http://www.faz.net/-gqe-8xbqi

Konsequenz aus Lubitz-Absturz : Die 2-Personen-Regel fürs Cockpit war schon immer sinnlos

Künftig reicht wieder ein Pilot im Cockpit. Bild: dpa

Ist es wirklich sinnvoll, dass zu jeder Zeit zwei Personen im Cockpit sein müssen? Der Laie sagt aus dem Bauch heraus „ja“. So gut wie alle deutschen Fachleute aber haben schon immer „nein“ geantwortet. Aus mehreren guten Gründen.

          Der Absturz der Germanwings-Maschine im März 2015 brachte 150 Menschen den Tod. Das ist entsetzlich. Besonders schockierend war und ist aber, dass die Katastrophe bewusst herbeigeführt wurde. Nach einhelliger Meinung der Ermittler brachte Kopilot Andreas Lubitz Flug 4U 9525 absichtlich zum Absturz. Der psychisch kranke Lubitz nutzte aus, dass der Kapitän des Flugs auf die Toilette gegangen war. Er war allein im Cockpit und hatte die Tür zum Cockpit von innen verriegelt. Von außen konnte sie nicht mehr geöffnet werden.

          Christoph Schäfer

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Die einbruchssichere Tür ist eine Konsequenz aus den Terroranschlägen in Amerika vom 11. September 2001. Weil bei diesen Terroristen ins Cockpit eingedrungen waren und zwei Flugzeuge ins World Trade Center steuerten, wurden die Türen in der Folge verstärkt. Bei objektiver Betrachtung hat sich die neue Sicherheitsmaßnahme der unüberwindlichen Cockpittür im Fall von Andreas Lubitz als kontraproduktiv erwiesen.

          Diese Erkenntnis lässt sich verallgemeinern: Neue Sicherheitsmaßnahmen können auch das Gegenteil bewirken. In einer Branche, in der Sicherheit das höchste Gut ist, müssen deshalb Vor- und Nachteile einer Regelung kühl gegeneinander abgewogen werden.

          Das ist nun nach zwei Jahren erfolgt, Piloten der großen deutschen Fluggesellschaften dürfen sich spätestens ab Juni wieder allein im Cockpit aufhalten. Die nüchterne Begründung des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL): „Die Evaluierung hat gezeigt, dass die Zwei-Personen-Regelung keinen Sicherheitsgewinn bringt.“

          Auch ein Flugbegleiter kann böse Absichten hegen

          Für nahezu alle Experten kommt das nicht überraschend. Piloten, Flugbegleiter und ihre Gewerkschaften hatten schon zur Einführung den Nutzen der Sofort-Maßnahme in Zweifel gezogen. Im Kern haben sie drei starke Argumente auf ihrer Seite:

          1. Jeder Kapitän und jeder Kopilot kann jedes Flugzeug binnen zwei Sekunden unwiderbringlich zum Absturz bringen, wenn er nur will. Möglichkeiten dazu gibt es jede Menge. Um nur eine zu nennen: Wer den Steuerknüppel kräftig nach vorne drückt und gleichzeitig ins Seitenruder tritt, bringt das Flugzeug in einen spiralförmigen Sturzflug, aus dem es kein Entkommen gibt. Erfahrene Piloten einer großen Fluggesellschaft versichern: „Da kann der zweite Pilot sogar auf seinem Sitz sitzen, er hat keine Chance.“

          Germanwings-Absturz : Airlines verschärfen Sicherheitsregeln

          2. Die 2-Personen-Regel erhöht die Gefahr erheblich, dass Menschen mit bösen Absichten ins Cockpit eindringen können. Piloten verlassen das Cockpit ja vor allem, um auf die Toilette zu gehen. Wenn es die Regel nicht gibt, ist der Toilettengang eines Piloten für die Passagiere nicht planbar, weil sie nicht ins Cockpit sehen können und die Gespräche darin auch nicht mitbekommen. Kurzum: Die Cockpit-Tür öffnet sich überraschend und schließt sich schnell wieder. Böse Menschen haben da kaum eine Chance, ins Cockpit zu kommen, weil das Zeitfenster dafür zu klein ist. Anders ist es, wenn die Zwei-Personen-Regel gilt. Dann wird ein Flugbegleiter nach vorne ins Cockpit gerufen. Der Steward oder die Stewardess geht normalen Schrittes nach vorne und man kann die Sekunden rückwärts zählen, wann sich die Cockpit-Tür voraussichtlich öffnen wird.

          3. Auch ein Flugbegleiter kann böse Absichten hegen. Ein kräftiger Steward könnte den meist älteren Kapitän schlicht umhauen – zumal der in seinem Sitz sitzt und sich bei einem körperlichen Angriff kaum wehren kann. Und wer fliegt dann?

          Hinzu kommt, dass Piloten schon bei der Einstellung psychologisch umfangreich untersucht werden. Der Fall Lubitz ist ein Gegenbeispiel, aber eben auch eine sehr seltene Ausnahme. Nach Angaben des BDL hat es seit dem Jahr 1931 nur etwa vier vergleichbare Suizide gegeben. Demgegenüber stehen 1074 Entführungen. Flugbegleiter hingegen werden wesentlich schlechter psychologisch untersucht als die Menschen, die das Flugzeug fliegen sollen.

          „Eine reine Show-Veranstaltung“

          Am Ende bleiben vor allem zwei Argumente übrig, die für die 2-Personen-Regel sprechen. Zum einen sind Laien eher beruhigt, wenn sie hören, dass immer zwei Menschen im Cockpit sein müssen. Aber selbst die Branchengewerkschaft Ufo, in der das Gros des Kabinenpersonals vertreten ist, spricht von „einer reinen Show-Veranstaltung“. Das Publikum schluckt die Placebo-Pille trotzdem nur zu gern.

          Zum anderen könnte die psychologische Hürde für einen selbstmordwilligen Piloten höher liegen, wenn sich eine zweite Person im Cockpit aufhält. Das aber ist eine reine Vermutung, die sich weder beweisen noch widerlegen lässt. Einen minutenlangen, allmählichen Sinkflug in den Alpen wie im Fall Lubitz hätte es wahrscheinlich eher nicht gegeben. Zumindest hätte der Flugbegleiter den Kopiloten Lubitz nicht seelenruhig und stumm gewähren lassen und versucht, die Cockpittür wieder zu öffnen. Hätte er es geschafft? Und wie hätte Lubitz am Steuer reagiert? Niemand weiß es.

          Ganz am Ende muss abgewogen werden. Amerikanische Fluggesellschaften bleiben bei der 2-Personen-Regel, die großen deutschen Fluggesellschaften kommen zu einem anderen Ergebnis. Sie haben sehr gute Gründe auf ihrer Seite.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Ehrenrunde sorgt für Diskussionen Video-Seite öffnen

          Air-Berlin-Flug : Ehrenrunde sorgt für Diskussionen

          Ein Manöver am Flughafen Düsseldorf am Montag könnte einem Air-Berlin-Piloten vielleicht noch Ärger einbringen. Auf seinem letzten Langstrecken Flug von Miami nach Düsseldorf zieht der Flugkapitän statt zu landen hoch und saust noch einmal am Tower vorbei. Das Luftfahrtbundesamt forderte Air Berlin auf, Stellung zu dem Vorfall zu nehmen.

          Großbrand in 5-Sterne-Hotel Video-Seite öffnen

          Burma : Großbrand in 5-Sterne-Hotel

          Im Süden Burmas stand ein 5-Sterne-Hotel in Flammen. Nach Angaben der Feuerwehr wurden mindestens zwei Personen verletzt, die Brandursache sei noch nicht bekannt.

          Topmeldungen

          Hier gibt ein Dolmetscher des Bamf zu Testzwecken eine arabische Sprachprobe ab.

          F.A.Z. exklusiv : Wenn der Dialekt die wahre Herkunft verrät

          Was tun, wenn Asylbewerber keinen gültigen Ausweis haben? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt nach eigener Auskunft weltweit einzigartige biometrische Sprachsoftware ein. Sie soll die Herkunft von Asylbewerbern eindeutig ermitteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.