10.06.2005 · Es mutet fast schon etwas gespenstisch an: Deutschlands zweitgrößte Bank wird ins Ausland verkauft, und kaum jemand scheint sich dafür zu interessieren. Kein Aufschrei aus Politik und Wirtschaft, keine Proteste von Arbeitnehmern.
Von Folker DriesEs mutet fast schon etwas gespenstisch an: Deutschlands zweitgrößte Bank wird ins Ausland verkauft, und kaum jemand scheint sich dafür zu interessieren. Kein Aufschrei aus Politik und Wirtschaft, keine Proteste von Arbeitnehmern. Erweist sich Deutschland wieder einmal als europäischer Musterschüler einer arbeitsteiligen Weltwirtschaft? Oder ist die leidenschaftslose öffentliche Begleitung des bevorstehenden Verkaufs der Hypo-Vereinsbank (HVB) an die italienische Unicredito nicht vielmehr ein Indiz dafür, daß allerorten die Erleichterung über die „Entsorgung“ des Problems HVB groß ist?
Vieles spricht für die zweite Version. Wie sonst ist es zu erklären, daß sich die Bayerische Staatsregierung in wohlwollendes Schweigen hüllt? Solche Zurückhaltung ist für die Münchener Staatskanzlei ungewöhnlich. Wenn es um die Interessen Bayerns und des Finanzplatzes München ging, ist Ministerpräsident Edmund Stoiber wiederholt zu industriepolitischer Hochform aufgelaufen. Er war es auch, der 1997 die Bayerische Vereinsbank zur Übernahme der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank gedrängt hatte, weil er einen Ausverkauf der beiden weißblauen Institute an die Frankfurter Großbanken gefürchtet hatte.
Aus zwei Problemen eins gemacht
Doch mit diesem Abwehrmanöver, das kurzzeitig die nach dem Börsenwert größte Bank Deutschlands entstehen ließ, wurde aus zwei Problemen ein großes gemacht. Denn Hypo-Bank und Vereinsbank waren vor der Fusion jeweils erhebliche Risiken auf dem ostdeutschen Immobilienmarkt eingegangen. Darunter leiden sie bis heute. Eine Serie von milliardenschweren Wertberichtigungen nahm der neuen Hypo-Vereinsbank ihre Substanz und damit am Ende ihre Fähigkeit, als eigenständige Bank zu überleben.
Letzteres wird von HVB-Chef Dieter Rampl in München zwar immer wieder bestritten. Doch nicht seine Worte, sondern seine Taten sprechen Bände. Es ist schon überaus bemerkenswert, mit welcher Energie sich Rampl in den vergangenen Wochen an den Hals von Unicredito-Chef Alessandro Profumo geworfen hat. Der Eindruck drängt sich auf, daß Rampl diese Übernahme unbedingt will - koste es, was es wolle. Und warum? Weil er wahrscheinlich besser als alle anderen weiß, daß nur ein freundliches Zins- und Konjunkturumfeld die kreditlastige Bank vor einem weiteren Aderlaß bewahren würde.
Noch auf der Hauptversammlung am 12. Mai bekräftigte Rampl, daß das Großreinemachen in dem fast 100 Milliarden großen Immobilienportfolio nach menschlichem Ermessen beendet sei. Doch das Wirtschaftswachstum Deutschlands fällt in diesem Jahr weit schwächer aus, als noch zu Jahresbeginn erwartet worden war. Wenn diese Flaute in eine Stagnation oder gar Rezession mündete, würden sich in der Bank schnell wieder größere Eigenkapitallöcher auftun. Diese Erkenntnis ist auch in der Münchener Staatskanzlei gereift. Stoiber hat offenbar aus seinen Fehlern gelernt. Obendrein weiß er, daß ein Verkauf der Hypo-Vereinsbank an eine ausländische Bank politisch inzwischen einfacher zu vermitteln ist als eine inländische Lösung. Eine Fusion der Hypo-Vereinsbank mit einem anderen deutschen Institut, etwa der Commerzbank, würde viele tausend Arbeitsplätze kosten.
Trugschluß Arbeitsplatzsicherheit
Wahrscheinlich gibt man sich aber auch einem Trugschluß hin, wenn man die Unicredito-Lösung als eine arbeitsplatzsichernde Alternative preist. Zwar hat Rampl in den Gesprächen mit den Italienern offenbar einen fünfjährigen Bestandsschutz für die HVB ausgehandelt. Eine Garantie für Arbeitsplätze scheint damit aber nicht verbunden zu sein. Die kann Unicredito auch nicht geben. Denn wie sonst wollte Profumo seinen Aktionären glaubhaft machen, daß die Übernahme die Profitabilität der Mailänder Bank nicht nachhaltig verwässert? Der Unicredito kauft die HVB nicht wegen, sondern trotz ihres Deutschland-Geschäfts.
Im Ausland wird denn auch sehr genau verfolgt werden, ob und wie der Unicredito das deutsche Filialgeschäft in den Griff bekommen wird. Das Gefühl, mit der HVB womöglich eine günstige Gelegenheit verpaßt zu haben, scheint andere konsolidierungswillige Bankenchefs noch nicht zu beschleichen. Sie schreckt nicht nur das fast 400 Milliarden Euro große Kreditbuch der Bank. Sie beklagen auch die fortgesetzte staatliche Abschottung eines Großteils des hiesigen Bankenmarktes.
Keine Hoffnung auf CDU/CSU
Die Chance, daß das aus Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken bestehende Drei-Säulen-Modell unter einer unionsgeführten Bundesregierung aufgeweicht werden könnte, ist ebenfalls gering. Mit Roland Koch hat gerade ein CDU-Ministerpräsident dafür gesorgt, daß die bisher freie Frankfurter Sparkasse bei der Hessischen Landesbank aufgehängt und damit gewissermaßen in die staatlich kontrollierte Familie integriert wird. Der größere Teil des deutschen Bankenmarktes bleibt damit der notwendigen Konsolidierung entzogen.
Die wenigen privaten Universalbanken, die nach dem Verkauf der Hypo-Vereinsbank hierzulande noch verbleiben, haben somit kaum Optionen. Die Gefahr besteht, daß sie irgendwann das gleiche Schicksal ereilt wie die Hypo-Vereinsbank. Die Attraktivität der Commerzbank hat nach Jahren der Restrukturierung beträchtlich zugenommen. Das Institut ist auf bestem Wege, wieder mindestens seine Kapitalkosten zu verdienen. Selbst eine Deutsche Bank ist für eine Übernahme kein Tabu mehr, wie vor zwei Jahren die Gespräche mit der amerikanischen Citigroup gezeigt haben. Freilich wären hier die politischen Widerstände groß.
Doch einen solchen Ausverkauf kann man sich auch als Verfechter freier Märkte eigentlich nicht wünschen - die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ohne eine eigenständige Bank von internationalem Format. Noch klingt dies wie Schwarzmalerei. Aber das Beispiel der Hypo-Vereinsbank zeigt, daß der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt sind.
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