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Korruption Samsung im Gegenwind

03.04.2008 ·  Bestechung, Korruption und Unterschlagung - Samsung, Koreas größter Konzern steht in der Kritik. Von schwarzen Kassen mit rund 133 Millionen Euro ist die Rede. Nun muss die Gründerfamilie, um den Patriarchen Lee Kun-hee, Rede und Antwort stehen.

Von Patrick Welter, Seoul
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„Wer von Samsung kein Geld bekommt, ist kein Koreaner.“ Dieses geflügelte Wort ist in der koreanischen Hauptstadt Seoul derzeit oft zu hören, vielfach mit resignierendem Unterton. Die größte familiengeführte Unternehmensgruppe (Chaebol) des Landes steht abermals im Zwielicht. Samsung soll in großem Stil und im Auftrag des Patriarchen Lee Kun-hee Staatsanwälte und Richter, Beamte in Ministerien und in der Steuerbehörde, Journalisten und Politiker bestochen haben. Von schwarzen Kassen mit bis zu 200 Milliarden Won (derzeit rund 133 Millionen Euro) ist die Rede. Im Präsidentschaftswahlkampf 2002 soll an Kandidaten Geld geflossen sein; der ehemalige Präsident Roh Moo-hyun, der sich als Kämpfer gegen die Korruption hervortat, soll nach seinem Wahlsieg 2002 von Samsung Glückwunschgeld erhalten haben.

Anschuldigungen dieser Art sind in Korea, für Samsung und auch für Lee nichts Neues. Diesmal aber haben die Vorwürfe eine andere Qualität, seitdem im November ein ehemaliger Chefjurist der Gruppe auspackte und sich selbst beschuldigte, am System der schwarzen Kassen mitgewirkt zu haben. Kim Yon-chul, von 1997 bis 2004 in den Diensten Samsungs, berichtete von Hunderten Konten, die das Konglomerat im Namen von Mitarbeitern unterhielt, um die Bestechungsgelder zu verschleiern.

Lee, seine Frau und diverse Manager dürfen das Land nicht mehr verlassen

Der Patriarch Lee persönlich soll sehr konkrete Anweisungen gegeben haben, wie unwillige Spendenempfänger zur Annahme von Vergünstigungen bewogen werden könnten. Seine Ehefrau, Hon Ra-hee, die in Korea als Patronin der Kunstszene angesehen ist, und andere Verwandte sollen aus den Kassen zugleich für 60 Milliarden Won Bilder auch für den Heimgebrauch gekauft haben, darunter das Werk „Happy Tears“ des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein. Das Gemälde wurde 2002 bei Christies für 7,16 Millionen Dollar von einem Unbekannten ersteigert. Lee, seine Frau und diverse Samsung-Manager dürfen das Land derzeit nicht mehr verlassen.

Samsung hat die Vorwürfe zunächst bestritten. Seitdem das Parlament per Gesetz Sondermittler eingesetzt hat, gibt die Gruppe keine Kommentare mehr ab. Beweise für die Vorwürfe liegen bislang nicht vor. An diesem Freitag erreicht die Untersuchung einen Höhepunkt: Nachdem die Ermittler schon den Sohn des Patriarchen, Manager und am Mittwoch die Ehefrau befragt haben, ist nun Lee Kun-hee vorgeladen. „Wir gehen davon aus, dass er vor dem Sonderuntersucher erscheinen wird“, sagte ein Sprecher der Gruppe. Man sei „überrascht und beunruhigt“. Nach Berichten koreanischer Medien verteidigt Samsung sich damit, dass das Geld in den Schmiergeldkassen Lee persönlich gehöre oder aus dem Erbe seines Vaters, des Samsung-Gründers Lee Byung-chull, stamme. Damit geht es auch um Steuerhinterziehung.

Schmiergelder an den Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf

Der Auftritt des 66 Jahre alten Lee vor einem Ermittler wäre ein Novum. Bei Untersuchungen gegen Samsung in den vergangenen Jahren lösten die Vorwürfe gegen die Familie sich meistens in nichts auf, anders als bei anderen der großen Chaebol-Familien. So war es 2005, als es um eine alte Geschichte rund um die Regelung der Familiennachfolge bei Samsung ging. 1996 hatten Samsung-Unternehmen Wandelanleihen an Lee Jae-yong, den Sohn des Patriarchen, für weniger als 10 Prozent des Marktwertes verkauft. Lee junior erwarb so große Anteile an der Everland-Gesellschaft, der heimlichen Schaltzentrale der Gruppe. Damals verurteilt wurden zwei Manager von Samsung.

Die Familie aber blieb unbeschadet. Lee senior verschwand für Monate in die Vereinigten Staaten, um sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. In Korea sprechen viele von Flucht. Zurück kam Lee, nachdem die Ermittlungen gegen die Familie eingestellt worden waren. Noch auf dem Flughafen entschuldigte er sich beim koreanischen Volk und spendete drei Tage später 800 Milliarden Won, damals rund 825 Millionen Dollar, für soziale Zwecke. Nach den jetzigen Vorwürfen sollen damals Schmiergelder an die Justiz geflossen sein, ebenso wie an Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf 1997. Damals wie heute warnten Kommentatoren in Korea davor, dass Samsung nicht über dem Gesetz stehen dürfe.

Offen ist noch der Ausgang eines anderen Verfahrens rund um die ehemalige Tochtergesellschaft Samsung Motor, in dem Samsung und Lee Ende vergangenen Jahres verurteilt worden waren, 2,3 Billionen Won (rund 1,5 Milliarden Euro) Schadensersatz an ehemalige Kreditgeber zu leisten. Samsung hat Berufung eingelegt. Die Samsung-Gruppe ist mit 59 Tochterunternehmen - darunter Samsung Electronics, der größte Speicherchiphersteller der Welt, und der gewichtige Schiffbauer Samsung Heavy - das Schwergewicht in der koreanischen Wirtschaft.

Koreaner pflegen zu Samsung eine Hassliebe

Rund 20 Prozent der Ausfuhr des exportabhängigen Landes stammen nach Unternehmensangaben von Samsung. Die Gesellschaften der Gruppe sind über ein Netz an Querbeteiligungen miteinander verwoben; dies erlaubt der Lee-Familie, mit einem sehr kleinen Kapitalanteil die Gruppe zu steuern. Zu dem Konglomerat gehören Krankenhäuser, Versicherungen, ein Wertpapierhaus, Kaufhäuser, Hotels und der Vergnügungspark Everland. Samsung habe das Land wirtschaftlich im Griff, heißt es in Seoul. Vor den Bürogebäuden der Gruppe in Seoul stehen drei Fahnen: links und rechts je eine Samsung-Fahne, in der Mitte die koreanische Flagge.

Die Koreaner, so sagen Landeskenner, pflegten zu Samsung eine Hassliebe. Bewundert wird die Rolle der Chaebols in der gelenkten Wirtschaft als Motor des wirtschaftlichen Aufstiegs seit den sechziger Jahren. Lee wird verehrt, weil er Samsung zu einem global erfolgreichen Konzern vorangebracht hat. Die damalige enge Verbindung von Konglomeraten und Politik aber wirkt bis heute nach und bestimmt das Selbstverständnis der Unternehmerfamilien - was zunehmend Kritik hervorruft. Nur gelegentlich wird bemängelt, dass die großen Konglomerate kleinere Unternehmen oft an die Wand drücken.

Sorgenvoll aber blicken viele Koreaner heute darauf, dass Samsung und damit die Wirtschaft unter den Ermittlungen leiden könnten. Einige Wirtschaftsverbände und auch kleinere Zulieferer fordern deshalb, die Untersuchung schnell abzuschließen. Der Sonderermittler hat womöglich noch bis Ende April Zeit. Mitarbeiter von Samsung berichten, dass die Untersuchungen das Unternehmen belasteten. Die in den ersten Monaten des Jahres üblichen Personalrochaden und Beförderungen sind auf Eis gelegt; Samsung hat für das Geschäftsjahr 2008 noch keinen Finanzplan veröffentlicht; Beschlüsse über Investitionen würden nicht gefasst, heißt es. Die wenigen Angaben zur Geschäftsprognose sind vage. Mehr als 10 Prozent wolle man den Umsatz steigern, hieß es auf der Hauptversammlung, was weniger ist als die noch im Januar erwarteten mehr als 15 Prozent. Für diese Minderung ist freilich nicht der vermutete Bestechungsskandal verantwortlich, sondern die Entwicklung im Rest der Welt, welche Samsungs Wachstum im Ausland bedroht.

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