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Konzernumbau : EADS streicht fast 6000 Stellen

Viele Bestellungen für den Eurofighter wurden in der Finanzkrise storniert Bild: dpa

Der Flug- und Rüstungskonzern räumt auf: Standorte sollen verlegt und Stellen bei Verteidigung und Raumfahrt gestrichen werden. In Deutschland werden 2600 Stellen abgebaut.

          Der europäische Konzern für Luft-, Raumfahrt und Verteidigung, EADS, will in den kommenden drei Jahren rund 5800 Stellen abbauen. Dies teilte die Unternehmensführung am Montagnachmittag  in einem mehrstündigen Treffen dem europäischen Betriebsrat mit. An den deutschen Standorten werden 2600 Stellen wegfallen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von dem Arbeitsplatzabbau sollen vor allem die Verteidigungs- Tochtergesellschaft Cassidian, das Raumfahrt-Geschäft von Astrium und die Militärflugzeuge von Airbus-Military betroffen sein, die künftig in der Einheit „Airbus Defence and Space“ zusammengefasst werden. Ein Teil der Stellenstreichungen geht aber auch auf Einsparungen in den Zentralfunktionen zurück.

          „Wir müssen jetzt damit beginnen, unsere Wettbewerbsfähigkeit im Verteidigungs- und Raumfahrtgeschäft zu steigern“, sagte der Vorstandsvorsitzende Tom Enders. Weil die traditionellen Märkte schrumpfen, müsse „dringend“ der Zugang zu internationalen Kunden verbessert werden.

          Produktionsstandorte und Belegschaften von EADS in Deutschland
          Produktionsstandorte und Belegschaften von EADS in Deutschland : Bild: F.A.Z.

          Die Gewerkschaften in Deutschland und Frankreich wandten sich in scharfem Ton gegen die angekündigten Maßnahmen und werden ihre Protestveranstaltungen fortsetzen. „Dem Unternehmen geht es gar nicht so schlecht, das Problem ist das Ziel einer operativen Umsatzrendite von 10 Prozent, das die Konzernführung unbedingt 2015 erreichen will“, sagte ein Sprecher der französischen Gewerkschaft CGT.

          Betriebsbedingte Kündigungen möglich

          EADS betonte indes, dass die Zahl von 5800 Stellenstreichungen aus einer Gesamtbelegschaft bei Airbus Defence und Space von rund 45.000 Mitarbeitern nicht endgültig sein müsse. Erst Mitte 2014 habe man über das genaue Ausmaß volle Klarheit. Der Stellenabbau soll über mehrere Varianten erfolgen: Die Wachstumsbereiche von EADS wie der zivile Flugzeughersteller Airbus und der Hubschrauberproduzent Eurocopter sollen rund 1500 Mitarbeiter aufnehmen, die der Restrukturierung bei Rüstung und Raumfahrt zum Opfer fallen. Etwa 1300 Beschäftigte mit befristeten Verträgen, darunter etwa Leiharbeiter, sollen nach Auslaufen ihrer Verträge keine Verlängerung bekommen.

          Zudem soll einer Reihe von Mitarbeitern der freiwillige Abgang durch Abfindungen angeboten werden. Je nach dem, wie die freiwilligen Maßnahmen angenommen werden, bewege sich „der endgültige Personalabbau zwischen 1000 und 1450 Stellen“, teilte EADS mit. Diese Mitarbeiter hätten also mit betriebsbedingten Kündigungen zu rechnen. Das Unternehmen hat Gespräche mit den Gewerkschaften über Sozialpläne begonnen.

          Zentrale von Cassidian in Unterschleißheim wird geschlossen

          Die Unternehmensleitung betonte dabei, dabei die Sparpläne sich nicht nur auf das Personal beziehen. Auch die Abläufe sollen effizienter gestaltet werden. Durch den gemeinsamen Einkauf in der Tochtergesellschaft Airbus Defence and Space, die auf dem Papier auf einen Gesamtumsatz von 14 Milliarden Euro kommt,  erhofft man sich weitere Entlastungen. Das Verteidigungs- und Raumfahrtgeschäft braucht nach Ansicht von Analysten eine Neuordnung, weil es stark zersplittert ist. Allein bei der Tochtergesellschaft Cassidian gebe es fast 400 verschiedene Produkte.

          Bei der Standortpolitik steht auch eine Bereinigung an. Die Zentrale von Cassidian in Unterschleißheim soll geschlossen werden und deren Mitarbeiter nach Ottobrunn bei München verlegt werden. „Etwa 1000 Funktionen, die sich derzeit in Unterschleißheim befinden, werden dorthin umziehen. Weitere 200 bis 300 in Unterschleißheim angesiedelte Mitarbeiter werden an andere süddeutsche Standorte von Airbus Defence and Space verlagert“, teilt EADS mit.

          Sitz in Paris wird verkauft

          Die ehemalige Pariser EADS-Zentrale im 16. Arrondissement, die nach Expertenschätzungen einen Immobilienwert von mehr als 100 Millionen Euro hat, soll verkauft werden. Die einzige operative Konzernzentrale von EADS befindet sich heute schon in Toulouse, der juristische Sitz in Leiden bei Amsterdam. Auch in Spanien und Großbritannien sind Zusammenführungen und Verlagerungen geplant. Durch die Sparmaßnahmen sollen 500 Stellen in den Zentralen und den angeschlossenen Dienstleistungen wegfallen.

          EADS reagiert mit dem Sparplan auf den zu erwartenden Auftragsrückgang. Wenn das Kampfflugzeug Eurofighter etwa keine neue Exporterfolge erziele, halbiere sich der entsprechende Umsatz bis 2018 auf 800 Millionen Euro, zitiert das französische Magazin „Challenge“ aus einem internen EADS-Papier. Der Umsatz von Airbus Defence and Space werde bis 2018 zwar um 14 Prozent auf 15,5 Milliarden Euro klettern, doch nur aufgrund der Verkäufe des Militärtransporters A400M sowie der Dienstleistungen von Astrium. Die anderen Bereiche stagnieren oder seien rückläufig.

          Just zum Auftakt des Sparprogramms wurde in Brüssel auch eine Studie des EU-Parlaments veröffentlicht, die mit der Rüstungspolitik der europäischen Staaten hart ins Gericht geht. Danach verschwenden die staatlichen Auftraggeber in der EU jährlich zweistellige Milliardenbeträge, weil sie ihre Rüstungsprojekte nicht aufeinander abstimmen oder Großeinkäufe nicht europaweit ausschreiben. Durch Überkapazitäten und Doppelarbeiten entstehen Mehrkosten von mindestens 26 Milliarden Euro im Jahr auf. Bei  bestimmten Rüstungsprojekten könnten die Mehrbelastungen für die Steuerzahler sogar bei bis zu 130 Milliarden Euro gipfeln, heißt es. Ein hochrangiger Manager eines namhaften Rüstungsherstellers in Deutschland pflichtet der Analyse bei: „Wir haben in der europäischen Rüstungsindustrie absurde Reibungsverluste“, sagt er gegenüber dieser Zeitung, „aber es ist Sache der nationalen Regierungen, diese Misere endlich zu beenden“

          Quelle: F.A.Z.

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