Der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS hat nach monatelangem Machtkampf zwischen der deutschen und der französischen Seite sein Führungsvakuum beseitigt und eine neue Doppelspitze ernannt.
Die seit langem für die EADS-Spitze vorgesehenen Noel Forgeard (58) und Tom Enders (46) seien nun für fünf Jahre zu Co-Vorstandschefs ernannt worden, teilte das Unternehmen am Samstag in München mit. Mit dem 55 Jahre alten Gustav Humbert wird erstmals ein Deutscher Chef des Flugzeugbauers Airbus, der zu EADS gehört. Die Verwaltungsratschefs Manfred Bischoff und Arnaud Lagardere erklärten, nach intensiven Verhandlungen sei nun ein exzellentes Team und eine neue Struktur für das künftige EADS-Management gefunden. Frankreichs Finanzminister Thierry Breton sagte, die neue Führung müsse sich nun ganz auf das operative Geschäft konzentrieren.
Die größten Anteilseigner von EADS sind die Daimler-Chrysler AG mit 30 Prozent und die französische Seite mit Lagardere und dem französischen Staat mit jeweils 15 Prozent. Das Machtgefüge bei dem deutsch-französischen Konzern mit mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz und rund 110.000 Mitarbeitern ist daher sorgsam austariert. Die Führung der EADS war durch einen monatelangen Machtkampf um Posten und Zuständigkeiten geradezu gelähmt gewesen. Selbst auf der wichtigen Luftfahrtmesse in Le Bourget vor Kurzem hatten die beiden Verwaltungsratschefs Bischoff und Lagardere als Interims-Chefs EADS vertreten.
Humbert berichtet an Forgeard
Nach der nun vereinbarten Lösung wurden auf Konzernebene zwei für das Tagesgeschäft zuständige Chief Operating Officers eingeführt. Diese Positionen würden mit dem Franzosen Jean-Paul Gut für Marketing und Strategie und dem deutschen Hans-Peter Ring für Finanzen besetzt. Airbus-Chef Humbert wird direkt an Forgeard berichten. Als Forgeard noch Airbus-Chef war, berichtete er an den damaligen deutschen Co-EADS-Chef Rainer Hertrich.
Nach Angaben eines mit dem Vorgang vertrauten Managers kam die Lösung bei einem Gespräch zwischen Bischoff und Lagardere am Donnerstag in München zu Stande. Beide hätten dann nochmals mit dem französischen Finanzminister Breton gesprochen. Nach Angaben eines EADS-Sprechers stimmte das Board von EADS letztlich am Samstag morgen zu.
Die in dem Machtgefüge von EADS üblichen wechselseitigen Berichtslinien im Top-Management - ein Deutscher berichtet an einen Franzosen oder umgekehrt - wurde in einigen Bereichen abgewandelt. Im täglichen Geschäft berichten nun Fabrice Bregier (neu geschaffene Sparte Hubschrauber), Gut und der deutsche Stefan Zoller (Verteidigung) an Enders. Francois Auque (Raumfahrt) und Ring berichten ebenso wie Airbus-Chef Humbert an Forgeard. Ralph Crosby (Nordamerika), Francisco Fernandez-Sainz (Militär-Transportflugzeuge) und Jussi Itävuori (Personal) werden dagegen an beide Vorstandschefs berichten.
Ein Daimler-Chrysler-Sprecher sagte, es sei „eine gute Lösung gefunden“ worden. „Trotz Meinungsverschiedenheiten hat sich die deutsch-französische Zusammenarbeit als tragfähig erwiesen“, sagte er. „Die Voraussetzung für den Ausbau der Wettbewerbsposition von EADS sind damit geschaffen worden.“
Vorrang für den A380
Bischoff und Lagardere erklärten, Priorität in der neuen Ära der EADS habe, die starke finanzielle Position auszubauen. „Die Ernennungen reflektieren sowohl die einzigartige Position der EADS als multinationales Unternehmen, als auch die starke Stellung des Unternehmens im Weltmarkt.“ Enders und Forgeard sagten, sie seien stolz, eines der weltweit erfolgreichsten Luft-, Raumfahrt und Verteidigungsunternehmen zu führen. Frankreichs Finanzminister Breton sagte der Zeitung „Le Figaro", Vorrang für die EADS habe nun, einen erfolgreichen kommerziellen Start des Airbus A380 sicherzustellen, der die Boeing 747 als größtes Passagierflugzeug ablösen wird. Airbus hatte bereits mehrmonatige Verzögerungen für den Beginn der Auslieferungen angekündigt und damit Kunden verärgert. „Sie werden sich auf operative Fragen konzentrieren müssen. ... Der A380 ist angesichts des Wettbewerbs entscheidend für die Zukunft von Airbus", sagte Breton.
Offen ist nach den Angaben noch, wo die nach Schaffung der neuen Hubschrauber-Sparte verbliebenen Aktivitäten in den Bereichen Regional- und Geschäftsflugzeuge und Wartung angesiedelt werden. Dies solle bei einer späteren Board-Sitzung entschieden werden, sagte ein mit dem Vorgang vertrauter Manager. Es liege aber nahe, daß diese Felder Airbus zugeordnet würden.
