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Kurswechsel 3: TUI TUI greift für die Schiffahrt tief in die Tasche

27.12.2005 ·  Damit hatte niemand gerechnet: Im August gab der Touristikkonzern TUI bekannt, daß sie die kanadische Container-Reederei CP Ships übernehmen wolle. Inzwischen ist die rund 2 Milliarden Euro teure Übernahme in trockenen Tüchern. Ein hoher Preis wurde gezahlt.

Von Johannes Ritter
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Damit hatte niemand gerechnet: Im August gab die TUI AG bekannt, daß sie die kanadische Container-Reederei CP Ships übernehmen wolle. Inzwischen ist die rund 2 Milliarden Euro teure Übernahme in trockenen Tüchern. Unter dem Dach von Europas größtem Reisekonzern ist die viertgrößte Container-Reederei der Welt entstanden.

Wie paßt diese Akquisition in die Strategie von Michael Frenzel? Der langjährige Vorstandsvorsitzende der TUI hat den ehemaligen Mischkonzern Preussag, aus dem die TUI hervorgegangen ist, mit zahlreichen Verkäufen und Zukäufen stark umgekrempelt. Dabei folgte er dem Ziel, einen lupenreinen Touristikkonzern zu schaffen, der alle Wertschöpfungsstufen des Reisegeschäfts abdeckt. Dennoch wehrt sich Frenzel entschieden gegen den Vorwurf, mit dem überraschenden Kauf von CP Ships einen Strategiewechsel eingeleitet zu haben. Denn mit dem Tochterunternehmen Hapag-Lloyd sei die TUI schon lange im Schiffahrtsgeschäft aktiv. Mit dem 2004 geplanten (letztlich aber gescheiterten) Börsengang von Hapag-Lloyd habe man keineswegs ganz aussteigen, sondern lediglich eine Minderheit der Aktien abgeben wollen, argumentiert Frenzel.

Schiffahrtsgeschäft ertragsstärker als die Touristik

Tatsächlich spricht manches dafür, daß sich der TUI-Vorstandschef seinerzeit nicht aus strategischen Gründen, sondern vor allem aus der finanziellen und bilanziellen Not heraus teilweise von Hapag-Lloyd trennen wollte. Er wollte von den hohen Schulden herunterkommen, die TUI aufgrund der zahlreichen - und zum Teil überteuerten - Firmeneinkäufe plagen. Und Hapag-Lloyd sollte sich das Kapital für das eigene Wachstum eben von außen holen. Doch im Laufe des Jahres 2004 begann sich das Touristikgeschäft von den vorangegangenen Rückschlägen (Terroranschlag in New York, Krankheit Sars) zu erholen. So fiel es Frenzel leichter, auf den Börsengang zu verzichten, als klarwurde, daß die seinerzeit am Markt erreichbare Bewertung nicht dem tatsächlichen Wert von Hapag-Lloyd entsprach. Heute weiß man: Die Entscheidung war richtig. Denn seither haben sich die Schiffahrtsmärkte und Hapag-Lloyd prächtig entwickelt.

Mit einer Umsatzrendite vor Steuern und Firmenwertabschreibungen von 10 Prozent war das Schiffahrtsgeschäft zuletzt deutlich ertragsstärker als das Hauptstandbein des Konzerns: In der Touristik lag die Rendite 2004 nur bei 3 Prozent. Mit dem (Teil-)Ausstieg aus Hapag-Lloyd hätte Frenzel also in erheblichem Umfang auf operative Erträge verzichten müssen.

In beiden Geschäftsfeldern schlummer erhebliche Risiken

Im Verbund mit CP Ships soll Hapag-Lloyd nun zu einer noch stärkeren Ertragssäule der TUI werden: Nach den internen Planungen des Vorstands soll die Schiffahrtssparte im Jahr 2008 ungefähr genausoviel Gewinn abwerfen wie das Touristikgeschäft, das dann ein Ergebnis vor Steuern und Firmenwertabschreibungen (Ebta) von rund 700 Millionen Euro bringen soll. Folglich käme TUI in drei Jahren auf ein Ebta von rund 1,4 Milliarden Euro. Das wäre ein gewaltiger Sprung gegenüber 2004, als der Konzern ein Ebta von 622 Millionen Euro ausgewiesen hatte.

Einen solchen Sprung zu planen ist das eine, ihn tatsächlich auch zu schaffen etwas ganz anderes. In beiden Geschäftsfeldern schlummern erhebliche Risiken, darunter einige, die kein Vorstand dieser Welt beeinflussen kann. Die schöne Reisewelt der TUI kann jederzeit durch Naturkatastrophen oder Terroranschläge durcheinandergewirbelt werden. Als großer Veranstalter, der fast alle Ferienregionen dieser Erde im Programm hat, kann die TUI ihren Gästen zwar im Ernstfall Ausweichquartiere in anderen Ländern anbieten. Aber eine derartige Umlenkung von Reiseströmen kostet Geld, zumal TUI zum Teil mit eigenen Fluglinien und eigenen Hotels operiert, die bei einem (temporären) Ausfall eines Reiseziels entsprechende Auslastungsprobleme bekommen können.

Die Container-Schiffahrt ist ein zyklisches Geschäft

Weil das Touristikgeschäft so risikoreich geworden ist, kann jegliche Ergebnisplanung blitzschnell Makulatur werden. Mit der Stärkung der Schiffahrt will Frenzel erklärtermaßen Volatilität aus dem Konzern herausnehmen. Ob Hapag-Lloyd aber auch in Zukunft ein so stabiler Ergebnisträger sein kann, muß sich erst noch zeigen. Schließlich ist die Container-Schiffahrt ein zyklisches Geschäft. Wegen der zunehmenden Arbeitsteilung in einer globalisierten Wirtschaft dürfte das Container-Transportvolumen in den nächsten Jahren jeweils um 7 bis 9 Prozent wachsen. Allerdings gehen 2006 sehr viele neue Schiffe in Dienst, so daß erstmals seit Jahren die Nachfrage weniger stark steigen wird als das Angebot an Frachtraum. Deshalb ist mit sinkenden Frachtraten und damit fallenden Erträgen bei den Reedereien zu rechnen.

Hans-Heinrich Nöll vom Verband Deutscher Reeder glaubt, daß diese Schwächephase bis 2008 andauern könnte. Im Vergleich zu 2002 und 2003 würden die Frachtraten aber "auf einem immer noch erträglichen Niveau" bleiben. Die weitere Entwicklung könne durch steigende Treibstoffpreise und die zunehmende Verstopfung der Häfen negativ beeinflußt werden. Daher warnt Nöll: "Schiffahrt ist ein wirklich riskantes Geschäft."

Kurzfristig überwiegen die negativen Effekte

Die Integration von CP Ships bei Hapag-Lloyd wird rund 100 Millionen Euro kosten. Da die Kanadier zudem ertragsschwächer sind als die Hamburger Reederei, wird die Rendite der Schiffahrtssparte durch die Übernahme zunächst sinken. Nur wenn es dem Vorstand tatsächlich gelingt, das Gemeinschaftsunternehmen auf das gleiche Renditeniveau zu heben, das Hapag-Lloyd bislang im Alleingang erreicht hat, ist der hohe Kaufpreis für CP Ships gerechtfertigt.

Kurzfristig schlagen indes die negativen Effekte durch: Trotz der Kapitalerhöhung um 1 Milliarde Euro mußte TUI für den Erwerb erhebliche Fremdmittel aufnehmen und daher seine Entschuldungsziele in den Wind schreiben. Die Nettoverschuldung dürfte Ende 2005 bei 3 Milliarden Euro liegen statt wie ursprünglich geplant auf 2 Milliarden Euro sinken. Die Zinslast bleibt also hoch. Kein Wunder also, daß der vor allem durch die Kapitalerhöhung arg gebeutelte Aktienkurs bei 17 Euro vor sich hindümpelt. Die Anleger warten ab. Sie wollen handfeste Zeichen dafür sehen, daß Frenzels Zwei-Säulen-Strategie tatsächlich die erhofften Früchte trägt.

Quelle: F.A.Z., 27.12.2005, Nr. 301 / Seite 15
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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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