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Lindt-Hauptversammlung : Wenn der Goldhase zweimal bimmelt

Gold und Geld wert: Die Lindt-Goldhasen Bild: Maximilian von Lachner

Wer eine Aktie von Lindt besitzt und die Hauptversammlung tapfer durchhält, wird mit einem 5-Kilo-Koffer voller Schokolade belohnt. Ganze Heerscharen meist älterer Menschen zogen damit heute durch Zürich.

          In der Zürcher Innenstadt hat sich am Donnerstagmittag Erstaunliches zugetragen: Ganze Heerscharen meist älterer Männer und Frauen liefen sichtlich gut gelaunt mit einem knallblauen Koffer durch die Gegend und machten sich sodann in Straßenbahnen und Bussen auf und davon. In dem eckigen Kartonkoffer verbarg sich süße Beute: Schokoladenprodukte aus dem Haus Lindt. Dieses fünf Kilogramm schwere Paket im Verkaufswert von rund 150 Franken ist vermutlich das beliebteste „Bhaltis“ der Schweiz. „Bhaltis“ (Behalte es) nennen die Eidgenossen ein kleines Geschenk für Besucher.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          In diesem Fall waren es die Besucher der Hauptversammlung des Schweizer Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli: Jeder der fast 3000 Namensaktionäre, die am Donnerstag in das Zürcher Kongresshaus pilgerten, bekam am Ende der Veranstaltung einen solchen „Schoggi“-Koffer in die Hand gedrückt. Die edle Kalorienbombe ist schwer begehrt. Es kam schon vor, dass Aktionäre den Gutschein für das Paket, den sie bei der Registrierung zur Hauptversammlung erhalten, schnell außerhalb des Kongresshauses kopierten, um hernach gleich zwei Schoko-Koffer abzustauben. Seither sind die Gutscheine in Hochprägung beschriftet.

          Alle bleiben brav sitzen

          Das rasend beliebte „Bhaltis“ sorgt nicht nur für eine hohe Präsenz in der Hauptversammlung. Am Donnerstag lag diese bei 86 Prozent des stimmberechtigten Aktienkapitals. Anders als bei den meisten anderen Aktionärstreffen bleiben die Lindt-Kleinaktionäre überdies allesamt brav bis zum Ende aller Abstimmungen im bis zum Bersten gefüllten Versammlungssaal sitzen. Denn den blauen Koffer gibt es wohlweislich erst, nachdem alle Tagesordnungspunkte in Gänze abgearbeitet sind, und seien diese noch so langweilig.

          Der Ansturm der Süßmäuler wäre sicherlich noch viel größer, wenn, ja, wenn die Lindt-Aktie nicht so unglaublich teuer wäre. Sage und schreibe 66.824 Franken kostet ein einziger Anteilsschein derzeit an der Börse. Das entspricht 62.500 Euro. Die Aktie über einen Split „leichter“ zu machen, lehnt die Unternehmensführung strikt ab: Zu einem Premium-Schokoladenhersteller passe auch eine Premium-Aktie, so das Argument des Verwaltungsrats. Wer wolle, könne ja den günstigeren Lindt-Partizipationsschein kaufen. Dieser ist freilich ohne Stimmrecht. Und den tollen blauen Koffer kriegt man damit auch nicht.

          Lindt-Chef besitzt Aktien von mehr als 250 Millionen Euro

          Viele Aktionäre besitzen denn auch nur eine einzige Namensaktie. „Ich habe meine Aktie von meinem Vater geerbt“, sagt ein älterer Herr im Foyer des Kongresshauses. Er kann sich glücklich schätzen: Kaum eine Aktie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so gut entwickelt wie Lindt. Ernst Tanner, der langjährige Konzernchef, der seit Beginn dieses Jahres „nur“ noch den Verwaltungsrat führt, hatte daran maßgeblichen Anteil. Der selbstbewusste Schweizer, das Gesicht wie immer braungebrannt, klopfte sich dafür am Donnerstag tüchtig selbst auf die Schulter: Als er, Tanner, vor 23 Jahren die Führung der Gruppe übernahm, habe der Umsatz 890 Millionen und der Börsenwert 652 Millionen Franken betragen. In diesem Jahr werde der Konzern mehr als 4 Milliarden Franken umsetzen. Und die Marktkapitalisierung sei mit 14,2 Milliarden Franken heute 22 Mal so hoch wie 1993, rechnete Tanner den Aktionären vor.

          Und dann ließ er einen Lindt-Werbespot über die Großbildleinwand flimmern, in dem ein gütig lächelnder „Maître Chocolatier“ vor leuchtenden Kinderaugen zweimal das Glöckchen des Goldhasen zum Klingen bringt. Der berühmte Schoko-Nager gehört neben den Lindor-Kugeln zu den absoluten Bestsellern im Haus. Deren Produktion hat indes entgegen der Werbebotschaft überhaupt nichts mehr mit Handarbeit zu tun. Tanner hat über die Jahre 3 Milliarden Franken in die Automatisierung der Produktion gesteckt. Am Firmensitz in Kilchberg am Zürichsee laufen pro Minute 2500 Lindor-Kugeln vom Band. Auch deshalb erzielt das Unternehmen eine Gewinnmarge vor Steuern von 14,2 Prozent.

          Tanner selbst hat sich bei Lindt eine goldene Nase verdient. Dabei fallen weniger seine reguläre Vergütung von zuletzt 7,4 Millionen Franken ins Gewicht, als vielmehr die Lindt-Aktien, die ihm über all die Jahre zugeteilt wurden: Diese haben aktuell einen Wert von mehr als 250 Millionen Franken. Der Geldsegen für den immer noch allmächtigen Tanner behagt nicht allen Aktionären: In der Abstimmung zum Vergütungsbericht 2016 gab es am Donnerstag 11 Prozent Neinstimmen – „Bhaltis“ hin oder her.

          Quelle: F.A.Z.

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