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Lesegerät Tolino : Buchhandel weist Amazon in die Schranken

Das Lesegerät Tolino kann man heute in 1.800 von insgesamt 6.000 deutschen Buchhandlungen kaufen. Bild: dpa

Der E-Reader „Tolino“ hat in Deutschland die Marktführerschaft übernommen - eine echte Chance für den Buchhandel. Selbst Amazons Kindle kommt nicht dagegen an.

          Der Markt der elektronischen Bücher (E-Books) ist vom deutschen Buchhandel zurück erobert worden. Das international mit großem Abstand führende Lesegerät für elektronische Bücher, der Kindle vom amerikanischen Onlinehändler Amazon, ist hierzulande in den vergangenen Monaten in die Defensive geraten. Das vor zweieinhalb Jahren aus der Taufe gehobene deutsche Gegenmodell Tolino hat nach jüngsten Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) einen Marktanteil von 45 Prozent, gemessen an der Zahl der heruntergeladenen Bücher. Kindle muss sich hierzulande mit für seine Verhältnisse mickrigen 39 Prozent zufrieden geben. Bei den Geräten dürfte es nicht viel anders sein. In anderen Ländern wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten liegt der Kindle bei 70 oder gar 80 Prozent Marktanteil.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Das Lesegerät Tolino wird von der Deutschen Telekom entwickelt, in Taiwan hergestellt und über den stationären Buchhandel vertrieben. Zu den Gründungspartnern der Tolino-Allianz, der Deutschen Telekom, dem Club Bertelsmann, Weltbild, Hugendubel und Thalia sind inzwischen vor allem über den Großhändler Libri 1.300 selbständige Buchhandlungen hinzugekommen. Einschließlich der Filialen der Gründer kann man den Tolino heute in 1.800 von insgesamt 6.000 deutschen Buchhandlungen kaufen. „Damit kann man den Tolino in jeder dritten deutschen Buchhandlung erwerben, fast jedes zweite der insgesamt hierzulande 7 Millionen gekauften E-Books im Jahr wird über einen Tolino heruntergeladen“, fasst Nina Hugendubel, geschäftsführende Gesellschafterin der gleichnamigen Münchener Buchhandelskette, den Erfolg zusammen.

          Markt für E-Books wächst weiter

          Da nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg, kommen jetzt immer mehr Partner hinzu. Wenige Wochen vor der Frankfurter Buchmesse (14. bis 18. Oktober) kann die Allianz zwei weitere große Partner verkünden. Sowohl die vor allem in Nordrhein-Westfalen tätige Buchhandelskette Mayersche mit ihren 40 Filialen als auch die aus Tübingen heraus operierende Buchhandelskette Osiander mit ihren 34 Filialen sind von sofort an Tolino-Partner. Die Osiandersche Buchhandlung gehört Christian Riethmüller, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

          Nach Ansicht von Michael Busch, Vorsitzender der Geschäftsführung von Thalia (Douglas-Gruppe), wird der Markt für elektronische Bücher weiter zweistellig zulegen. Der Markt werde bis 2020 um 30 Prozent wachsen von derzeit sieben Millionen auf dann mehr als neun Millionen Leser. Mit dem Angebot eines eigenen Lesegeräts und inzwischen mehr als 1,7 Millionen Buchtiteln erhalte sich der klassische Buchhandel mit dem Tolino nicht nur sein Geschäft. „E-Book-Leser geben auch mehr Geld für Bücher aus“, beobachtet Hugendubel. Die Vielleser steigen sowieso vom gedruckten Buch zur elektronischen Version um – und hier erweisen sie sich noch einmal als ausgabefreudiger: Viele Leser lesen ein Buch elektronisch und kaufen sich bei Gefallen des Inhalts danach auch noch die gedruckte Ausgabe, die dann im Regal steht für den Fall, dass man etwas nachschlagen oder Anmerkungen im Buch anbringen will. Busch ist überzeugt, dass man noch sehr viel mehr Bücher in beiden Versionen verkaufen könnte, wenn die Verlage attraktivere Paketangebote machen würden.

          Tolino wird international vermarktet

          Der Anteil der elektronischen Bücher werde sich auch hierzulande in einigen Jahren bei gut 20 Prozent für die Belletristik einpendeln, erwarten die Vertreter der Tolino-Allianz. Heute liegt er in der Unterhaltungsliteratur bei etwa zehn Prozent, bei Sachbüchern, Kinderbüchern und Ratgebern mit nur zwei Prozent deutlich darunter. Diese Erwartungen des Marktes sind optimistischer als jene der Buchmesse. Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, sieht vor allem mit Blick auf die Vereinigten Staaten beim E-Book bereits jetzt eine gewisse Sättigung. Dort aber liegt der E-Book-Anteil schon heute bei mehr als 20 Prozent und erfahrungsgemäß entwickelt sich auch Europa mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung in die gleiche Richtung.

          Der zunächst als aussichtsloser deutscher Alleingang belächelte Tolino wird inzwischen auch international vermarktet. In Österreich, der Schweiz, Italien und Belgien ist er bereits auf dem Markt. Seit zwei Wochen wird der Tolino auch über die 200 Filialen der niederländischen Buchhandelskette Libris Blz. verkauft. Mit Partnern in weiteren europäischen Ländern sei man im Gespräch, heißt es, ohne konkrete Namen oder Länder zu nennen. „Tolino ist die einzige europäische Alternative zum Kindle von Amazon“, gibt sich Hugendubel zuversichtlich, bald weitere internationale Partner zu finden.

          Zielgruppe ältere Menschen

          Der große Vorteil des Tolino sei die Offenheit des Systems. Der Kunde kann sich selbst aussuchen, über welches Händlerportal er das Buch bezieht. Der Händler kann seine regionalen Kundenkontakte auf das Internet übertragen. Auf der kommenden Buchmesse werden zwei neue Lesegeräte vorgestellt. Nach Ansicht von Sikko Böhm aus der Geschäftsführung der Augsburger Handelskette Weltbild muss es darum gehen, künftig das Gewicht der Geräte weiter zu reduzieren und die Darstellung weiter zu optimieren. Außerdem solle der Lesestand eines Nutzers über verschiedene Geräte hinweg automatisch synchronisiert werden. Vor allem für die bessere Vermarktung elektronischer Kinder- und Sachbücher bietet das Smartphone mit seinen Möglichkeiten von Sprache, Farbe und Vergrößerung bessere Möglichkeiten als ein Lesegerät. Das Lesegerät – bisher und auf absehbare Zeit nur in schwarz-weiß – werde aber für reine Belletristik-Leser und für ältere Menschen seine Bedeutung behalten.

          Der Club Bertelsmann stellt planungsgemäß zum Jahresende mit seinem operativen Geschäft auch den Verkauf des Tolino ein. Das Verlagshaus Bertelsmann wird aber weiterhin Partner der Allianz bleiben, bestätigte Matthias Wulff vom Club Bertelsmann.

          Angriff auf Amazon : Tolino, der deutsche Kindle

          Quelle: F.A.Z.

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