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Ladenschluss in Deutschland Flickenteppich am Abend

02.06.2007 ·  Offen? Ja! Aber bis wann? 19, 20 oder 22 Uhr? Gut ein halbes Jahr nach der Liberalisierung der Ladenöffnung herrscht große Unübersichtlichkeit statt neuer Freiheit. Alex Westhoff hat sich in Düsseldorf und Frankfurt umgehört.

Von Alex Westhoff, Frankfurt/Düsseldorf
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Der Kunde ist König - von früh bis 20 Uhr. Mancherorts nur bis 18 oder 19 Uhr. Hier und da aber auch bis 21 oder 22 Uhr - allerdings nur von Donnerstag bis Samstag. Gut ein halbes Jahr nach der Liberalisierung der Ladenöffnung in den meisten Bundesländern ist auf die neue Freiheit die große Unübersichtlichkeit gefolgt. Verlässlichkeit sowie ein einheitliches Bild müsse dem Kunden geboten werden, heißt es in den Zentralen der größten deutschen Einzelhandelskonzerne. Genau das misslingt.

Beispiel Düsseldorf, Schadowstraße, eine der umsatzstärksten Einkaufsmeilen Deutschlands: Die Kaufhof-Filiale schließt täglich um 20 Uhr, der Nachbar Karstadt hält die Türen von Donnerstag bis Samstag eine Stunde länger geöffnet, C&A wenige Meter weiter auf derselben Straßenseite schließt jeden Tag erst um 21 Uhr, kleinere Geschäfte machen mitunter schon um 18 Uhr Schluss. „Der Verbraucher ist verunsichert“, sagt eine Düsseldorfer Karstadt-Verkäuferin, „wir öffnen drei Tage in der Woche bis 21 Uhr, unsere Nachbarn machen es anders und die Geschäfte gegenüber wieder anders. Da steigt doch kein Kunde mehr durch.“

Zurück zum „langen Donnerstag“?

Die Leute müssten sich darauf verlassen können, dass die Mehrheit der Geschäfte in der Innenstadt einheitlich lange geöffnet hat, fordert Frank Tüting, Geschäftsführer der Düsseldorfer Kaufhof-Filiale an der Schadowstraße. „Ohne eine gewisse Auswahl an geöffneten Geschäften ist es für den Kunden kaum noch attraktiv, den Weg in die Innenstadt auf sich zu nehmen.“ Tüting regt eine Wiederbelebung des „langen Donnerstags“ an, der in den Köpfen der Verbraucher noch verankert sei. Doch dazu gebe es in Düsseldorf unter den Einzelhändlernbislang leider keine Bereitschaft. Längere Öffnungszeiten?

„Das lohnt sich einfach nicht“, heißt es unter anderem bei der „Interessengemeinschaft Königsallee“. Auf Düsseldorfs Prachtboulevard ist nach 20 Uhr Schaufensterbummel pur angesagt. Es bringe keinen Cent mehr Umsatz, lautet das gängige (Gegen-)Argument der Einzelhändler. Nur da, wo es sich lohnt, heißt es bei den Unternehmen. Auch lässt der Service in den Abendstunden nach, ab 18 Uhr und besonders nach 20 Uhr sei personell nur noch eine „absolute Notbesetzung“ im Haus, erzählen zwei Frankfurter Kaufhof-Verkäuferinnen.

Es bleibt bei einer reinen „Serviceleistung“

In einigen mittelgroßen Städten hat sich der Handel auf einen „Dienstleistungsabend“ pro Woche mit flächendeckend verlängerter Ladenöffnung verständigt. In ländlichen Gebieten, das ergibt eine Umfrage des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE), sei indes überwiegend alles beim Alten geblieben: Feierabend um 18 oder 19 Uhr. Die Ladenöffnung zu späterer Stunde ist hierzulande noch nicht über den Status als reine „Serviceleistung“ oder „Kundenbindungsmaßnahme“ hinausgekommen. Einzig Anbieter von Waren des täglichen Bedarfs, in erster Linie Lebensmittel, machen von der Liberalisierung des Ladenschlusses offensiver Gebrauch. Vorreiter ist hier der Kölner Handelskonzern Rewe: 1200 von 2000 Penny-Markt-Filialen und die Hälfte der 3000 Rewe-Märkte in Deutschland haben an sechs Tagen in der Woche bis 22 Uhr die Pforten geöffnet.

Edeka und die Tengelmann-Gruppe testen den Abendbetrieb an wenigen ausgewählten Standorten, Aldi und Lidl haben strikt an der 20-Uhr-Schließung festgehalten. Gekauft werden zu späterer Stunde in der Regel nur Artikel, die tagsüber vergessen wurden oder sonst am Kiosk geholt worden wären, beobachtet man bei Rewe. Lohnzuschläge für die Beschäftigten von 50 Prozent für Arbeit nach 20 Uhr seien „so hoch, dass eine Ladenöffnung am Abend im Regelfall nicht rentabel ist“, sagt HDE-Präsident Josef Sanktjohanser, im Hauptberuf Rewe-Vorstand.

Späteinkäufer: Auf die richtige Strategie kommt's an

Die Zentren deutscher Großstädte gleichen weiterhin - vor allem in der gemeinhin als umsatzstärker eingestuften zweiten Wochenhälfte - einem Öffnungszeiten-Flickenteppich. Beispiel Frankfurt, Freitagabend gegen 20.30 Uhr, Einkaufen auf der Frankfurter Zeil - die Shopping-Meile, wo die zweithöchsten Ladenmieten Deutschlands verlangt werden.

Der Publikumsverkehr ist recht überschaubar, die tagsüber so hektische Konsummeile wirkt beinahe friedlich. Mit C&A und Woolworth haben zumindest zwei Häuser bis 22 Uhr geöffnet, von Donnerstag bis Samstag. Peek & Cloppenburg, Douglas und H&M haben wie die meisten anderen schon seit 20 Uhr geschlossen. Jetzt gilt es für den Späteinkäufer strategisch vorzugehen. Bei Kaufhof, Karstadt, Esprit wird es nämlich schon eng: bis 21 Uhr geöffnet von Donnerstag bis Samstag. Am besten, man schreibt es sich auf. Schnell noch zu Conrad Electronics, wegen des Computer-Ersatzteils - geschlossen. Nur donnerstags bis 22 Uhr geöffnet, sonst täglich bis 20 Uhr.

„Eine unbefriedigende Situation für den Verbraucher“

Wenige Meter weiter, auf der Goethestraße, dort wo sich in Frankfurt die Hochpreis-Boutiquen ballen: Zwischen 18 und 19 Uhr sind überall die Rollos heruntergelassen geworden - hier muss der Kunde seinen Einkauf bis zu vier Stunden früher beendet haben als auf der Zeil. „Das ist für den Verbraucher eine unbefriedigende Situation“, bemängelt Heinz Schmitz von der Marketing-Initiative „Cityforum pro Frankfurt“, die sich bemüht, den Ladenschluss-Wildwuchs eindämmen. „Gerade kleinere, inhabergeführte Geschäfte“, gibt Schmitz zu bedenken, „haben betriebswirtschaftlich weder den Willen noch die Ressourcen, länger zu öffnen.“

Dass die während der Weihnachtszeit 2006 vielerorts in großem Umfang verlängerten Öffnungszeiten eine Ausnahmesituation darstellten, war absehbar. An den ersten drei Werktagen der Woche kann der Verbraucher im Frühjahr 2007 jedoch den Eindruck bekommen, dass es die jahrelang heißdiskutierte Ladenschluss-Freigabe gar nicht gegeben hat. Überwiegend ist alles beim Alten geblieben - Ladenschluss spätestens um 20 Uhr. Zwar heißt es aus den Unternehmen offiziell stets, die verlängerten Öffnungszeiten müssten mindestens bis zum Ende des Jahres erprobt werden, für eine Zwischenbilanz sei es noch zu früh.

Doch in Wirklichkeit ist mancherorts die Entwicklung schon nach wenigen Monaten zurückgedreht worden. Edeka hat zum Beispiel an einigen Standorten in Berlin die Öffnungszeiten wieder heruntergefahren, Karstadt hat in vielen ländlichen Gebieten den Ladenschluss wieder auf das alte Niveau eingeebnet. Auch die Kaufhof-Filiale auf der Frankfurter Zeil schließt seit kurzem von Donnerstag bis Samstag eine Stunde früher, um 21 Uhr.

Quelle: F.A.Z., 02.06.2007, Nr. 126 / Seite 20
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