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Limo im Braukessel Konkurrenz für Bionade und Apfelschorle

10.08.2010 ·  Die Deutschen werden immer gesundheitsbewusster - und trinken weniger Bier. Die Braumeister haben das erkannt und füllen nun häufiger Alkoholfreies in Fässer und Flaschen.

Von Nadine Bös, Köln
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Im Braukessel wabert eine weißliche, schaumige Masse, aus der langsam aber stetig Blasen an die Oberfläche steigen. Es riecht säuerlich und ein bisschen nach Getreide. „Obergärige Hefe“, erklärt Rainer Radke, Braumeister der Kölner Privatbrauerei Gaffel. „Hier findet der offene Gärprozess statt.“ In Radkes Edelstahlbottich blubbert allerdings gerade kein Rohbier für Kölsch, sondern Limonade. Seit diesem Frühjahr müssen die Kessel immer wieder für das neuestse Gebräu des Familienunternehmens herhalten. Fassbrause heißt das alkoholfreie Zitronengetränk, das wie eine Mischung aus alkoholfreiem Radler und Bionade schmeckt. In kürzester Zeit hat die Gaffelbrause, wie die Kölner sie nennen, die Stadt erobert. „Mal wieder ausverkauft“, sagt das Personal im örtlichen Rewe-Supermarkt. „Wir hoffen, dass wir morgen Nachschub kriegen“, heißt es im Getränkemarkt um die Ecke.

„Wir haben Probleme hinterherzukommen“, bestätigt der Juniorchef der Privatbrauerei Gaffel Becker & Co., Heinrich Philipp Becker. Was die Fassbrause angeht, ist die Brauerei am Rand ihrer Kapazitäten; vor allem Flaschen und Kisten fehlen immer wieder. Zwei Prozent sollte die Fassbrause im ersten Jahr zum Umsatz des mittelständischen Unternehmen mit jährlich 500.000 Hektolitern Bierabsatz beisteuern. „Schon jetzt ist klar, dass wir das übertreffen“, sagt Becker und grinst. „Wann hat man das schon mal: Man fährt mit dem Laster auf den Handelshof und die machen extra eine Durchsage: Achtung, Achtung, jetzt ist wieder Gaffelbrause da! Das ist schon ein schöner Erfolg.“

Wenig Grund zum Jubeln

Und ein seltener. Deutschlands Brauer hatten zuletzt wenig Grund zum Jubeln. Bis Mai war 2010 ein schlechtes Bier-Jahr; allein die Fußball-Weltmeisterschaft und viele warme Sommertage ließen die Verbraucher zu Alkohol greifen. Den Trend zu weniger Bierkonsum kehrt das nicht um: Im vergangenen Jahr verkauften die Brauereien 100 Millionen Hektoliter Bier; 2002 waren es 108 Millionen. Die Konsumzurückhaltung in der Wirtschaftskrise, das Rauchverbot und der Kampf gegen den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen setzen der Branche zu.

Alkoholfreies dagegen boomt. Zwar ist dieser Bereich mit rund 3,3 Prozent Anteil am Bierverbrauch klein. Doch nach Angaben des Brauer-Bund-Präsidenten Wolfgang Burgard haben die Deutschen im vergangenen Jahr etwa 15 Prozent mehr alkoholfreies Bier und Malzbier getrunken als im Vorjahr. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen beziffert den Anstieg auf 13,5 Prozent, erfasst aber nicht den Verkauf an Kiosken oder in der Gastronomie. „Auch gebraute Limonaden und andere Erfrischungsgetränke aus Brauereien legen zu“, sagt Burgard. „Im Moment ist das aber noch eine eher kleine Schiene.“ In den Augen des Brauer-Bundes aber eine durchaus wachstumsträchtige: Wer keine eigenen Limonaden in die Braukessel füllt, kauft Marken oder ganze Unternehmen zu.

Die Radeberger Gruppe etwa vertreibt Selters und kaufte im vergangenen Jahr Bionade, Krombacher setzt auf die zugekauften alkoholfreien Marken Schweppes und Orangina. Reihenweise bringen die Brauereien neue, alkoholfreie Produkte auf den Markt; am beliebtesten ist Weizenbier. Den Nielsen-Daten zufolge lag der Anteil der Weizenbiere unter allen alkoholfreien Bieren 2009 bei 30,6 Prozent. „Den Brauern ist es gelungen, das Ganze als isotonisches Sportlergetränk zu positionieren“, sagt Verbandspräsident Burgard. „Außerdem ist der Geschmacksunterschied zum alkoholhaltigen Bier beim Weizen nicht so groß wie beim Pils.“

Das aktuellste Beispiel für den Weizenboom liefert Karlsberg. Im Juni führten die Saarländer ein alkoholfreies Weißbier ein. „Wir sind mit dem Start sehr zufrieden“, sagt eine Sprecherin. Zahlen allerdings gibt es nicht. „Wir hoffen auf neue Zielgruppen im alkoholfreien Bereich“, heißt es nur. Wie die meisten in der Branche erzählt die Karlsberg-Sprecherin von jungen, gesundheitsbewussten Menschen, von Aktiven, Frauen, aber auch von der „Zielgruppe 50 plus“. „Durch den demographischen Wandel gibt es immer mehr ältere Leute, die oft aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol trinken.“

„Alkoholfreies Bier hat ein Imageproblem“

Gaffel-Chef Becker sieht das Potential für alkoholfreies Bier nicht ganz so rosig. Seit Jahren hat Gaffel ein alkoholfreies Kölsch im Programm, das vom Umsatzanteil her bei 2 Prozent liegt. „Alkoholfreies Bier hat ein Imageproblem“, sagt Becker. „Bier minus Alkohol - eine zweitbeste Lösung für Autofahrer.“ Sein neues alkoholfreies Produkt sei deshalb „bewusst kein Bier“. Er sehe die Brause eher in Konkurrenz zu Biolimonaden. Tatsächlich erinnern die kleinen Glasflaschen von der Form her stark an Bionade. Wenn Becker erklären soll, warum seine Brause kein Nachahmerprodukt ist, gerät er ein wenig ins Schleudern. Er erzählt dann von Vitaminzusätzen und von dem besonderen Brauverfahren. „Das funktioniert wie beim Bier. Alles in einen Kessel, würzen und erhitzen. Ab einer bestimmten Temperatur entsteht Alkohol. Kurz vorher ziehen wir bei der Limonade die Notbremse und kühlen das Ganze wieder herunter.“ Mehr wird nicht verraten. Denn angeblich haben Becker und sein Braumeister Radke schon aus ganz Deutschland Anfragen nach dem erfolgreichen Geheimrezept.

In der Braustube wird deshalb lieber über das richtige Kölsch geredet. Schnell schwelgt man in Geschichten aus früheren Zeiten, als am Kölner Eigelstein, wo Gaffel bis heute ansässig ist, noch eine Brauerei neben der anderen war. Becker kramt ein altes Schwarzweißfoto hervor und zeigt auf Geschäfte, in denen heute türkische Brautmoden verkauft werden, Drogerieartikel oder Lebensmittel. „Acht oder neun Hausbrauereien waren früher hier, mit Biergärten auf dem Hof. Wir sind als Einzige noch übrig.“ Ob die neue Limonade sicherstellen kann, dass das so bleibt? Becker runzelt die Stirn. Dass die alkoholfreien Getränke die Lücke beim Bierkonsum ganz schließen können, daran glaubt er nicht. „Immerhin aber berichten mir die Kneipen in der Umgebung, dass bei ihnen der Apfelschorle-Absatz eingebrochen ist, seitdem es die Fassbrause gibt.“

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