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Kommentar Siemens braucht eine Scheidung

Mitarbeiter und Aktionäre können nicht zufrieden sein. Siemens braucht neue Impulse. Neben übergeordneten Themen gibt es manche Tagesbaustelle. Es ist Zeit für eine Scheidung, und dann muss Peter Löscher liefern.

© dpa Vergrößern Es wird Zeit für Veränderungen bei Siemens

Als Peter Löscher Vorstandsvorsitzender von Siemens wurde, war die Umgebung des Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme begeistert. Es war ein Fischzug nach Komplimenten, mitten im Korruptionssumpf, in dem Siemens damals steckte. Als Externer, von Altlasten frei, konnte sich Löscher daranmachen, aufzuräumen. Er tat das mit autoritärer Durchsetzungskraft - und hatte Erfolg. Siemens ließ das Kapitel Schmiergeld hinter sich, steigerte durch Optimierungsmaßnahmen seinen Gewinn. Für seine Arbeit bekam Löscher viel Geld - und eine Vertragsverlängerung.

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Auch Cromme will bei Siemens länger im Amt bleiben; die Altersgrenze, die es bei Siemens bisher für Aufsichtsratsvorsitzende gab, soll für ihn nicht gelten. Ob das aber eine kluge Idee ist, auch angesichts der Arbeit, die Cromme mit seinem katastrophal geführten und von ihm überwachten Heimatunternehmen Thyssen-Krupp hat?

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Mit Blick auf Siemens ist in vielen Punkten differenzierter zu argumentieren als in der Auseinandersetzung mit dem angeschlagenen Stahl- und Industriekonzern aus Essen. Geht es um Cromme, kann man ihm bei Siemens kein Versagen vorwerfen, aber schon, dass er dabei ist, den richtigen Zeitpunkt für einen Generationswechsel zu verpassen. Dass er in den Aufräumarbeiten rund um die Schmiergeldaffäre selbstgefällig war und Menschen ohne Not verletzt hat, ist verjährt. Dass es aber eine gute Idee wäre, Siemens auch in den kommenden Jahren mit dem exakt gleichen Team an der Spitze zu führen, glaubt wohl nur Cromme selbst. Siemens braucht neue Impulse. Mitarbeiter und Aktionäre können nicht zufrieden sein.

Was heißt das für Löscher? Geht es um ihn, gilt die alte Erkenntnis: Man ist nie so gut und man ist nie so schlecht, wie die Leute sagen. Zu behaupten, alle Versäumnisse, gerade mit Blick auf die vermeintlich mangelnde Innovationskraft des Konzerns, seien Löschers Schuld, wäre naiv. Denn im Siemens-Vorstand sitzen unter Löscher fünf Vorstände mit eigenem naturwissenschaftlichen oder Ingenieurs-Hintergrund. Die Führung eines diversifizierten Unternehmens muss unterschiedliche Kompetenzen zusammenbringen und sich zu einer Gesamtkompetenz ergänzen. Hier stellt sich eher die Frage, ob das gut genug gelungen ist.

Übergeordnete Themen und Tagesbaustellen

Auch die Investitionen in Forschung und Entwicklung sind auf hohem Niveau gehalten und ausgeweitet worden. Im Jahr 2012 betrugen die F&E-Ausgaben 4,2 Milliarden Euro, also 5,4 Prozent vom Umsatz. Bosch investiert in dieser Relation viel mehr; das muss aber kein Kriterium sein. Und dass im Siemens-Portfolio weniger junge Produkte sind als früher, hat mit Konzernumbauten der vergangenen Jahre zu tun - vor allem mit dem Ausstieg aus der Kommunikation.

Neben diesen übergeordneten Themen gibt es manche Tagesbaustelle: Mängel an Zügen, der schleppende Anschluss von Offshore-Windparks an das Stromnetz, sieche Solargeschäfte. In allen Punkten kommt Löscher nicht gut weg; im Zusammenhang mit den verspäteten ICE-Zügen der Bahn steht sogar ein Wortbruch im Raum. Wahr ist allerdings auch, dass in Russland oder Spanien Züge von Siemens zuverlässig unterwegs sind und die ICE-Züge der Bahn im grenzüberschreitenden europäischen Bahnverkehr vielleicht zu viel können sollen. In Sachen Wind hat Siemens viele Fehler eingestanden, glaubt sie aber im Griff zu haben. In der Solarthermie allerdings - da gibt es gar keine andere Deutungsmöglichkeit - hat Löscher auf die falsche Technologie gesetzt. Auf die rückläufige Auftragsentwicklung wurde zu spät reagiert; das Effizienzprogramm kommt zu spät.

Es ist Zeit für eine Scheidung

Mehr noch: Das von Löscher ausgegebene Umsatzziel von 100 Milliarden Euro war zu ambitioniert. Das Umsatzziel ist auch oft als „Vorrang“ von Volumen vor Kapitaleffizienz missverstanden worden, obwohl es nie so gemeint war. So mag Siemens zwar 2012 von 73 auf 78 Milliarden Euro Umsatz gewachsen sein. Aber die schönsten Erfolge verblassen, wenn der Chef die Etappen zum nächsten Ziel, basierend auf welchen Planungen auch immer, zu ehrgeizig gewählt hat.

Im neuen Geschäftsbereich Infrastruktur und Städte sind zweifellos Kernkompetenzen gebündelt. Es bleibt aber die Gewissheit, dass es Löscher bisher nicht ausreichend geschafft hat, Mitarbeiter und Öffentlichkeit hinter seinem Thema des grünen Infrastrukturkonzerns zu versammeln. Muss Löscher deshalb gehen? Nein. Aber der Aufräumer mit Zeigefinger auf andere und starrem Blick geradeaus muss sich ändern. Löscher muss seine „Siemensianer“ mit Empathie und fachlicher Kompetenz als Team motivieren. Sparprogramme verbreiten keine Aufbruchsstimmung. Es scheint, dass Siemens diese Erkenntnis auch hatte: Löscher wird zugänglicher, räumt diverse Fehler ein, gelobt Besserung. Er wird aus seiner Haut nicht herauskönnen, aber die Chance zu zeigen, dass er auch anders kann, sollte er kriegen. Siemens ist nicht Thyssen-Krupp. Der ewige Cromme wird bei Siemens nicht mehr gebraucht. So lange Zeit zu warten, bis Cromme Krupp-Stiftungsvorstand wird, haben weder Löscher noch Siemens. Es ist Zeit für eine Scheidung, und dann muss Löscher liefern.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.12.2012, 13:57 Uhr

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