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Kommentar zur Deutschen Bank Gedemütigt und ratlos

Die Deutsche Bank befindet sich in der tiefsten Krise ihrer Nachkriegsgeschichte: Der Reputationsverlust ist erheblich, die Zukunft der Führung ungewiss. Als Vorbild taugt sie derzeit gewiss nicht.

© dpa Vergrößern Im Visier der Ermittler: Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen

Noch nie in ihrer Nachkriegsgeschichte stand die Deutsche Bank so gedemütigt, erniedrigt und ratlos da wie in diesen Tagen. Die Bank, die in ihrer Glanzzeit wie eine Spinne im Netz der „Deutschland AG“ saß und sich ganz selbstverständlich als Beraterin der Mächtigen in Politik und Wirtschaft verstand, sieht sich in eine Vielzahl unangenehmer Affären verstrickt, die ihre Anwälte reich, ihre Aktionäre aber arm machen dürften. Der Reputationsverlust der Bank ist erheblich und vermutlich nicht nur von kurzer Dauer, die Zukunft ihrer erst seit wenigen Monaten amtierenden Führung ungewiss. Die Bank muss intern einen Reinigungsprozess durchlaufen und in ihrer Kommunikation nach außen von der Vorstellung Abschied nehmen, ihre Misere sei vor allem das Ergebnis eines Waltens finsterer Mächte, die ihr übel wollten.

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Als vor einem halben Jahr Jürgen Fitschen und Anshu Jain nach einem erbitterten Machtkampf die Führung des Vorstands von Josef Ackermann übernahmen, versprach das neue Duo einen Kulturwandel. Der Kunde sollte wieder stärker im Mittelpunkt des Geschäfts stehen, die Zeit der rücksichtslosen kurzfristigen Maximierung von Gewinn und Bonus der Vergangenheit angehören. Nun wird die Bank eingeholt von ihrer Vergangenheit. Am vergangenen Freitag ist die Bank vom Oberlandesgericht München nach einem etwa zehn Jahre währenden Rechtsstreit zur Zahlung von Schadenersatz an die Erben des Geschäftsmanns Leo Kirch verurteilt worden.

Das Bankgeschäft lebt vom Vertrauen

Am vorangegangenen Mittwoch durchsuchten rund fünfhundert Staatsanwälte, Steuerfahnder und Kriminalbeamte die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt sowie Geschäftsräume in anderen Städten. Mehrere Mitarbeiter wurden verhaftet; gegen zwei Vorstände, darunter Fitschen, wurden Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der schweren Umsatzsteuerhinterziehung eingeleitet. Die Bank ist in weitere Rechtsstreitigkeiten mit erheblichen finanziellen Risiken verstrickt.

Die Deutsche Bank mag zu Recht darauf verweisen, dass Durchsuchungen, Ermittlungsverfahren und Anklageerhebungen keine rechtskräftigen Urteile darstellen; Fitschen mag das spektakuläre und öffentlichkeitswirksame Vorgehen der Strafverfolger zur Wochenmitte als überzogen bewerten. Doch das Bankgeschäft lebt in erster Linie vom Vertrauen. Und schon die alten Römer kannten das Sprichwort, wonach immer etwas hängenbleibt.

Police officers stand inside lobby of headquarters of Deutsche Bank AG  in Frankfurt © REUTERS Vergrößern Polizisten am Rande der Razzia in der Zentrale der Deutschen Bank am Mittwoch

Sicherlich, die Deutsche Bank steht nicht alleine im Regen. In den vergangenen zwei Jahren haben zahlreiche größere Banken erhebliche Schadensersatzleistungen vor allem an amerikanische Behörden gezahlt, um langwierige Prozesse zu vermeiden. Zuletzt zahlte die führende britische Großbank HSBC 1,9 Milliarden Dollar wegen des Vorwurfs der Begünstigung von Geldwäsche. Die Manipulation des in London von mehr als einem Dutzend Banken ermittelten Geldmarktzinssatzes („Libor“) kam bisher die britische Großbank Barclays teuer zu stehen. Vereinbarungen über Schadensersatzzahlungen anderer Großbanken stehen unmittelbar bevor. Wo es um viel Geld geht, leiden schon einmal die guten Sitten. Anders als in den Jahren vor der Krise, als Bankenaufseher und Strafverfolger nicht so genau hinschauten, scheint heute die verbreitete Missstimmung gegenüber den Banken den Arbeitseifer der Ermittler zu befördern.

Derzeit kein Vorbild für andere Banken

Der wichtigste Akteur im Personaltableau der Deutschen Bank ist nunmehr Paul Achleitner, der Vorsitzende des Aufsichtsrats. Achleitner arbeitet erst seit sechs Monaten für die Bank und ist daher in frühere Geschäfte nicht persönlich verstrickt. Der Österreicher kennt als ehemaliger Bank- und Versicherungsvorstand das Finanzgewerbe. Er ist in der deutschen Politik und Wirtschaft exzellent vernetzt. Achleitner muss nicht nur die Aufklärung unklarer Geschäftsvorgänge energisch vorantreiben, er muss auch darauf achten, dass die unterschiedlichen Gruppen in der Bank nicht auseinanderfallen.

Fitschens Bemerkung, er habe die von der Justiz beanstandete Umsatzsteuererklärung unterschrieben, die fragwürdigen Geschäfte hätten jedoch zum Verantwortungsbereich Jains gehört, verdeutlicht, wo potentielle Bruchstellen existieren. Der Kulturwandel, den Fitschen und Jain versprochen haben, muss endlich tatkräftig gelebt werden. Achleitner besitzt in dieser schwierigen Situation auch eine Verantwortung gegenüber den vielen tausend Mitarbeitern der Deutschen Bank, die klaglos ihre Arbeit machen und nicht in Affären verstrickt sind.

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Die Deutsche Bank ist die einzige deutsche Bank von internationaler Bedeutung. Die Planung ihrer Führung sieht vor, die Bank in den kommenden Jahren zu straffen und Kraft zu schöpfen, um auf mittlere Sicht mächtig expandieren zu können. Das langfristige Ziel besteht darin, sich dauerhaft als eine der führenden internationalen Banken zu etablieren. Jetzt muss die Bank erst einmal sehen, wie sie ohne einen schweren und dauerhaften Rufschaden aus der aktuellen Krise herauskommt. Als ein Vorbild für andere Banken taugt die Deutsche Bank gegenwärtig ganz gewiss nicht.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 16.12.2012, 16:54 Uhr

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