19.10.2006 · Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche kann einer staatlichen Beteiligung an EADS wenig abgewinnen. Dennoch reden sich die Politiker weiterhin die Köpfe heiß, ob durch einen Staatseinstieg die Krise abgemildert werden könnte.
Die Politiker reden sich die Köpfe heiß über eine mögliche Staatsbeteiligung an dem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche kann dem wenig abgewinnen. „Grundsätzlich ist für das Unternehmen eine Verstärkung des staatlichen Einflusses nicht erstrebenswert“, sagte Zetsche der F.A.Z.. Daimler-Chrysler wird vom kommenden Jahr an noch 22,5 Prozent an EADS halten, will diesen Anteil aber, wie der Vorstandsvorsitzende bekräftigt, auf 15 Prozent zurückfahren. Einen Zeitpunkt hierfür hat er bisher nicht genannt.
Die Krise bei der EADS-Tochtergesellschaft Airbus hatte gleichwohl die Debatte darüber entfacht, ob staatliche Institutionen einschließlich der KfW-Bankengruppe einspringen könnten, wenn Daimler die 7,5 Prozent verkauft. Dabei geht es auch um die Abwehr eines französischen Übergewichts in der EADS. Hierzu sagt Zetsche: „Die EADS muß vor allem einen unternehmerischen Weg finden, wieder zu der Stärke zu finden, die sie vor wenigen Jahren hatte. Wir werden aber versuchen, darauf Einfluß zu nehmen, daß die Auswirkungen jeglicher Maßnahmen halbwegs gleichgewichtig von Deutschen und Franzosen zu tragen sind.“ Auf französischer Seite sind der Staat und die Industriegruppe Lagardère noch mit jeweils 15 Prozent an EADS beteiligt. Lagardère will sich ebenfalls zurückziehen – aber erst bis Mitte 2009.
Deutsche Bank erwägt Einstieg bei EADS
Ungeachtet seiner industriellen Präferenz im Aktionärskreis der EADS zieht Zetsche die Diskussion in Berlin und in mehreren Landeshauptstädten ins Kalkül. „Ich betrachte es als eine Selbstverständlichkeit, daß man einen solchen Schritt, der ja in einem politischen Umfeld stattfindet, auch politisch bespricht“, formuliert er diplomatisch. Abzuwarten bleibt, wer auf Seiten der Wirtschaft wirklich zu einem EADS-Engagement bereit wäre. Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber lehnte gestern eine Beteiligung ab.
In der Finanzbranche sieht die Lage offenbar anders aus. Dem Vernehmen nach bemüht sich Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann um die Schaffung eines neuen Aktionärskerns und erwägt sogar eine begrenzte Beteiligung seiner Bank. Er würde damit sein immer wieder bezweifeltes Eintreten für den Standort Deutschland unter Beweis stellen, müßte allerdings kritische Fragen seiner internationalen Anteilseigner in Kauf nehmen. Daher dürfte Ackermann vorab auf einen klaren Plan dringen, wie Airbus aus der Krise kommen soll. Die Deutsche Bank ist immer noch Großaktionär von Daimler-Chrysler und stellt mit dem ehemaligen Vorstandssprecher Hilmar Kopper auch den Aufsichtsratsvorsitzenden.
Enders: Kein Grund zur Hysterie
Auch Thomas Enders, einer der beiden Chefs von EADS, hat Forderungen nach einem Einstieg des Staates kritisiert. Ein solcher Schritt sei „die Rückkehr in die Steinzeit“, sagte er in einem Interview. In Berlin betonte Enders, die Lage bei EADS dürfe nicht zu dramatisch gesehen werden; es gebe keinen Grund zur Hysterie. „Wir werden in diesem Jahr eine Rekordzahl von Flugzeugen ausliefern, etwa 420 bis 430.
In der Bundesregierung gibt es widerstreitende Ansichten darüber, ob sich der Bund an der EADS beteiligen sollte. Einig ist man sich offenbar darüber, daß in diesem Fall der Einstieg russischer Investoren verhindert werden soll. Damit müßte gegebenenfalls die KfW zumindest zeitweilig einspringen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte beim Luftverkehrskongreß am Donnerstag in Berlin, er sehe eine staatliche Beteiligung als „ultima ratio“ an. “
Ministerien sträuben sich
Im Finanz- und Wirtschaftsministerium sträubt man sich gegen eine Staatsbeteiligung. So wird auf die politische Erpreßbarkeit des Staates verwiesen, wenn schmerzhafte unternehmerische Entscheidungen zur Sanierung des Konzerns anstünden. Auch will man wohl den Eindruck verhindern, die Regierung entscheide unter Druck oder übereilt. Die Befürworter einer zügigen Übernahme durch die KfW-Bank hätten allerdings in Finanzstaatssekretär Thomas Mirow (SPD) einen einflußreichen Unterstützer. Mirow kommt aus Hamburg und hatte im letzten Wahlkampf dort gegen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) verloren. Hamburg ist der größte deutsche Airbus-Produktionsstandort.
Beust hatte bereits erklärt, Kanzlerin Angela Merkel sei auch für den Einstieg der KfW bei EADS. Wenn Daimler-Chrysler seinen Anteil verringern wolle und kein privater Anteilseigner gefunden werde, sei ein vorübergehendes Engagement denkbar, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann. Er könne sich nur vorstellen, daß EADS-Anteile „befristet und mit einer klaren Exit-Strategie“ bei der KfW geparkt würden.
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