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Kritik am Versandhändler : Die Allmacht von Amazon

Bestellung und Lieferung am selben Tag: Noch Zukunftsmusik Bild: Rüchel, Dieter

Die Aufregung über Amazon bringt es ans Licht: Unbeirrt krempelt der Versandhändler unser aller Leben um. Er baut ein Monopol, das in Richtung „Same-Day-Lieferung“ läuft. Die Branche ist verängstigt.

          Wie angesehen eine amerikanische Hochschule ist, zeigt sich an der Prominenz des Redners auf der jährlichen Abschlussfeier. Je nach Ranking der Uni gibt Steve Jobs den in Umhang und Bommelkappe gewandeten Absolventen Weisheiten mit auf den Weg. Oder es redet der Typ, der die meisten Ford-Vertragswerkstätten im Bundesstaat besitzt. Die Absolventen des Princeton-Jahrgangs 2010 waren also stolz, als Jeff Bezos, Gründer und CEO des Online-Kaufhauses Amazon, ihnen Dönekes aus seiner Kindheit erzählte.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der 49-Jährige führt das neben Google und Facebook größte Internetunternehmen der Welt. Geschätztes Vermögen: 20 Milliarden Dollar. Bezos berichtete vom zehnjährige Jeff, schmächtig, schlau und vorlaut, der während der Fahrt in den Urlaub den Großeltern vorrechnete, dass sich die Lebenszeit der Oma durch deren Zigarettenkonsum um neun Jahre verkürze, woraufhin die alte Dame in Tränen ausbrach.

          Wer wie er vom lieben Gott mit mehr Hirn gesegnet sei als üblich, schloss Bezos aus dem Drama, habe im Leben die Wahl: seine Cleverness auszuspielen auf Kosten anderer oder seinen Nächsten zu lieben. Angesichts der aggressiven Wachstumsstrategie, die Bezos seit der Amazon-Gründung 1994 gegen alle Kritik exekutiert hat, keimte in der Kapelle in Princeton die Ahnung: Wer auch nur annähernd so erfolgreich sein will wie der Redner, sollte sich schleunigst für Lebensvariante eins entscheiden.

          Geräuschlos zum bald mächtigsten Händler der Welt

          Auch in Deutschland kommt dieser Tage bei vielen das Gefühl auf, da nutze in der Amazon-Firmenzentrale in Seattle durchaus jemand äußerst clever seine Macht zu eigenen Gunsten aus: Nicht nur sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien, auch die Bundesagentur für Arbeit kritisiert die Art und Weise, wie Amazon Leiharbeit einsetze, als unanständig. Verleger (von überschaubarer Größe) kündigen dem auf dem Buchmarkt allmächtigen Spieler die Geschäftsbeziehung auf. Und das Bundeskartellamt äußerst den Verdacht, die rabiaten Methoden Amazons schädigten nicht nur Angestellte und Konkurrenten, sondern alle, die Waren im Internet kaufen - die Allmacht der Amerikaner treibe die Preise wettbewerbswidrig hoch.

          Dann wären nicht nur Leiharbeiter geschädigt - sondern sämtliche Kunden. Eineinhalb Wochen nach der ARD-Reportage über das Bad Hersfelder Amazon-Lager rollt immer noch die Wutwelle gegen Amazon durchs Land. Wie viele Kunden ihre Konten beim Händler gekündigt haben, ist nicht bekannt, doch es dürfte dem Konzern zumindest vorübergehend eine Umsatzdelle verpassen.

          Nein, dass Amazon relativ geräuschlos in den vergangenen zwei Dekaden zum bald mächtigsten Händler der Welt aufgestiegen ist, sei weniger Bezos’ Nächstenliebe geschuldet, stöhnt auch der deutsche Literaturbetrieb: Bald habe Bezos sein Ziel erreicht, Buchläden aus Beton gänzlich überflüssig zu machen, so wie gedruckte Bücher und die althergebrachten Verlage, deren verlegerische Funktion Amazon fortan gerne selbst übernehmen würde. Oft wird Amazon als Geschäftsmodell ohne Profit geschmäht, doch wer das sagt, hat Bezos’ Philosophie nicht verstanden. Und die Amazon-Bilanz auch nicht. Vier Milliarden Dollar Betriebsgewinn erzielte der Konzern im vergangenen Jahr, doppelt so viel wie ein Jahr zuvor.

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