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Discounter : Lidl drängt ins Wal-Mart-Land

Bis Jahresende sollen 100 Filialen in Amerika entstehen. Bild: dpa

Discounter eröffnet im Juni erste Läden in Amerika – und trifft dort auf einen alten Bekannten aus Deutschland.

          Adam Lapierre ist ein „Master of Wine“. Das ist ein begehrter Titel in der Weinszene, mit dem sich nur rund 350 Menschen auf der ganzen Welt schmücken dürfen. Das heißt aber nicht, dass Lapierre sich nur mit den teuersten und edelsten Tropfen beschäftigt. Er hat sich vom deutschen Discounter Lidl anheuern lassen, um dessen Weinsortiment für seine künftigen amerikanischen Läden zusammenzustellen. Seine Mission war es, Weine zu finden, die qualitativ hochwertig sind, aber sich billig verkaufen lassen. Und so hat er sich in den vergangenen beiden Jahren durch mehr als 10.000 Weine probiert. Das Ergebnis präsentiert er am Dienstagabend in einem Loft in der Nähe des Union Square in New York. Lapierre steht hinter einer Theke und schenkt die künftigen Lidl-Weine aus. Unter anderem gibt es „Beaujolais Villages“, „Chianti Classico“ und – darauf ist er besonders stolz – einen italienischen Prosecco mit Qualitätssiegel, der weniger als acht Dollar kosten soll.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Für Lidl wird es ernst. Seit drei Jahren bereiten die Deutschen ihren Markteintritt in den Vereinigten Staaten vor, und wie ihr Amerika-Chef Brendan Proctor an diesem Abend verrät, soll der erste Laden am 15. Juni aufmachen. Vielleicht würden sogar mehrere Filialen auf einen Schlag eröffnet, das sei noch nicht ganz sicher. Jedenfalls peilt Lidl an, bis Ende des Sommers zwanzig Geschäfte zu haben, in einem Jahr sollen es einhundert sein. Der Discounter aus Neckarsulm wagt sich damit auf das Heimatrevier des Handelsgiganten Wal-Mart. Und er wird auf seinen deutschen Rivalen Aldi treffen, der hier schon seit mehr als vier Jahrzehnten vertreten ist.

          Die ersten Lidl-Filialen werden in den Bundesstaaten Virginia, North Carolina und South Carolina stehen. Aber um einen Vorgeschmack darauf zu geben, haben die Deutschen erst einmal zu einer Verkostung in dem coolen New Yorker Loft-Ambiente eingeladen. Es werden Häppchen gereicht, und neben der Weintheke gibt es verschiedene Stände mit künftiger Lidl-Ware. Zum Beispiel Brot, das in den Filialen viermal am Tag frisch gebacken werden soll. Oder diverse Süßigkeiten, darunter aus Deutschland importierte Schokolade.

          Kulturschock: Die Kunden müssen ihre Ware selbst einpacken

          Amerika-Chef Proctor sagt, er sehe eine Marktlücke für den deutschen Discounter. Bisher hätten Amerikaner immer Kompromisse machen und sich entweder für hohe Qualität oder niedrige Preise entscheiden müssen. Lidl werde beides liefern. „Wir werden Preise haben, die man sonst nicht sieht.“ Der für den Einkauf verantwortliche Boudewijn Tiktak erklärt, warum Lidl seine Ware billig verkaufen kann. Etwa weil das Sortiment zu 90 Prozent aus Eigenmarken bestehe und weil die Kunden ihre Ware an der Kasse im Gegensatz zu vielen anderen amerikanischen Supermärkten selbst einpacken.

          Auch bei der Präsentation der Ware spare Lidl Geld. Äpfel würden zum Beispiel einfach aus dem Karton heraus verkauft und nicht wie in vielen Läden aus großen Körben, in denen sie pyramidenartig gestapelt werden. „Was glauben Sie, wie viel Zeit es kostet, das aufzubauen?“ Ebenso wie in Deutschland soll es auch in Amerika wöchentliche Sonderaktionen mit einem bunten Mix an Produkten geben, „von Yoga-Hosen über Rasenmäher bis zu Lederjacken“.

          Lidl trifft auf Aldi – mit ähnlichem Konzept

          All das klingt freilich verdächtig nach Aldi. Auch Lidls deutscher Rivale verkauft in seinen amerikanischen Geschäften zu rund 90 Prozent Eigenmarken und hilft seinen Kunden nicht beim Einpacken ihrer Einkäufe. Und auch Aldi beteuert in Amerika und anderswo, nur qualitativ hochwertige Produkte zu verkaufen. Selbst importierte deutsche Schokolade kann man bei Aldi finden. Über den deutschen Rivalen spricht Lidl-Manager Proctor aber nicht so gerne.

          Die beiden Wettbewerber treffen direkt aufeinander. In den Bundesstaaten, in denen Lidl seine ersten Geschäfte aufmachen will, ist Aldi schon präsent. Freilich könnte es in Amerika noch viel Platz für beide deutsche Discountketten geben, zumal selbst Aldi auf dem Markt noch vergleichsweise klein ist. Aldi stieg hier zwar schon 1976 ein, ging aber lange sehr behutsam vor. Erst in den vergangenen Jahren haben die Deutschen ihr Expansionstempo deutlich erhöht. Derzeit betreiben sie in Amerika rund 1600 Filialen, bis Ende nächsten Jahres sollen es 2000 sein. Erst vor wenigen Monaten hat Aldi angekündigt, einen Milliardenbetrag zu investieren, um seine Filialen zu modernisieren.

          Gemeinsam stehen Aldi und Lidl in Amerika mächtigen einheimischen Wettbewerbern gegenüber. So will Wal-Mart offenbar nicht tatenlos zusehen, wie die Deutschen mit Niedrigpreisen um amerikanische Kunden werben. Der größte amerikanische Einzelhändler übt in jüngster Zeit verstärkt Druck auf seine Zulieferer aus, ihre Preise zu senken, damit er seine Waren billiger verkaufen kann.

          Lidl überlässt in Amerika nichts dem Zufall. Nach den Worten von Proctor stellt der Händler in Fokusgruppen verschiedenste Fragen, um die Erfolgschancen zu erhöhen, ob jetzt zum Käsesortiment oder zum Ladendesign. So habe Lidl die Gestaltung der Geschäfte überarbeitet, nachdem Teilnehmer an Fokusgruppen bekundet hätten, sie fühlten sich vom bisherigen Design an Autohäuser erinnert. Jetzt müssen die Deutschen die Amerikaner nur noch an ihren Namen gewöhnen, denn dessen Aussprache liegt offenbar nicht auf der Hand. Um dabei zu helfen, wird in amerikanischen Presseberichten bisweilen darauf hingewiesen, Lidl reime sich auf das Wort „Needle“.

          Quelle: F.A.Z.

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