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Korruptionsverdacht Mehr als 100 Beschuldigte im Fall MAN

11.05.2009 ·  In der vergangenen Woche haben Ermittler bundesweit Büros und Wohnungen durchsucht, weil Mitarbeiter des Nutzfahrzeugherstellers MAN unter Bestechungsverdacht geraten sind. Inzwischen gibt es weit mehr als 100 Beschuldigte.

Von Rüdiger Köhn
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Es ist keine Bagatelle mehr: In der Schmiergeldaffäre des Industriekonzerns und Nutzfahrzeugherstellers MAN gibt es mehr als 100 Beschuldigte. Vor einer Woche war noch die Rede von drei Verdächtigen. Und das vermutete Bestechungssystem umfasst sogar Briefkastenfirmen auf den Bahamas und in Malta.

Auch wenn derzeit noch das Volumen vermuteter Schmiergelder einen niedrigen zweistelligen Millionenbereich umfasst, werden immer mehr Erinnerungen an den Siemens-Fall wach. Der Münchener Elektrokonzern hat ebenfalls ein internationales System von Schmiergeldzahlungen etabliert: Dort sind 1,3 Milliarden Euro an, wie es Siemens selbst nennt, „zweifelhaften Zahlungen“ geflossen.

Die Bestechungsaffäre hat bei MAN ein Woche nach den Hausdurchsuchungen durch die Staatsanwaltschaft deutlich größere Ausmaße angenommen als zunächst vermutet. Unter den mehr als hundert Beschuldigten wurden zwei Personen in der vergangene Woche verhaftet. Ein Haftbefehl ist wieder außer Kraft gesetzt worden. Dies teilte die Münchener Staatsanwaltschaft am Montag Nachmittag in einer Presseerklärung mit.

Gegenwärtige Vorstandsmitglieder nicht betroffen

Ausdrücklich betonte sie, dass gegenwärtige Vorstandsmitglieder der Tochtergesellschaft MAN Nutzfahrzeuge AG von Haftbefehlen nicht betroffen seien. Das heißt noch lange nicht, dass Vorstandsmitglieder der Tochtergesellschaft von Ermittlungen verschont geblieben sind. Zwar werden dazu keine Angaben gemacht. Da die Staatsanwaltschaft jedoch von einem Schmiergeld-System im Vertrieb ausgeht, ist die Einbeziehung von Vorständen allerdings naheliegend.

Zudem hat der Staatsanwalt den Ermittlungszeitraum auf heute ausgeweitet. Bislang hieß es, dass sich der Korruptionsverdacht auf die Zeit zwischen 2002 und 2005 beziehe. In diesen Jahren stellten Finanzbehörden während einer Betriebsprüfung 2006 unregelmäßige Zahlungen fest. Diese Hinweise führten dazu, dass die Münchener Staatsanwaltschaft in einer bundesweiten Großrazzia am vergangenen Dienstag die Büroräume des MAN-Konzerns, die von MAN Nutzfahrzeuge, zahlreiche Vertriebsniederlassungen und die Privaträume von Beschuldigten durchsuchten und Beweismaterial sicherstellten.

Die Ausweitung der Untersuchungen auf dieses Jahr ist deshalb interessant, weil der MAN-Konzern unter dem 2005 angetretenen Vorstandsvorsitzenden Hakan Samuelsson im Jahr 2006 eindeutige Verhaltensregeln niedergeschrieben hatte (Code of Conduct). Die wurden jedem Mitarbeiter ausgehändigt, der zudem Schulungen machen musste. Zuvor gab es Dienstanweisungen und Richtlinien für die Vertriebsmitarbeiter,

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren vor einer Woche 300 Polizeibeamte, 100 Steuerfahnder und 26 Staatsanwälte an der Durchsuchung von 59 Objekten beteiligt. Neben den Firmenzentralen von Konzern und Nutzfahrzeugbereich, der Vertriebsgesellschaft MAN Truck & Bus Deutschland in München fuhren die Fahnder sogar im Werk Nürnberg sowie in Vertriebsniederlassungen in allen Bundesländern - außer in Bremen - vor.

Zahlungen über Briefkastenfirmen

Die Staatsanwaltschaft hegt den Verdacht der Bestechung und der Bestechlichkeit sowie der Steuerhinterziehung. Die bisherigen Erkenntnisse würden darauf hindeuten, dass bei MAN Nutzfahrzeuge ein System existiere, um den Absatz von Lastwagen und Bussen zu fördern. Unter den mehr als hundert Beschuldigten geht es nicht allein um Mitarbeiter im Vertriebsbereich von MAN, sondern zugleich um Personen , die als mögliche Empfänger solcher Schmiergeldzahlungen gelten.

Allein im Zeitraum von 2002 bis 2005 seien im Inland Schmiergelder in Höhe von 1 Million Euro gezahlt worden, teilte der Staatsanwalt mit. Hinzu kommen aber noch mögliche Zahlungen im Ausland, über die keine näheren Angaben gemacht werden. Zu vermuten ist aber eine Größenordnung von 15 Millionen Euro an unzulässigen Zahlungen. Die Staatsanwaltschaft teilte am Montag lediglich mit, dass Schmiergelder unter anderem über Briefkastenfirmen in Malta, auf den Bahamas, British Virgin Islands, in Zypern, London und New York sowie über Barauszahlungen geflossen seien.

Ein Sprecher von MAN sagte am Montag zu den Informationen lapidar, dass laufende Ermittlungen nicht kommentiert werden würden. Der Dax-Konzern hatte nach den Durchsuchungen vergangene Woche erklärt, die Staatsanwälte in der Aufklärung voll zu unterstützen. Zudem hat der Konzern mit Hilfe der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG eine interne Sonderprüfung eingeleitet. Vergangenen Donnerstag kam heraus, dass MAN bereits im Jahr 2007 Kenntnis von unregelmäßigen Zahlungen zwischen 2002 und 2005 erhalten und darin verwickelte Mitarbeiter gefeuert hatte.

Die in dem Ausmaß überraschende Nachricht der Staatsanwaltschaft München hinterließ auch an der Börse Spuren. Die ohnehin auf Talfahrt befindliche Aktie verlor unmittelbar nach Bekanntgabe noch einmal deutlich an Wert. Mit einem Kursminus von 8 Prozent waren die MAN-Titel klare Tagesverlierer im deutschen Börsenoberhaus.

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Jahrgang 1958, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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