19.02.2007 · Am Dienstag wollte EADS sein Airbus-Sanierungsprogramm „Power8“ bekannt geben. Nun hat der Flugzeugbau- und Rüstungskonzern den Termin überraschend abgesagt. Begründet wurde das am Montag mit der Notwendigkeit weiterer Beratungen.
Von Marcus Theurer und Johannes RitterDas Sanierungsprogramm für den angeschlagenen europäischen Flugzeugbauer Airbus verzögert sich. Wie der Airbus-Eigner EADS am Montag überraschend mitteilte, wird das seit Monaten erwartete Maßnahmenpaket mit dem Namen „Power 8“ nicht am heutigen Dienstag Belegschaft und Öffentlichkeit vorgestellt. Die EADS-Aktie legte am Montag trotz der Verzögerung im Handelsverlauf um 2,6 Prozent auf 25,76 Euro zu. Gestützt wurde der Kurs von der Nachricht, dass der arabische Ölstaat Qatar Interesse an einer EADS-Beteiligung hat.
Die EADS begründete die Verschiebung des Sanierungsprogramms damit, dass sich Gesellschafter nicht hätten über die Aufteilung der Arbeit für das neue Langstreckenflugzeug Airbus 350 XWB auf die verschiedenen Standorte einigen können. In Unternehmenskreisen hieß es, ein Kompromiss solle nun in den kommenden Wochen gefunden werden. Mit „Power 8“ will Airbus nach milliardenteuren Entwicklungspannen die Kosten senken und seine Arbeitsabläufe verbessern. Das Sparprogramm wird voraussichtlich Tausende Arbeitsplätze kosten.
„Nicht zu kurz springen, das wäre fatal“
Mit der Terminverschiebung werden abermals die gegensätzlichen Interessen der deutschen und französischen Gesellschafterseiten bei Airbus offensichtlich. Großaktionär bei EADS sind unter anderen der französische Staat und der deutsche Autokonzern Daimler-Chrysler. Von deutscher Seite hieß es, die Franzosen wollten sich beim A350 einseitig zukunftsträchtige Schlüsseltechnologien sichern. Dies hätten die deutschen Vertreter im EADS-Verwaltungsrat (Board), angeführt von Co-Vorstandschef Thomas Enders, abgelehnt. „Man muss auch die Zukunftschancen fair aufteilen“, sagte dessen Sprecher in München.
Der französische Co-Chef von EADS, Louis Gallois, der zugleich Airbus leitet, wies den Vorwurf zurück: Er habe „industriell und technologisch ausgewogene Vorschläge“ zur Arbeitsteilung beim A350 gemacht. Zugleich mahnte er zur Eile: „Wir brauchen sehr schnell eine Lösung, die nationale Fragen überwindet“, sagte Gallois.
Von französischer Seite hieß es aber auch, mit Ausnahme der internen Aufgabenverteilung beim A350 seien alle im Rahmen von „Power 8“ zu klärenden Fragen gelöst. So gibt es intern offenbar Einigkeit über den Umfang des Stellenabbaus und den erwarteten Verkauf von Airbus-Werken an Zulieferer. „Wir dürfen bei Power 8 nicht zu kurz springen, das wäre fatal“, sagte der deutsche EADS-Sprecher in München.
Wulff hat Förderhilfen in Aussicht gestellt
Für Stefan Halter, Luftfahrt-Analyst bei der Hypo-Vereinsbank (HVB), ist die Verschiebung des Sanierungsprogramms ein Alarmsignal: „Ich befürchte, dass nationale Interessen vor wirtschaftliche Interessen rücken.“ Um die Fertigungsorte für den A350 wird besonders hart gerungen, weil dieses Flugzeug viele neuartige Kunststoffe statt Metall enthalten soll. Diese Technologie gilt als zukunftsträchtig; sie könnte auch bei der nächsten Generation des Airbus 320 zum Einsatz kommen. Die damit befassten Komponentenwerke dürften also einer besseren Zukunft entgegensehen.
Mit Blick auf den Erhalt von Beschäftigung und Technologie-Knowhow hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) bereits Förderhilfen für die vier Werke in seinem Bundesland in Aussicht gestellt. Airbus-Chef Louis Gallois will die Fertigungstiefe verringern und Partner für einzelne Werke suchen. Angeblich gab es bereits erste Gespräche über einen Verkauf des niedersächsischen Werkes Varel an Liebherr.
Ungeachtet der Airbus-Krise hat Qatar Interesse an der EADS-Aktie bekundet. Scheich Hamad bin Dschassim bin Dschaber al-Thani, Chef der Qatar-Investmentbehörde, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Falls wir glauben, es ist zum richtigen Wert, hätten wir nichts dagegen, eine EADS-Beteiligung selbst bis zu zehn Prozent zu nehmen.“ In Verhandlungskreisen hieß es allerdings, die Gespräche seien in einem frühen Stadium.
Investoren aus Qatar
Die „Qatar Investment Authority“ (QIA) umgibt sich mit einem Mantel des Schweigens wie ihre Schwestern in den benachbarten Golfmonarchien. Sie alle sind schwerreich und legen die Petrodollars ihrer Regierungen in erstklassigen Adressen der Industriestaaten an. Die Abu Dhabi Investment Authority gehört zu dem Kreis, die Kuwait Investment Authority und die Dubai International Capital.
Die jüngste unter ihnen ist die QIA. Erst im vergangenen Jahr ist sie aus dem „Hohen Rat für Wirtschaftsangelegenheiten und Investitionen“ entstanden. Als CEO steht ihr Außenminister Hamad Bin Dschassim Al Thani vor, ein Cousin des Emirs. Er sagte am Wochenende, auch die QIA wolle keinen Einfluss auf das Management der Unternehmen nehmen, sondern nur von deren Entwicklung profitieren und ihnen Geld zur Verfügung stellen.
Die operativen Geschäfte liegen in der Hand von Hussein al Abdullah, der den Rang eines stellvertretenden Generalsekretärs bekleidet. Finanzanalysten schätzen, dass er gegenwärtig 40 Milliarden Dollar verwaltet. Anlegen könnte er viel mehr. Denn Qatar besitzt die drittgrößten Gasvorkommen der Welt. Im vergangenen Oktober war die QIA mit ihrem Angebot von 11,9 Milliarden Euro für den größten britischen Wasseranbieter Thames Water knapp gescheitert.
Einige Beteiligungen von QIA wurden bekannt. So besitzt sie 10 Prozent der französischen Medienholding Lagardère SCA, eines Großaktionärs von EADS. Im November erwarb QIA für 100 Millionen Euro das Excelsior Hotel Gallia in Mailand. In Qatar gehören ihr Qatar Diyar, der größte Immobilienentwickler des Emirats, und die Qatar National Hotel Company, die in Doha die Hotels Sheraton, Ritz Carlton und Marriott besitzt. Nun bietet die QIA für die mit 769 Geschäften drittgrößte britische Einzelhandelskette Sainsbury. Die staatliche Qatar Airways hat vier Großraumflugzeuge A380 bestellt und den Kauf von 60 Mittelstreckenflugzeugen A350 zugesagt.
Brain-Power
Dirk Sternberg (crescendo)
- 19.02.2007, 18:51 Uhr
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