen Gewinn von 15,5 Millionen Pfund.
Für die Lufthansa ist die Übernahme von BMI dennoch hoch attraktiv, weil die Gesellschaft - hinter dem Platzhirsch British Airways - die meisten Start- und Landerechte auf dem Flughafen-Drehkreuz London-Heathrow besitzt. Nicht von ungefähr wird BMI von Spöttern der Branche daher als „vergoldetes Landerecht“ umschrieben. Dennoch stellte Mayrhuber auf der vergangenen Hauptversammlung klar: „Eine starke Präsenz in Heathrow ist extrem wichtig, doch der Erwerb von Slots ohne eine geschäftlich aktive BMI macht für uns keinen Sinn.“
AUA-Übernahme rückt näher
Auch um die Übernahme der Austrian Airlines muss der deutsche Konzern bangen. Doch ist er diesem Ziel einen Schritt näher gekommen. Am Montag verstrich die Annahmefrist für das Angebot an die Streubesitz-Aktionäre, die an der angeschlagenen österreichischen Fluglinie beteiligt sind. Wie Lufthansa am Dienstag bestätigte, wurden über 85 Prozent der Anteilsscheine zum Kauf angeboten. Damit hat die Lufthansa ihr Ziel, per 11. Mai mindestens 75 Prozent der Aktien zu halten, klar erreicht und eine ihrer Bedingungen vor der Übernahme erfüllt. Die genaue Annahmequote wird Lufthansa voraussichtlich am Donnerstag verlautbaren. AUA-Vorstand Peter Malanik sprach von einem „weiteren entscheidenden Meilenstein“ im Verkaufsprozess. Er gab sich in einer Mitteilung weiter zuversichtlich, den endgültigen Aktienübertrag (Closing) im Sommer zu erreichen. Die Anleger reagierten positiv: Der Kurs sprang am Dienstag Vormittag um gut 8 Prozent auf mehr als 4 Euro. Das entspricht mehr als einem Viertel des Emissionspreises im Jahr 1988 und rund einem Zehntel des Allzeithochs im Jahr 1990. Die Lufthansa garantiert den freien Aktionären einen Ankaufspreis von 4,49 Euro.
Seit Anfang März lief das Übernahmeangebot für den Streubesitz der AUA. Monate zuvor hatte der Hauptaktionär, die staatliche Privatisierungsagentur Österreichische Industrieholding AG (ÖIAG) den Verkauf seines 41,6-Prozent-Pakets zum symbolischen Preis von rund 366.000 Euro abgesegnet. Auch Banken und Versicherungen gaben ihren Anteil von rund 7 Prozent ab.
Als nächste Hürde tut sich dann die Prüfung der europäischen Kartellwächter auf. Die AUA hat als Teil des Kaufpreises einen Schuldennachlass von einer halben Milliarde Euro gewährt. Die Behörde in Brüssel monierte bereits im Vorfeld die verkappte Staatshilfe.
Neben dem Erreichen der Mindestannahmeschwelle nennt Lufthansa als aufschiebende Bedingung, dass die Genehmigung des Zusammenschlusses bis zum Juli dieses Jahres vorliegt. Mit Blick auf drohende Auflagen der Behörden stellte Konzernlenker Mayrhuber zudem klar, dass er am Kauf einer wirtschaftlich intakten Gesellschaft interessiert ist. „Wir wollen in eine richtige AUA investieren und nicht in ein AUAlein“, sagte er kürzlich bei einem Besuch in Österreich.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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