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Konkurrenz in der Luft : Der Billigflug-Wettkampf geht in eine heiße Phase

Billig nach Südeuropa: Ankunft von Easyjet-Passagieren in Gibraltar Bild: Reuters

Ryanair und Co. beschränken sich nicht mehr nur auf die von ihnen bedienten Routen. Das heizt die Konkurrenz an. Ein Konkurrent schreibt bereits mehr Verlust.

          Erst luchsten Billigfluganbieter den etablierten Gesellschaften preisbewusste Kunden ab, nun treten die Preisbrecher der Lüfte wie Ryanair, Easyjet und Norwegian stärker untereinander in den Wettbewerb. Jede fünfte Strecke, die die sogenannten Low-Cost-Carrier von deutschen Flughäfen aus bedienen, wird nunmehr von mehr als einer Gesellschaft bedient, rechnet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in der jüngsten Auflage seines Billigflug-Monitors vor, der am Dienstag erschienen ist. Das führt dazu, dass die Gesellschaften immer weniger von ihren Kunden für ein Ticket verlangen können. Als erste schlug nun die britische Easyjet Alarm und meldete für die Winterhälfte des bis Ende September laufenden Geschäftsjahres einen Vor-Steuer-Verlust von umgerechnet 247 Millionen Euro – zehnmal so viel wie vor einem Jahr.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vorbei scheinen die Zeiten, in denen die Günstiganbieter den Markt weitgehend unter sich aufgeteilt hatten und mit Starts von Kleinflughäfen auf dem Land Alleinstellungsmerkmale pflegten. Noch vor zwei Jahren traten erst auf jeder zehnten ihrer Strecken Billigflieger gegeneinander an. Mittlerweile sind beispielsweise zwischen Köln und Berlin oder zwischen Hamburg und spanischen Inseln regelrechte Billigflug-Wettkampfrouten entstanden. Ein einfaches Ticket kostete in der DLR-Stichprobe im Mittel zwischen 44 und 105 Euro, vor einem Jahr waren es 64 bis 107 Euro.

          Immer mehr wenden sich Ryanair und Easyjet zu

          Dabei wenden sich immer mehr Reisende Ryanair, Easyjet und Co. zu. Mit 518 Strecken gab es so viele Billigflugverbindungen ab Deutschland wie noch nie in einem Winterhalbjahr. 23 Prozent aller abhebenden Flüge gehören inzwischen zu diesem Geschäftssegment, in ganz Europa sind es gar 29 Prozent. Von den 224 Millionen Passagieren, die 2016 in Deutschland in ein Flugzeug stiegen, dürften 51 Millionen Billigflugnutzer gewesen sein, rechnen die DLR-Forscher hoch.

          Auch Easyjet beförderte im Winterhalbjahr mit 33,8 Millionen Reisenden 9 Prozent mehr Passagiere. Die Auslastung der auf 266 Jets gewachsenen Flotte stieg. Dennoch schnellte der Verlust hoch. Dabei spielten das seit dem Brexit-Votum schwache Pfund und die erst im April liegenden Ostertage eine Rolle, doch die wachsende Konkurrenz macht sich ebenso bemerkbar. Die Einnahmen je verkauftem Sitz sanken um rund 5 Prozent. Easyjet-Chefin Carolyn McCall rechnet aber mit einer Stabilisierung und einer fortschreitenden Konsolidierung der Branche. „Als zentrale Trends erwarten wir einen steigenden Umsatz pro Sitz sowie eine weitere Abnahme im Kapazitätenwachstum der Konkurrenz“, sagte McCall. Anleger überzeugte sie damit zunächst nicht, die Easyjet-Aktie verlor im Tagesverlauf mehr als 5 Prozent an Wert.

          Aus Sicht der deutschen Luftfahrtforscher vom DLR steht das Billigfluggeschäft vor einem Wandel. „15 Jahren nach dem Beginn der Low-Cost-Verkehre in Deutschland befindet sich dieser Markt in einem Umbruch“, schreiben sie und sprechen gar von einer „Phase zwei“ des Billigfluggeschäfts. Sie ist gekennzeichnet dadurch, dass zum einen Traditionsgesellschaften Billigableger aufbauen – wie Lufthansa mit Eurowings – und zum anderen Preisbrecher der ersten Stunde wie Ryanair sich auf große Flughäfen wie Frankfurt vorwagen. Gleichzeitig zeigt sich eine Konzentration in dem Geschäft. Größter Billiganbieter ist hierzulande mittlerweile die Lufthansa-Plattform Eurowings, die nun für die Hälfte dieses Flugsegments steht. Durch die in den Zahlen noch nicht berücksichtigte Anmietung von Air-Berlin-Jets zum Sommerflugplan dürfte ihr Anteil noch steigen.

          Dahinter folgt Ryanair, die Iren zeigen momentan den strammsten Wachstumskurs. Jeder fünfte Billigflug ab Deutschland wird von ihnen angeboten. „Am stärksten erweitert Ryanair das Streckennetz mit zusätzlichen 35 Verbindungen, einem Plus von 25 Prozent“, sagt DLR-Fachmann Peter Berster. Eurowings, Ryanair und Easyjet stehen zusammen für deutlich mehr als 80 Prozent des hiesigen Billigflugangebots, obwohl die Studie 18 Low-Cost-Carrier listet.

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          Easyjet schlägt nun einen besonderen Weg ein, um die Profitabilität der eigenen Flüge wieder zu heben. Die Gesellschaft ordert größere Flugzeuge, um die Kosten je Sitzplatz zu senken. Ryanair setzt dagegen seit jeher auf nur einen Flugzeugtyp. Nachdem bei Easyjet bereits begonnen wurde, kleinere Airbus A319-Jets durch A320-Flugzeuge zu ersetzen, werden nun A320-Order durch Bestellungen für 30 größerer A321-Maschinen ersetzt. Die Gesellschaft hat dafür einen Auftrag beim Hersteller Airbus modifiziert. Um 8 bis 9 Prozent sollen die Kosten dadurch sinken.

          Wie angespannt der Billigflugwettkampf schon ist, hat zuletzt die Air-France-KLM-Günstigableger Transavia gespürt. Die Gesellschaft hatte sich München als wichtigen Standort ausgeguckt. Weil Eurowings dort expandiert, will Transavia sich im Laufe des Jahres wieder weitgehend zurückziehen.

          Quelle: F.A.Z.

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