Home
http://www.faz.net/-gqi-urz6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Liberalisierung Bunte Briefträger rücken der gelben Post zu Leibe

30.04.2007 ·  Bald dürfen die Konkurrenten der Deutschen Post alle Briefe befördern. Sie versprechen viele Filialen, weniger Porto und neue Briefkästen. Die Post aber hofft, dass sich die Öffnung noch etwas verzögern lässt.

Von Tim Höfinghoff
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (4)

Eines muss Jörg Braese dem Marktführer zugestehen: „Die Deutsche Post hat Briefkästen, die sind wirklich unkaputtbar.“ Doch bei aller Robustheit, sie haben auch Nachteile: Sie „sehen grausam aus“. Vom Rost an mancher gelben Kiste ganz zu schweigen.

Bei Briefkästen ist Braese besonders penibel, will er die Post in Design und Qualität doch übertrumpfen. Der Mann ist Chef von Postado: Das Berliner Unternehmen druckt nicht nur Briefmarken, sondern baut auch Briefkästen. Nicht im Post-Gelb, aber in Grün, Rot und Blau. So wie es die neuen Konkurrenten der Post eben wünschen. "Das sind die Aushängeschilder der neuen Briefdienste - sie dürfen nicht rosten und müssen flott und frisch aussehen."

Branche im Höhenflug

Was Braese offeriert, ist gefragt wie nie: „Unser Geschäft explodiert, wir sind die Gewinner der Liberalisierung.“ Das Unternehmen profitiert schon jetzt vom Expansionsdrang der Briefdienste, obwohl erst Ende des Jahres das Briefmonopol fallen soll.

Freier Wettbewerb - darauf warten die Konkurrenten der Deutschen Post schon lange. Sei es TNT Post Deutschland - ein Ableger der niederländischen Post - oder die Pin Group, dem Verbund einiger Großverlage: Die Branche sieht sich im Höhenflug und will der Deutschen Post Marktanteile rauben. Und den Kunden billigere Briefmarken, besseren Service und sogar mehr Filialen bieten - so lautet jedenfalls das Versprechen.

Tausende Briefkästen abmontiert

Die Deutsche Post hat sich seit ihrer Privatisierung 1995 radikal gewandelt. Bei vielen Kunden ist der Ärger trotzdem groß: Viele Postfilialen sind verschwunden und Tausende Briefkästen abmontiert. Gleichzeitig ärgern sich Verbraucher, wenn an der Tür ihrer Post-Filiale mal wieder das Schild „Geschlossen wegen Betriebsversammlung“ klebt. „Zudem sind die Tarife der Post alles andere als übersichtlich“, schimpft Elmar Müller vom Deutschen Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation (DVPT).

Noch kontrolliert die Deutsche Post 90 Prozent des Briefgeschäfts in Deutschland: 70 Millionen Briefe befördert sie jeden Tag, Herausforderer Pin Group kam im ganzen Jahr auf gerade 400 Millionen Sendungen. Dieses Jahr sollen es immerhin 1,2 Milliarden sein.

Preisabschläge für eine langsame Zustellung

Wer bringt die Briefe, wenn von Januar an die Postwettbewerber mitmischen dürfen?, fragen die Verbraucher. Und vor allem: Wie gut wird der Service sein? „Die Infrastruktur wird sich verbessern, auch auf dem flachen Land“, prophezeit DVPT-Mann Müller. Schließlich würden dann auch viele Hermes-Paket-Shops Briefe annehmen. Hermes-Chef Hanjo Schneider triumphiert: „13 000 Hermes-Paket-Shops gibt es schon.“ Zum Vergleich: Die Deutsche Post hat 12 000 Filialen inklusive aller Partneragenturen. Zudem versprechen die neuen Anbieter: „Das Porto wird sinken, das gilt für Privat- und auch für Geschäftskunden“, sagt Günter Thiel, Chef der Pin Group. Und: „Ob auf einer Hallig in der Nordsee oder im Bayrischen Wald - wir werden überall unsere Dienste anbieten.“

Elmar Müller vom DVPT erwartet auch zusätzliche Angebote: „Warum gibt es bisher keinen Dienst, der Briefe innerhalb von zwei bis drei Tagen zustellt?" Dafür wären Rabatte von 25 Prozent möglich. „Viele Kunden sind mit solchen Angeboten zufrieden.“ Bisher, mutmaßt Müller, „fürchtet die Deutsche Post solche Preisabschläge“.

Immer mehr Boten in Grün und Rot

Briefe bis 50 Gramm darf bis Jahresende nur die Post befördern. Doch die Konkurrenten haben Lizenzen der Bundesnetzagentur erhalten: Wer Brief-Zusatzleistungen bietet, wie das Abholen der Post oder das Verfolgen einer Sendung, darf schon jetzt Briefe auch unterhalb der 50-Gramm-Grenze transportieren.

So sind in vielen Städten immer mehr Boten in Pin-Grün oder TNT-Rot unterwegs. Zudem verkaufen Briefdienste auch eigene Briefmarken und grenzen sich von der Deutschen Post ab: So prangt beim Anbieter Allgäu Mail ein Motiv von Schloss Neuschwanstein auf der Marke - passend für den Großbrief für 1,35 Euro.

Vor allem Geschäftskunden nutzen die neuen Angebote

Wegen der Mengenrabatte nutzen bisher eher Geschäftskunden die neuen Angebote. Unternehmen wie Bosch und Philips verschicken Briefe nicht mehr über die Deutsche Post. Auch das Land Berlin beauftragt Pin-Group-Mitarbeiter. Damit lässt sich Porto sparen.

Etwa 700 Post-Konkurrenten tummeln sich in Deutschland: darunter viele lokale Unternehmen wie PostModern in Sachsen. Bundesweit preschen vor allem die Pin Group und TNT Post Deutschland vor. Die Verlage Holtzbrinck, Axel Springer, WAZ und die Beteiligungsfirma Rosalia haben die Pin Group geformt. TNT Post Deutschland kooperiert mit dem Paketdienst Hermes. Auch Logistiker wie Xanto aus München mischen mit und haben ein Netzwerk an Speditionen geschaffen, um die Briefe der neuen Anbieter quer durch die Republik zu fahren. Sie alle eint das Ziel: der Deutschen Post den Briefmarkt, der ein Volumen von zehn Milliarden Euro hat, nicht alleine zu überlassen.

Unterschiede bei der Mehrwertsteuer

Doch die Post verdankt ihren Vorsprung nicht nur der Monopolregelung, sie muss auch keine Mehrwertsteuer aufschlagen. Das Privileg gilt, weil der Bonner Konzern hierzulande immer noch allein für die flächendeckende Postversorgung zuständig ist. Xanto-Chef Christian Holland-Moritz sagt: „Wir müssen immer 19 Prozent günstiger sein als die Post.“ Das sei „fernab von fairem Wettbewerb“.

Die neuen Anbieter haben in den vergangenen Jahren Hunderte Millionen Euro investiert, um den Kampf mit der Post zu bestehen. "Sie gehen davon aus, dass am 1. Januar 2008 das Monopol fallen wird", sagt Müller vom DVPT. Doch es gibt Ärger: Zuletzt kochte das Reizthema in der vergangenen Woche hoch. In der großen Koalition in Berlin gab es wieder Streit, ob der Termin zu halten sei.

Die EU-Kommission treibt die Liberalisierung an

Zwar hatte die Koalition das Aus für die Exklusivlizenz der Deutschen Post beschlossen. Doch prompt widersprach SPD-Generalsekretär Hubertus Heil der Kanzlerin: Es gebe keine Einigung. Die Post müsse das Monopol behalten, denn andere europäische Länder wollten am Briefmonopol festhalten.

Fakt ist: Die EU-Kommission drängt darauf, die Briefmärkte von 2009 an zu liberalisieren. Doch Blockierer wie Frankreich, Italien und Griechenland wollen ihre Märkte nicht öffnen. Länder wie Großbritannien und Finnland hingegen haben längst Wettbewerb.

Politisches Geplänkel

Für Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel würden Verzögerungen gelegen kommen. So lassen sich die Angreifer noch eine Weile zurückdrängen. Kürzlich sagte er zu einer möglichen Verlängerung des Monopols: „Ich sehe dafür eine gewisse Chance.“

Die Post-Konkurrenten hören dies mit einem „Zittern“. Es wäre „eine Katastrophe, wenn es noch Änderungen gibt“, sagt Xanto-Chef Holland-Moritz. Und TNT- Post-Deutschland-Chef Mario Frusch sagt: „Wir setzen darauf, dass das Briefmonopol endlich fällt und es faire Marktchancen gibt - dann können wir kostengünstiger arbeiten.“

Nicht nur die Unternehmer sind vom politischen Geplänkel genervt. „Durch die Diskussionen in Deutschland bremsen wir auch die europäische Liberalisierung“, klagt Karl-Heinz Neumann, Direktor des Beratungsinstituts Wik Consult. Aus seiner Sicht überwiegen die Vorteile einer raschen Liberalisierung im Briefmarkt: „Nutzer profitieren, die Preise sinken, die Beschäftigung steigt - das ist gut für die Volkswirtschaft.“

Die Post droht mit Entlassungen

Die Deutsche Post will sich zum jüngsten Zank um das Briefgeschäft nicht äußern. Doch Zumwinkel hat schon früher klargemacht, wie er in der Angelegenheit denkt: Von Wettbewerb profitierten eher Geschäftskunden, und das Briefporto werde steigen.

Im vergangenen Jahr machte die Post einen Gewinn von vier Milliarden Euro. Etwa die Hälfte davon kam aus dem Briefgeschäft, obwohl diese Sparte nur 20 Prozent des Umsatzes ausmacht. Drängen nun die Konkurrenten immer stärker ins Stammgeschäft, leidet die Post: „Im schlimmsten Fall wird die Post einen Gewinnrückgang von 20 Prozent haben“, sagt Analyst Markus Hesse vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Kein Wunder, dass Zumwinkel gerne klagt, dass 32 000 Jobs bei der Post gefährdet seien. Deshalb müssten Mindestlöhne bei den privaten Briefdiensten her. Die Konkurrenten hätten viele Minijobber an Bord. Das sei Preisdumping. Doch inzwischen reden Pin Group, TNT und Co. längst mit den Gewerkschaften über Tarifverträge.

Briefkastenbauer sind optimistisch

„Das Marktumfeld für die Deutsche Post wird schwieriger“, sagt Analyst Hesse, „aber das Unternehmen Post wird nicht so dramatisch Marktanteile verlieren wie damals die Telekom nach ihrer Privatisierung.“

Auch Briefkastenbauer Braese weiß, dass es noch ein langer Weg ist, die Deutsche Post zu übertrumpfen. 100 000 Briefkästen habe die Post. Die privaten Anbieter kämen bisher auf 3500 - angepeilt seien 40 000. Um die Zukunft seines Geschäfts muss sich Braese daher nur wenig Sorgen machen.

Die bunten Boten

700 Post-Konkurrenten haben von der Bundesnetzagentur Lizenzen für den deutschen Briefmarkt bekommen. Diese Anbieter kommen inzwischen auf einen Marktanteil von zehn Prozent im Briefgeschäft. Bundesweit werden es aber wohl nur zwei Anbieter mit der Deutschen Post aufnehmen können. Lediglich die Pin Group und die TNT Post Deutschland arbeiten daran, überall in der Republik präsent zu sein. Sie wollen ein flächendeckendes Zustellnetz etablieren, um dem Noch-Monopolisten immer mehr Kunden und Briefe abzujagen. Die Pin Group ist ein Zusammenschluss der Verlage Holtzbrinck, Axel Springer und WAZ mit der Beteiligungsfirma Rosalia. Das Unternehmen hat 7000 Mitarbeiter, will in diesem Jahr eine Milliarde Sendungen verteilen und einen Umsatz von 350 Millionen Euro machen. Die TNT Post Deutschland ist ein Ableger der niederländischen Post und kooperiert mit dem deutschen Paketdienst Hermes. Inzwischen gibt es 13 000 Paket-Shops von Hermes, die in Zukunft nicht nur Pakete, sondern auch Briefe annehmen sollen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1975, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 6 57

28.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.323,19 −0,26%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.376,76 −0,07%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2544 −0,24%
Rohöl Brent Crude 107,26 $ +0,38%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.