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Veröffentlicht: 23.02.2013, 13:41 Uhr

Kritik am Versandhändler Was ist Amazon wirklich?

Die aktuelle Diskussion um den Online-Händler Amazon und sein Umgang mit Leiharbeitern greift zu kurz. Denn das Unternehmen entwickelt sich vom Einkaufsparadies zum Datenverwerter.

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© REUTERS Die ganze Welt steckt im Effizienz-Zangengriff des größten Versandhauses der Welt: Amazon.

Einen solchen Sturm der Entrüstung hat der Online-Händler Amazon noch nicht erlebt. Die Berichte über die Arbeitsbedingungen, die vor Weihnachten für Leiharbeiter herrschten, die im Versandzentrum im hessischen Bad Hersfeld eingesetzt waren, hat bis zum Bundestag für erregte Debatten gesorgt. Amazon musste sich im Plenum den Vorwurf gefallen lassen, die Zustände seien menschenverachtend gewesen. Ein gutes Wort wollte niemand für den amerikanischen Handelsriesen einlegen; die Kritik zog sich quer durch alle Fraktionen. Auch die kurz zuvor getroffene Entscheidung, die für Unterbringung, Transport und Sicherheit zuständigen Subunternehmen zu kündigen, hatte Amazon keine Luft verschafft.

Carsten Knop Folgen:

Nachdem sich die Politiker an Amazon abgearbeitet hatten, konnten sie nicht mehr viel liefern. Denn grundsätzlich ist das Unternehmen auf der Basis von Arbeitsgesetzen tätig, die auf unterschiedliche Regierungskoalitionen zurück gehen - und dem deutschen Arbeitsmarkt eine ungeahnte Flexibilität verschafft haben. Amazon verhält sich legal und zahlt für seine Zeitarbeiter sogar höhere Löhne, als nötig. Das ist einer der Gründe, warum Amazon außerhalb des Parlaments auch viele Fürsprecher findet, sich die Meinung geradezu in zwei Lager spaltet.

Größtes Online-Kaufhaus der Welt

Für die einen hat es sich Amazon nun für immer mit ihnen verdorben. Sie haben ihr Kundenkonto gelöscht. Auch ein paar kleinere Verleger haben Amazon im Zuge der Diskussionen den Rücken gekehrt. Für sehr viele andere Menschen aber sieht die Amazon-Welt ganz anders aus. Sie halten das in Bad Hersfeld Geschehene für eine aufgebauschte Ausnahme und wissen, dass ein Saisongeschäft ohne Leiharbeiter nicht auskommen kann. Zudem freuen sie sich über die Vorteile für die Kunden, die aus der raschen Belieferung auch in der hektischen Weihnachtszeit entstehen.

Eine Überraschung ist diese Reaktion nicht. Denn Amazon muss in den Jahren nach seiner Gründung 1994 viel mehr richtig als falsch gemacht haben. Sonst stünde das Unternehmen nicht dort, wo es heute steht. Hier hat man es mit dem größten Online-Kaufhaus der Welt zu tun, und allein in Deutschland beschäftigt Amazon inzwischen rund 8000 Festangestellte. Der deutsche Umsatz ist im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen. Er beträgt mittlerweile 6,5 Milliarden Euro.

Um das zu erreichen, hat der Unternehmensgründer und Vorstandsvorsitzende Jeff Bezos Amazon vom Gründungstag an auf Effizienz getrimmt. Alles hat so effizient zu sein, dass Bezos den Traum träumen kann, das kundenbesessenste Unternehmen auf dem Planeten zu sein. Die Worte „Besessenheit“ und „Effizienz“ sind die Schlüsselbegriffe, um das Handeln von Bezos zu verstehen.

Langfristige Entwicklung ist entscheidend

Insofern greift die Diskussion, die derzeit über Amazon in Deutschland geführt wird, zu kurz. Die Unternehmensführung dürfte klug genug sein, bedrückende Bilder wie jene aus Bad Hersfeld nicht mehr entstehen zu lassen, offener zu kommunizieren, dafür zu sorgen, dass in den Versandzentren genug Handschuhe und Sicherheitsschuhe vorhanden sind, und auch dafür, dass die Mitarbeiter schneller durch die Sicherheitsschleusen zur Mittagspause kommen. Es werden sich zudem zahnlose Betriebsräte weitgehend zufriedener Mitarbeiter bilden.

Und weil das, was Bezos gerade in Deutschland mit ansehen muss, vollkommen ineffizient ist, wäre es ungewöhnlich, würde er nicht auch noch an anderer Stelle für reibungslosere Abläufe sorgen: Im Moment ist die Personalabteilung mit der Tatsache, dass sich die Mitarbeiterzahl in der Hochsaison mehr als verdoppelt, überfordert. Aber auch dafür werden sich - wie überall in Bezos’ Unternehmen - Lösungen auf der Basis quantitativer Messungen finden. Viel spannender ist es deshalb, die langfristige Entwicklung von Amazon ins Auge zu fassen, zumal es unwahrscheinlich ist, dass die Erregung mehr als eine Delle im Umsatzverlauf hervorrufen wird. Was also ist Amazon?

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Das Unternehmen entwickelt sich von einem Einkaufsparadies zum Datenverwerter. Es sammelt seit Jahren Daten über die Einkaufsgewohnheiten seiner Kunden, vermietet die Kapazität seiner riesigen Rechenzentren an Dritte, und es verdient Geld mit der Vermarktung der in der digitalen Datenwolke „Cloud“ vorgehaltenen Programme zur Auswertung von Daten. Die ganze Welt steckt im Effizienz-Zangengriff von Amazon, sowohl die reale, also der Einzelhandel in den Fußgängerzonen, als auch die virtuelle in der Form klassischer Anbieter von Informationstechnologie.

Angeboten werden die Produkte stets zu niedrigsten Margen mit dem bestmöglichen Kundenservice. So ist der Gewinn von Amazon nie exorbitant hoch, wohl aber der Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft groß genug, um riesige Investitionen zu stemmen und damit den Wettbewerb alt aussehen zu lassen. Dieses Konzept hat in den vergangenen Jahren blendend funktioniert. Es gibt wenig Anlass, daran zu zweifeln, dass dies auch in der Zukunft so bleiben wird. Und was die Arbeitskräfte in den Lagern angeht: Amazon hat viel Geld in einen Hersteller höchst effizienter Lager-Roboter investiert. Und die klagen nie.

Quelle: F.A.Z.

 

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