09.02.2012 · Die Renditen von Lebensversicherern sinken stetig. Zuletzt fielen sie für 25 Jahre laufende Verträge auf unter 1 Prozent. Jetzt müssen die Kosten runter.
Von Philipp Krohn, FrankfurtFür Veteranen der Versicherungswirtschaft ist es ein erschreckender Wert, für potentielle Neukunden ein abschreckender: Nicht einmal mehr ein Prozent Rendite auf die eingezahlten Beiträge garantieren Versicherer seit diesem Jahr ihren Kunden, wenn sie eine Privatrente über 25 Jahre abschließen. Der Durchschnittswert der Branche ist auf 0,92 Prozent gerutscht. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum 1. Januar wurde der zulässige Rechnungszins auf 1,75 Prozent herabgesetzt. Der Abstand zwischen Garantiezins und Beitragsrendite erklärt sich durch die Kosten der Unternehmen.
Die Unternehmensberatung Accenture sieht die aktuelle Lage für die Lebensversicherer als die größte Herausforderung ihrer Geschichte an. Banken drängen als zusätzliche Wettbewerber auf den Vorsorgemarkt, der Niedrigzins ermöglicht kaum noch attraktive Verzinsungen. „Mit hohen Verwaltungskosten, die zurzeit im Marktdurchschnitt bei knapp 2,5 Prozent und damit deutlich über dem Höchstrechnungszins liegen, wird die Branche dauerhaft nicht erfolgreich sein“, warnt eine noch unveröffentlichte Accenture-Studie.
Unter deutschen Lebensversicherern herrscht zwar noch kein Alarmismus, dennoch kann kein Manager die Augen verschließen. „Die Kosten spielen in einem Niedrigzinsumfeld eine größere Rolle, als wenn man 8 Prozent Rendite am Kapitalmarkt erzielt“, sagt Michael Westkamp, der Vorstandsvorsitzende der Aachen Münchener. Sie verbucht nach dem Marktführer Allianz die zweithöchsten Beitragseinnahmen gegen laufende Einnahmen - ist also die Nummer Zwei im klassischen Altersvorsorgegeschäft.
Die 2,5 Prozent Verwaltungskosten ergeben bezogen auf die knapp 100 Milliarden Euro Beitragseinnahmen einen Branchenwert von 2,5 Milliarden Euro. Zusätzlich lassen sich die Lebensversicherer ihre Abschlüsse 5 Prozent der Beitragssumme von 150 Milliarden Euro kosten, also 7,5 Milliarden Euro. Dazu zählen Provisionen und Aufwendungen für die Vertriebsunterstützung. Teuer sind aber auch Vorbereitungen auf die künftigen Aufsichtsregeln Solvency II und die Informationspflichten des Versicherungsvertragsgesetzes. „Regulatorische Vorgaben führen zu einem zunehmend konkurrierenden Anteil an den Kosten“, sagt Norbert Heinen, Vorstandsvorsitzender der Württembergischen Lebensversicherung. Allein für die Umstellung auf Unisex-Tarife sind bei ihm 20 Personen ein Jahr lang Vollzeit beschäftigt. Dabei halten Wettbewerber etwa die Umstellungen für den einheitlichen europäischen Zahlungsraum (Sepa) noch für deutlich gravierender.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Branche seit einigen Jahren. Deshalb gelang es ihr auch, die Verwaltungskostenquote innerhalb eines halben Jahrzehnts von 3 auf 2,5 Prozent zu senken. „Kostensenkungen müssen in einem Unternehmen ein kontinuierlicher Prozess sein“, sagt Aachen-Münchener-Chef Westkamp. Ein Viertel seiner Kosten habe er eingespart, weil er sich auf die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) als einzigen Vertriebspartner festgelegt hat.
Mit der deutschen Axa hat die erste große Gesellschaft einen Stellenabbau angekündigt: 1600 von 9000 Vollzeitarbeitsplätzen sollen wegfallen. Effizienzsteigerungen sollen das reduzierte Wachstum auffangen. In der Branche sehen viele Vorstände vor allem in der Informationstechnologie (IT) Potential. 44 Prozent der befragten Vorstände, auf die sich die Accenture-Studie beruft, halten ihre Verwaltungssysteme für unzureichend, um künftige Anforderungen abzudecken. Dabei gilt es offenbar, das richtige Maß zu finden. „Es gibt Kostennachteile durch zu viel, aber auch durch zu wenig IT“, warnt Joachim Maas, der Vorstandsvorsitzende des Volkswohl Bundes, dessen Verwaltungskostenquote schon seit langem unter dem Branchenschnitt liegt. Schädlich sei es, wenn die IT Sachverhalte abbilde, die in der Realität zu selten vorkämen. Während die Accenture-Untersuchung einen Trend zum Einsatz von Standardsoftware suggeriert, hält Maas fremdentwickelte Systeme für einen Kostentreiber. Was man selbst im Griff habe, verursache weniger Reibungsverluste.
Kostenführer der Branche ist der Marktführer. Der Allianz ist es gelungen, ihre Verwaltungskosten in einem Jahrzehnt von 2,4 auf 1,1 Prozent zu senken. Gleichwohl sieht Allianz-Leben-Chef Maximilian Zimmerer noch Verbesserungspotential. „Die Verwaltungskosten könnten wesentlich reduziert werden, wenn wir das Internet zur Kommunikation mit dem Kunden stärker nutzen, und zwar anstelle von Briefverkehr und Telefonie“, sagt er. Sich selbst sieht er auf einem guten Weg. Die Entwicklung der elektronischen Versicherungsakte, in der alle Korrespondenzen mit dem Kunden hinterlegt sind, sei weit vorangeschritten.
Bei aller Kritik an Politik und Aufsichtsbehörden lasse sich die Effizienz auch intern steigern, sagt Volkswohl-Bund-Chef Maas: „Am besten ist es, die Stabsabteilungen eng zu besetzen. Hat man zu viele, machen sie auch überflüssige Projekte.“ Abteilungen, die nicht direkt zur Wertschöpfung beitragen, bremst er in ihrem Elan, Daten zu sammeln und auszuwerten. „,Nett zu wissen’ reicht nicht. Wir machen nur Berichte, die Handlungspotential haben“, sagt Maas.
Dass aber die Abschlusskosten mit 7,5 Milliarden Euro einen höheren Posten ausmachen als die Verwaltungskosten, rührt an einer heiligen Kuh der Branche. Die Provisionen, die maximal 4 Prozent der Beitragssumme betragen dürfen, stellen viele Versicherer als unantastbar dar. Sie berufen sich auf Verträge mit Vertriebspartnern. Die Württembergische dagegen, die fast ihr gesamtes Geschäft über eigene Vermittler macht, verhandelt derzeit mit den Interessenvertretern über Kürzungen. „Wir arbeiten am Provisionssystem“, sagt Heinen. Gleichzeitig sieht er sich aber in einem Dilemma. „Es ist ein umkämpfter Markt, und die Vermittler verdienen eher unterdurchschnittlich.“ Will er gute Partner nicht verlieren, darf er sie nicht bluten lassen.
Branchenkritiker sehen den Schlüssel in der aufgeblähten deutschen Vertriebsstruktur. Zugespitzt gesagt: 90 Millionen Lebensversicherungsverträge müssen 260.000 Vermittler ernähren. In Großbritannien ist der Markt nach der Konsolidierung der vergangenen Jahre nur noch knapp ein Zehntel so groß. Versicherungsmanager wie Norbert Heinen bestreiten, dass es zu viele Makler und Vertreter gibt. „Ich würde nicht sagen, dass ein Vermittler zu wenige Kunden betreut“, sagt er. Gleichwohl ließen sich Kosten auch über eine bessere Beratungsqualität senken, mahnt Maximilian Zimmerer von der Allianz Leben an. „Die unnötigsten Kosten sind diejenigen, die für Storno anfallen“, ist er überzeugt. Seine eigene Stornoquote hat er auf knapp oberhalb von 2 Prozent weit unter Branchenschnitt gesenkt - mit Bedacht.
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