21.10.2008 · Um Jugendliche besser auf das Berufsleben vorzubereiten, kooperieren manche Schulen eng mit der Wirtschaft - und schicken ihre Schüler ein Mal wöchentlich in einen Betrieb. Die Mitarbeit lohnt sich - fast alle Absolventen erhalten später einen Ausbildungsplatz.
Von Lisa BeckerNicht viele Schulen können von sich behaupten, mit fast 200 Unternehmen regelmäßig und verbindlich zusammenzuarbeiten. Die Michaelschule im norddeutschen Papenburg tut dies, „damit wir alle unterbringen können“, wie Schulleiter Ludger Stukenborg sagt. Unterbringen will er alle seine Haupt- und Realschüler – rund 1000 sind es derzeit –, und zwar im Berufsleben. Das gelingt an der Michaelschule so erfolgreich, dass sie schon einige Male für ihre Berufsorientierung ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Seneca-Preis des Bundeswirtschaftsministeriums und im vergangenen Jahr mit dem „Ausbildungsass“ der Wirtschaftsjunioren Deutschland.
„25 Prozent unserer Schüler haben ein festes Ausbildungsangebot, schon bevor sie die Schule verlassen“, sagt Stukenborg und hat noch mehr Fakten auf Lager, von denen die meisten Direktoren anderer Haupt- und Realschulen nur träumen können. „Die Versagerquote beträgt im Prinzip null“, sagt er. Das heißt, dass alle seine Schüler, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nach der Schulzeit einen Ausbildungsplatz bekommen und im Berufsleben Fuß fassen. „Keiner, der will, bleibt hier auf der Strecke“, sagt Stukenborg.
Mitarbeit, nicht Kaffee holen
Die Schüler der Michaelschule gehören ganz offensichtlich nicht zu den rund 8 Prozent eines Jahrgangs, die jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Sie gehören auch nicht zu den 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen, die als nicht berufsfähig gelten. Die Michaelschule entlässt ihre Schüler deshalb so erfolgreich ins Berufsleben, weil sie sie frühzeitig und praktisch darauf vorbereitet. Das kann sie aber nur in Zusammenarbeit mit der örtlichen Wirtschaft, die den Schülern unter anderem eine große Zahl von Praktikumsplätzen zur Verfügung stellt. Denn jeder Michaelschüler geht ein Jahr lang einmal in der Woche einen ganzen Tag in einen Betrieb. Zwei unterschiedliche Betriebe lernt er in dieser Zeit kennen und kann dort die Kenntnisse, die er in der Schule in einem der vielen berufsorientierenden Wahlpflichtkurse erworben hat, praktisch vertiefen.
Zunächst hätten die Unternehmen die Zusatzbelastungen allerdings gescheut, erzählt Stukenborg. Doch gebe es heute keine Vorbehalte mehr. Ganz im Gegenteil dürften die Schüler richtig in den Betrieben mitarbeiten, würden keineswegs nur zum Kaffeeholen geschickt. Die Unternehmen hätten erkannt, wie nützlich es sei, mögliche Auszubildende schon mal unverbindlich anzuschauen. Stukenborg rät, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft verbindlich in Verträgen zu regeln. Die Michaelschule hat zum einen Verträge mit zwei örtlichen Handwerkskammern geschlossen und erreicht so 180 Handwerksbetriebe, zum anderen mit einigen großen Industrieunternehmen, zum Beispiel der Meyer-Werft.
Lücke zwischen Anforderung und Leistung
Die Michaelschule geht einer Entwicklung voran, die in Deutschland ganz allmählich Fahrt aufnimmt. Immer mehr Schulen arbeiten eng und regelmäßig mit Unternehmen zusammen. Immer öfter werden die Details dieser Kooperationen in Verträgen verbindlich festgelegt, wie die Arbeitsgemeinschaft Schule–Wirtschaft beobachtet hat. Die Initiative, die auf Bundesebene von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) getragen wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulen und Unternehmen zusammenzubringen. Dahinter steht die Überzeugung, dass sich Schulen und Unternehmen gegenseitig brauchen, wenn sie die Schüler besser auf das Berufsleben vorbereiten wollen. Noch klaffe zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Leistungsprofilen der Schulabgänger eine zu große Lücke, klagt die Arbeitsgemeinschaft.
Die Wirtschaftsjunioren, ein Zusammenschluss junger Unternehmer, empfehlen vor allem den mittelständischen Unternehmen, enge Bande mit Schulen zu knüpfen. Denn ihnen gelinge es besonders schlecht, gut qualifizierte Berufseinsteiger zu finden. Kernstück einer jeden Zusammenarbeit sollten regelmäßige Praktika der Schüler in den Unternehmen sein. Für die Schulen sei es gut, Unternehmen aus möglichst vielen Branchen in ihr Netzwerk einzubinden. Dann könnten die Schüler in ganz unterschiedlichen Unternehmen Erfahrungen sammeln und ihre Erwartungen testen. „Denn viele Jugendliche brechen ihre Lehre ab, weil sie falsche Erwartungen haben“, sagt Sprecherin Corinna Trips.
Potente Partner aus der Wirtschaft
Meistens sind es Haupt- und Realschulen, die sich die Berufsorientierung groß auf die Fahnen schreiben und mit der Wirtschaft eng zusammenarbeiten. So sind unter den 105 Bewerbern für die diesjährige „Ausbildungsass“-Auszeichnung der Wirtschaftsjunioren nur 22 Gymnasien. Angesichts des größer werdenden Fachkräftemangels müssen sie anders als die Hauptschulen kaum um die berufliche Zukunft ihrer Absolventen bangen. Für die Wirtschaft gibt es allerdings viele Gründe, auf die Gymnasien zuzugehen, denn die Konkurrenz um die Hochqualifizierten wird härter. Der frühere Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank Bernd Fahrholz ging sogar noch einen Schritt weiter. Die Schule, mit der sein Unternehmen seitdem kooperiert, initiierte er gleich mit. Im Jahr 2003 gründete das Land Hessen in Geisenheim im Rheingau die Internatsschule Schloss Hansenberg – gemeinsam mit der Dresdner Bank und dem Chemiekonzern Altana. Kurz darauf beteiligte sich noch der Industriegasekonzern Linde an diesem, wie es in der Schulbroschüre heißt, „bundesweit einmaligen Public-Private-Partnership-Projekt“. Ohne die Partnerfirmen wäre die Schule nicht gegründet worden, erläutert die Geschäftsführerin von Schloss Hansenberg, Viktoria von Zitzewitz-Schänzer, die Einmaligkeit des Vorhabens.
Heike Heuberger, die in der Dresdner Bank für die Internatsschule zuständig ist, ist von den Hansenberg-Schülern begeistert. „Sie sind kreativ, kritisch und unangepasst. Genauso stellen wir uns unsere künftige Führungsgeneration vor“, sagt sie. Die rund 200 Schüler, die im Rheingau in idyllischer Umgebung auf das Abitur vorbereitet werden, sind nicht irgendwelche Schüler. Sie sind hochbegabt und wurden in einem aufwendigen Bewerbungsverfahren ausgewählt. Die Partnerunternehmen bekennen sich auch offen zur Elitenförderung. Doch bilde die Schule nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine Verantwortungselite heran. So fördere die Internatsgemeinschaft, in der die Schüler viele Aufgaben übernehmen müssen, die soziale Kompetenz.
Eliteschmiede in Hessen
Gegen die hohe Leistungsbereitschaft der Schüler werden die Unternehmen sicherlich auch nichts einzuwenden haben. 40 Unterrichtsstunden in der Woche sind normal; Hausaufgaben und Arbeitsgemeinschaften kommen noch hinzu. Mit einem Abiturschnitt von 1,5 gehören die Hansenberg-Schüler zu den besten hessischen Abiturienten. Gerne sehen die Firmen auch, dass Hansenberg auf Berufe vorbereitet, in denen der Fachkräftemangel besonders groß ist. Besonders Wert wird nämlich auf Mathematik, Naturwissenschaft und Wirtschaft gelegt; kein Schüler kann diesen Fächern ausweichen. Und tatsächlich wählen bisher die meisten Absolventen Studienfächer aus diesen Bereichen.
Eine solche enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft in einem Vertrag zu präzisieren ist selbstverständlich. Die Unternehmen haben sich darin verpflichtet, die Schule finanziell zu unterstützen und inhaltlich nicht auf das Curriculum einzuwirken. Schloss Hansenberg ist eine öffentliche Schule, die Schüler zahlen kein Schulgeld. Mit dem Geld der Unternehmen werde das finanziert, was noch oben draufkomme, erläutert von Zitzewitz-Schänzer, zum Beispiel wenn für eine der vielen Arbeitsgemeinschaften eine besondere Ausstattung gebraucht werde. So wurde für die High-Tech-AG eine Brennstoffzelle angeschafft.
„Wir müssen beweisen, dass wir gut sind“
Doch geben die Unternehmen nicht nur Geld: Regelmäßig kommen Mitarbeiter in die Schule und referieren über berufliche Themen. Besonders wichtig waren die privaten Mittel, als die Schule aufgebaut wurde. Das Freizeitgelände konnte so finanziert werden. Nun, da die Mittel nicht mehr ganz so reichlich fließen, ist es der Schule vor allem wichtig, dass die Auslandspraktika weiter finanziert werden können. Jeder Schüler macht in der 12. Klasse ein vierwöchiges Praktikum im Ausland.
Die Unternehmen überweisen ihre Mittel nicht der Schule direkt, sondern dem Förderverein. Der entscheidet über ihre Verwendung. Von 2003 bis 2006 zahlten Altana und Dresdner Bank je 500.000 Euro im Jahr; Linde steuerte seit 2004 jährlich 250 000 Euro bei. Seit 2006 zahlen die drei Unternehmen jedes Jahr zusammen 625.000 Euro. Altana konnte den Vertrag nicht mehr verlängern, deshalb ist die Schule auf der Suche nach einem neuen Partnerunternehmen. Dresdner Bank und Linde haben schon verlängert. Die Bank wird von 2010 bis 2014 jedes Jahr 250.000 Euro überweisen, Linde 125.000 Euro. Was danach passiert, ist noch offen. Dass die privaten Mittel nach einigen Jahren immer wieder aufs Neue eingeworben werden müssten, gehöre zum Public Private Partnership dazu, meint von Zitzewitz-Schänzer. „Wir müssen eben beweisen, dass wir gut sind.“
| Name | Kurs | Prozent |
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