Vorbild ist das Internet. So wie ein Datenpaket seinen Weg durch das Web findet, soll irgendwann das Postpaket selbständig den Weg zum Empfänger und der Schiffscontainer seine Route durch die Hafenanlagen finden. Das „Internet der Dinge“ heißt diese Zukunftsvision der Logistik: Nicht mehr die Transportanlagen sollen die Objekte, sondern die Objekte sollen die Transportanlagen steuern.
Dafür brauchen sie „Intelligenz“ und Kommunikationsfähigkeit. Was nach Science-Fiction klingt, beschäftigt Unternehmen und Wissenschaftler in der ganzen Welt. Mit Hochdruck arbeiten sie an der Weiterentwicklung der Radio-Frequenz-Identifikation (RFID), einer „Schlüsseltechnologie“ des 21. Jahrhunderts, wie es Michael ten Hompel selbstbewusst ausdrückt.
Auch die Politik hat das Thema entdeckt
Der Vorstandsvorsitzende des Informationszentrums RFID und Leiter des Dortmunder Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) steht mit seiner Meinung nicht allein. Auch die Politik hat das Thema entdeckt. Anfang der kommenden Woche richtet das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin eine große RFID-Konferenz aus, bei der die scheidende deutsche EU-Ratspräsidentschaft Pflöcke für das weitere Vorgehen in Europa einschlagen möchte.
Begonnen hat die Karriere der Funketiketten als Weiterentwicklung der Strichcodes, die jeder aus dem Einzelhandel kennt. Ebenso wie der Barcode stellen sie Informationen über ein Produkt bereit. Aber diese müssen nicht umständlich ausgelesen werden. RFID arbeitet per Funkübertragung: schnell, drahtlos und ohne direkten Kontakt zwischen Chip und Empfangseinheit.
Die Funketiketten können lernen
Die Funketiketten müssen sich nicht mit den einmal erhaltenen Informationen zufriedengeben. Sie können dazulernen. Schon jetzt sind Funketiketten verfügbar, die auf ihrer Reise Daten sammeln und weitergeben. Daran arbeitet zum Beispiel DHL, die Logistik-Tochtergesellschaft der Deutschen Post, zusammen mit IBM und einem Partner aus der Pharmaindustrie. Ein Pilotprojekt im Troisdorfer DHL Innovation Center zielt darauf ab, Funketiketten zur Temperaturkontrolle einzusetzen. Eine Kombination aus Funkchip und Wärmesensor kontrolliert und dokumentiert während des Transports die Temperatur von Arzneimitteln, Kosmetika oder Lebensmitteln.
„Absender, Empfänger oder Kontrolleur können den Zustand der Produkte überprüfen, ohne dass dafür die Sendung geöffnet werden muss“, so Projektmanager Stefan Wilms. Ein weiterer Vorteil: Der Chip kann jederzeit anhand der Temperatur berechnen, wie lange ein Produkt noch mindestens haltbar ist. Nicht mehr verwendungsfähige Ware kann sofort aus der Lieferkette genommen werden.
Der „intelligente Container“
Ein anderes DHL-Pilotprojekt ist der „intelligente Container“. Dabei wird die Temperaturkontrolle um weitere Funktionen erweitert. Zum Beispiel interessiert sich die Lebensmittelindustrie für die Luftfeuchtigkeit während des Transports. Oder ein Sensor erfasst in einem Container mit empfindlichen elektronischen Bauteilen Stöße und Erschütterungen durch raue See. So kann der Empfänger rechtzeitig informiert werden und Ersatz ordern. Die praktische Anwendung scheitert allerdings noch an der Kommunikation zwischen den Funkchips und dem Empfänger. Auch haftungsrechtliche Fragen sind nach Angaben von DHL noch zu klären: Wer trägt das Risiko, wenn wider Erwarten doch nur ein Teil der Ladung defekt ist, aber schon eine Ersatzlieferung bestellt wurde?
Michael ten Hompel könnte die Liste solcher Vorhaben und Projekte fast beliebig verlängern. Rund drei Dutzend Unternehmen engagieren sich am Fraunhofer IML. Mit Siemens zum Beispiel arbeitet das Dortmunder Institut am Einsatz von Funketiketten in Gepäckförderanlagen am Flughafen. Der Funkchip auf dem Koffer könnte das Gepäck eines Tages über die Bänder zum richtigen Flugzeug steuern. „Wir haben das ganze Potential der neuen Technologie noch lange nicht erschlossen. Meine Vision ist, dass Teile eines Produkts in der Fertigung in Zukunft selbständig zueinanderfinden und die Tablette im Krankenhaus der Zukunft weiß, wer sie nehmen soll“, sagt ten Hompel.
Markt soll sich bis 2016 verzehnfachen
Die wirtschaftlichen Zahlen klingen schon jetzt beeindruckend. Der weltweite Markt für Funketiketten soll sich bis 2016 auf 20,5 Milliarden Euro verzehnfachen, allein in Deutschland könnte der Umsatz der RFID-Wirtschaft bis 2010 auf 1,4 Milliarden Euro wachsen. Aber das sind nur die direkten Umsätze der Hard- und Softwareindustrie, welche Funkchips und Lesegeräte herstellen und die „Writer“ bauen, die die Chips mit ihren Informationen versorgen. „RFID ist eine Querschnittstechnologie. Sie hilft unabhängig von Branche und Größe des Unternehmens, Prozesse zu verbessern und Kosten zu senken“, beschreibt ten Hompel die Aussichten. Bisher spielen die Funketiketten in Deutschland für allenfalls ein Prozent der Volkswirtschaft eine Rolle. Aber schon 2010 könnte sich die Technik ganz unmittelbar auf etwa acht Prozent oder rund 62 Milliarden Euro der gesamten deutschen Wertschöpfung auswirken, so ein Gutachten des Wirtschaftsministeriums.
Unmittelbar auf der Hand liegt der Nutzen für den Handel und die Transportbranche. Aber auch die Autoindustrie gehört zu den Vorreitern, um ihre Logistik durch Funketiketten zu optimieren, Qualität zu sichern und Kosten zu senken. Wirtschaftsminister Michael Glos sieht „enorme Innovationspotentiale für viele Branchen“. Er hat die Funketiketten deshalb als eines von drei „Leuchtturmprojekten“ der deutschen Forschungsförderung ausgewählt.
Deutschland in der Welt führend
Ten Hompel drängt zur Eile. Noch sei Deutschland in Europa und sogar in der Welt führend. „Aber wir müssen uns anstrengen, dass wir nicht kurz vor dem technischen Durchbruch zurückfallen. Dieses Jahr wird darüber entscheiden, ob wir uns künftig in Dortmund oder in Seoul über wegweisende Funketiketten-Anwendungen informieren.“ Einen Engpass bildet die Frequenzpolitik. Ten Hompel fordert europaweit Frequenzbereiche, die exklusiv den gewidmet werden, und größere Bandbreiten. „Die amerikanischen Bandbreiten sind mehr als doppelt so hoch wie die unseren, und es stehen dort rund fünfmal so viele Kanäle zur Verfügung“, sagt der RFID-Papst.
Eine weitere - typisch deutsche Hürde - könnte sich aus dem Datenschutz entwickeln. Weder die Bundesregierung noch die Europäische Kommission sind bisher auf die Forderungen nach speziellen Schutzvorschriften vor einem „Ausspähen“ durch RFID eingegangen. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, befürchtet, dass die wachsende Verbreitung von Funkchips in der Konsumgüterindustrie missbraucht werden könnte, um das Kaufverhalten zu erfassen oder sogar Nutzungs- und Bewegungsprofile zu erstellen. „Eine Überregulierung würde den Stillstand für die weitere Entwicklung bedeuten“, hält ten Hompel dagegen.
Ohnehin wird es noch ein wenig dauern, bis die Funketiketten zu massentauglichen Produkten wird. Technisch wäre es schon heute kein Problem, jeden Joghurtbecher mit einem Funkchip zu versehen, der den Verbraucher über den Inhalt seines Kühlschrankes auf dem Laufenden hält. Solche Anwendungen scheitern allein am Preis. Aber schon in wenigen Jahren wird die „magische 1-Cent-Grenze für ein Funketikett“ unterschritten sein, glaubt ten Hompel.
Praktizierte Kommunikationsmethode
Ralf Ammon (ra902642)
- 21.06.2007, 11:39 Uhr
