Familien denken langfristig, lieben ihre Mitarbeiter und sind dem Standort treu. So heißt es. Nüchtern betrachtet sei das ziemlicher Unsinn, so schrieb die Sonntagszeitung vorige Woche unter der Überschrift „Die Mär vom guten Familienkonzern“.
Der Artikel hat bei vielen Lesern lebhaften Widerspruch ausgelöst. Wir dokumentieren im Folgenden Auszüge der Debatte.
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Patrick Adenauer (Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmen – ASU“)
Das Ethos der Familie
Man könnte den polemischen F.A.S.-Artikel als Sommermärchen abtun, wenn es nicht von angesehenen Redakteuren einer seriösen Zeitung erzählt würde. Aber die Collage ist zumindest ein guter Anlass, Sachverhalte richtigzustellen:
1. Die zentrale Frage ist: Was heißt im Falle von Familienunternehmen „gut“? Darf (und muss) nicht ein Unternehmer im Wettbewerb den Willen zum Erfolg, zum Wachstum und gegebenenfalls auch zur Anwendung von Kriegslisten haben? Muss ein „guter Unternehmer“ einfältig sein, unbeirrbar am Produkt seiner Väter festhalten, an einem überholten Standort kleben, Tradition dogmatisieren, Gegenwartsbedürfnisse verleugnen und störrisch auf dem Status quo beharren? Muss er dümmer sein als ein Private-Equity-Unternehmen oder ein Hedge Fonds? Haben nicht diese vielmehr die Vorteile von Familienunternehmen kopiert, indem sie Eigentum und Führung zusammenbringen, allerdings mit dem Eigenkapital fremder Investoren und ohne eigenes Risiko? Solche Fonds machen sich bei Verlust des geliehenen Eigenkapitals schnell vom Acker und drücken den Banken den Schlüssel in die Hand. Daher ist verständlich, dass die Automobilindustrie Zustimmung signalisiert, wenn Continental in die Obhut eines Familienunternehmens kommt und nicht zu einem anonymen Fonds. Es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit des Unternehmers, auch des Familienunternehmers, die unternehmerische Substanz zu erhalten, zu verbessern und zu verhüten, dass das Unternehmen in den Stürmen der Märkte mit Mann und Maus untergeht. Dass Unternehmen dabei nicht mit kriminellen Methoden und Gaunermoral vorgehen dürfen, versteht sich von selber, würde ihnen auch auf lange Sicht schaden. Ein Familienunternehmer ist wie jeder Bürger an die Regeln der Gerechtigkeit gebunden.
2. Die Tatsache, dass ein Unternehmen in Familienhand ist, hat typischerweise die Folge, dass die Geschäftsentscheidungen auch mit Blick auf die kommende Generation, also in langfristiger Perspektive fallen; und mit der lokalen Residenz einer Unternehmerfamilie ist in der Regel auch eine stärkere lokale Verwurzelung verbunden (auch und gerade bei den ganz großen Familienunternehmen). Dass die Beziehung vieler Familienunternehmer zur Belegschaft eher „gemeinschaftlichen“ Charakter trägt und überhaupt persönliche Bindungen entstehen können, die bei wechselnden Geschäftsführern und unbekannten Eigentümern nicht entstehen, liegt ebenfalls auf der Hand. Es ist dies nicht ein besonderes „Verdienst“ der Familienunternehmen, sondern natürliches Ergebnis ihrer Eigenart. Und daraus wächst eben ein besonderes Ethos! Die zu diesem Thema vorliegenden empirischen Ergebnisse und Studien belegen dies eindrucksvoll. Die Menschen spüren die starke Bindungswirkung, die von Familienunternehmen ausgeht, und schätzen sie in einer Welt, die ansonsten wenig Halt bietet. Dies schließt natürlich weder internationales Engagement noch verantwortungsvolle Beschäftigungspolitik in Krisenzeiten aus: Wie viele Familienunternehmer sind nicht unter den „heimlichen Weltmeistern“? Sie können also nicht jene tumben Toren sein, die sie nach Ansicht der Autoren sein sollen!
3. Wenn einzelne Unternehmerpersönlichkeiten privat im Ausland leben, ihr Unternehmen aber in Deutschland ansässig ist und in dieses weiter investiert wird, ist dies kein Gegenbeispiel. Niemand hat die Pflicht, sich dem deutschen Steuerterror („Reichensteuer“, Diskussion um die Erbschaftsteuer, gar Begrenzung der Managergehälter!) auszuliefern, wenn es noch Länder gibt, in denen der Gesetzgeber nicht denselben Neid- und Umverteilungsbedürfnissen unterliegt. Als „Märtyrer“ in einem üblen Spiel große Verluste zu erleiden, das steht gewiss auch den Familienunternehmern schlecht an, wenn es legal-legitime Möglichkeiten gibt, diesem Schicksal auszuweichen.
4. Es ist naiv, den Familienunternehmern bestimmte Verhaltensweisen und Eigenschaften abzusprechen, die doch aus ihrer Eigentums- und Familienstruktur hervorgehen. Sowie andererseits ein anonymer Großkonzern seine Besonderheiten, besondere Aufgaben und Verhaltensformen hat und haben muss! Es wäre genauso naiv, einem Hecht vorzuwerfen, dass er kein Karpfen ist, oder dem Bären, dass er kein Fuchs ist. Jede Unternehmenskategorie hat ihren besonderen Auftrag am Markt. Ein „gutes“ Familienunternehmen ist vor allem, wenn es tüchtig am Markt agiert und seine Eigenart glaubwürdig darstellt. Mit oberflächlichem Moralisieren die Unternehmerschaft spalten zu wollen ist jedoch nicht „gut“.
David Zett
Am Ende des Tages müssen die Eigentümerfamilien mit ihrem Namen und guten Leumund für ihre Entscheidungen herhalten und tun dies auch. Das unterscheidet sie deutlich von Private Equity. Und nicht zuletzt müssen sie auch mit ihrem eigenen Vermögen herhalten.
Ulrich Haberland
Mann muss unterscheiden zwischen Familienkonzern und Familienunternehmen. Ein Familienkonzern muss sich wie eine Aktiengesellschaft dem Wandel im Markt - manchmal schmerzlich - anpassen und Unternehmensteile abstoßen. Das ist nicht verwerflich. Das kleinere Familienunternehmen ist aber angewiesen auf seinen Mitarbeiterstamm und dessen Knowhow. Dementsprechend verhalten sich die Familienunternehmer und gehen pfleglich mit ihren Mitarbeitern um. In diesem Bereich hängen oft die Familien am Unternehmen und trennen sich meist erst von diesem, wenn es schon zu spät ist.
Resi Mayer
Heuschrecken-Allüren sind bei der Trickserin Schaeffler unverkennbar: Man wird sich noch wundern, wie sie die Continental auseinanderrupft, des eigenen Vorteils wegen.
Florian Berthold
Familienunternehmen sind sehr wohl anders als Finanzinvestoren: Haben sich die F.A.S.-Autoren einmal die typischen Investitionszeiträume von Familienunternehmen und professionellen Finanzinvestoren vor Augen gehalten? Oder die Finanzierungslösungen (Stichwort: Push-down von Finanzverbindlichkeiten)? Oder sonstige kulturelle Unterschiede? Das würde ein differenzierteres Bild erlauben.
Felix Keyserlingk
Der Artikel zeugt von Unwissenheit, was die Standorttreue von Unternehmern angeht: Das deutsche Erb- und Steuerrecht zwingt Unternehmer förmlich, das Land zu verlassen.
Markus Leibold
So einseitig, wie Private Equity von der Neidpresse behandelt wurde, wird dies jetzt sogar auf solide Unternehmen übertragen. Ade, Vernunft.
Georg Vogt
Standortreue zeigt sich an Arbeitsplätzen und nicht daran, wo der Hauptsitz eines Unternehmens sitzt. Der wechselt in die Schweiz, weil viele Teile von Familienunternehmen nicht als lupenreine Kapitalgesellschaft geführt werden und so mancher Betrieb, dank der deutschen Erbschaftsteuer, wohl nicht länger existieren würde. Man müsste ihn zerschlagen.
Bedenkliche Entwicklungen
Bob Venko (MasterofScience)
- 02.08.2008, 16:55 Uhr
@Hr. Adenauer
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 02.08.2008, 16:57 Uhr
Unternehmer
Andreas Noreikat (derherold)
- 02.08.2008, 18:10 Uhr
GZSZ
R. Lettow (r.lettow)
- 02.08.2008, 18:10 Uhr
Familien Unternehmer haben den Luxus des 'langfristigen Denkens'
Paul Rabe (heidelpaul)
- 02.08.2008, 18:50 Uhr
