In der amerikanischen Kosmetikbranche kommt es zu einem feindlichen Übernahmeversuch mit einer deutschen Industriellenfamilie in prominenter Rolle: Der in New York ansässige Kosmetikkonzern Coty Inc., der zum Imperium der Familie Reimann gehört, bietet 10 Milliarden Dollar für den angeschlagenen amerikanischen Traditionskonzern Avon.
Coty machte seine Offerte am Montag publik, um Druck auf Avon auszuüben. Vorherige Versuche, Avon zu einvernehmlichen Übernahmegesprächen zu bewegen, seien erfolglos geblieben, hieß es in einer Mitteilung. Avon wies das Angebot von Coty prompt zurück und nannte es „opportunistisch“ sowie „nicht im besten Interesse der Aktionäre“. Das Übernahmeangebot bescherte der Aktie von Avon, die in den vergangenen zwölf Monaten fast 30 Prozent an Wert verloren hatte, am Montag einen Höhenflug: Der Kurs stieg im Handelsverlauf um 18 Prozent auf 22,80 Dollar und lag damit knapp unter dem Übernahmeangebot von 23,25 Dollar je Aktie in bar.
Gewagtes Manöver
Für Coty ist der Übernahmeversuch ein gewagtes Manöver, das den Konzern in eine ganz neue Dimension bringen könnte. Avon ist viel größer als Coty: Im vergangenen Jahr wies Avon einen Umsatz von 11,1 Milliarden Dollar aus, Coty kam auf 4,5 Milliarden Dollar. Unter Führung des deutschen Vorstandsvorsitzenden Bernd Beetz hat Coty sein Geschäft in den vergangenen Jahren aggressiv mit Akquisitionen ausgeweitet: So kaufte Coty Ende 2010 den schwäbischen Kosmetikanbieter Dr. Scheller, kurz danach folgte die Übernahme des amerikanischen Hautpflegespezialisten Philosophy. Allein der Philosophy-Zukauf soll damals eine Milliarde Dollar gekostet haben, Coty selbst machte zu den Kaufpreisen keine Angaben.
Die Übernahme von Avon wäre nun ein noch viel größerer Schritt für Coty, um sich im Geschäft mit dekorativer Kosmetik zu verstärken. Coty ist vor allem als Anbieter von Parfüms bekannt. Das Unternehmen hat eine breite Palette von Duftmarken wie Calvin Klein, Joop und Davidoff. Coty ist außerdem bekannt für Parfüms mit den Namen von Prominenten aus dem Unterhaltungsgeschäft wie Lady Gaga, Beyoncé oder Heidi Klum.
Schon lange Zeit in Schwierigkeiten
Avon gehört zu den traditionsreichsten Namen in der amerikanischen Konsumgüterindustrie. Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1886 zurück, als der Buchverkäufer David McConnell seinen Kundinnen als Beigabe Parfüms schenkte. Er stellte bald fest, dass die Parfüms besser ankamen als die Bücher, und er spezialisierte sich auf Kosmetika. McConnell ging mit seinen Produkten von Haustür zu Haustür und wurde zu einem Pionier des Direktverkaufs. Später verkauften Heerscharen von Frauen, die „Avon Ladies“, Kosmetika direkt an die Kundinnen.
Seit Jahren steckt Avon jedoch in Schwierigkeiten und machte mit Restrukturierungen von sich reden. 2011 trübte sich die Lage weiter ein, und Avon sah sich zu radikaleren Schritten gezwungen. Im Herbst verabschiedete sich das Unternehmen von seiner vormaligen Umsatzprognose und kündigte eine „Prüfung des langfristigen Geschäftsplanes“ an.
Bald danach gab die seit 1999 amtierende Vorstandsvorsitzende Andrea Jung bekannt, ihren Posten abzugeben. Allerdings hat Avon bis heute noch keinen Nachfolger für Jung gefunden und befindet sich somit in einem Schwebezustand. Die letzten Quartalszahlen im Februar waren eine abermalige Enttäuschung, und Avon musste in wichtigen Märkten wie Nordamerika und Westeuropa deutliche Umsatzrückgänge hinnehmen.
Avons Konter
Coty beteuerte in einer Mitteilung, keinen feindlichen Übernahmekampf anzustreben, sondern einvernehmliche Gespräche mit der Avon-Führung zu suchen. Gleichwohl schlug Coty-Verwaltungsratsvorsitzender Bart Becht in einem Schreiben an Avon-Chefin Andrea Jung harsche Töne an: „Wir verstehen nicht, wie der Mangel an Bereitschaft Ihres Verwaltungsrats, unser Angebot zu diskutieren, dem besten Interesse der Aktionäre von Avon dienen kann.“ Avon konterte am Montag, das „opportunistische“ Angebot liefere nur einen Aufschlag von 20 Prozent auf den letzten Börsenkurs und reflektiere nicht den „fundamentalen Wert“ des Unternehmens.
Becht zeigte sich zudem bereit, das Angebot von 23,25 Dollar zu erhöhen, falls Avon Einblick in seine Bücher gewährt und die dabei gewonnenen Erkenntnisse einen Zuschlag rechtfertigen sollten. Coty will den Kauf zum Teil mit Eigenkapital aus der Holdinggesellschaft der Reimann-Familie und mit Krediten finanzieren, die von der Bank J.P. Morgan Securities arrangiert werden.
Meist geht das in die Binsen
Heinz Fromm (gast007)
- 03.04.2012, 12:38 Uhr