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Kommentar : Microsoft auf wackligem Fundament

Steve Ballmer - Heute spielt Microsoft im Smartphone- und Tabletgeschäft nur eine Nebenrolle Bild: AFP

2007 witzelte Steve Ballmer noch das iPhone habe „keine Chance“. Der Microsoft-Chef hat sich jedoch vor allem im Geschäft mit Handys und Tablets auskontern lassen.

          Steve Ballmer war schon immer für markige Seitenhiebe auf die Konkurrenz gut. Seine Sprüche waren oft unterhaltsam, aber im Nachhinein auch entlarvend. Man muss sich nur einige Äußerungen in Erinnerung rufen, um zu sehen, warum Ballmer als Vorstandsvorsitzender des Softwarekonzerns Microsoft letztlich gescheitert ist und ein vorzeitiger Abgang unvermeidlich wurde.

          Als Apple 2007 das iPhone-Handy herausbrachte, spottete Ballmer, das Gerät habe „keine Chance“. In Wahrheit lieferte Apple mit dem iPhone die Initialzündung für die mobile Revolution: den Aufstieg von Smartphones und später Tabletcomputern, die der Domäne von Microsoft mit klassischen Personalcomputern wie Laptops und Desktop-Rechnern die Relevanz nehmen. Noch vor zwei Jahren stichelte Ballmer, das Handy-Betriebssystem Android von Google sei nur etwas für Computerwissenschaftler. Mittlerweile haben fast 80 Prozent aller Smartphones in der Welt Android installiert.

          Microsoft blickt auf ruhmreiche Zeiten zurück

          Allzu oft hat sich Steve Ballmer verschätzt, wohin sich die Technologiebranche bewegt. Dahinter steckte sicher oft das Kalkül, den Besitzstand von Microsoft zu wahren, insbesondere die Gelddruckmaschinen Windows und Office, deren Schicksal noch immer eng mit PCs verbunden ist. Aber womöglich konnte Ballmer auch nicht anders, denn er ist eher ein Mann fürs operative Geschäft als für visionäre Strategien. Ballmer, der den Posten als Vorstandschef im Jahr 2000 übernahm, hat das Erbe von Microsoft-Mitgründer Bill Gates eine Zeitlang passabel verwaltet, aber unter seiner Führung hat der Konzern seine tonangebende Rolle in der Branche verloren. Das reflektiert auch die Börse: Schon vor drei Jahren musste Microsoft seine Krone als teuerstes Technologieunternehmen der Welt an Apple abtreten, mittlerweile ist sogar Google vorbeigezogen.

          Microsoft blickt auf ruhmreiche Zeiten zurück. Bill Gates hatte schon bei der Gründung des Unternehmens im Jahr 1975 die Vision, dass irgendwann einmal in jedem Haushalt ein Computer stehen wird. Er machte Produkte wie das Betriebssystem Windows und die Bürosoftware Office zu Standards auf Computern. Microsoft wurde so mächtig, dass dem Unternehmen sogar die Zerschlagung durch die amerikanischen Kartellbehörden drohte. Der Konzern spielte seine beherrschende Position aus und fegte mit Finanzkraft und Ellbogeneinsatz viele Wettbewerber vom Markt.

          Statistenrolle auf dem Smartphone- und Tabletmarkt

          Auch unter der Führung von Bill Gates galt Microsoft keineswegs immer als das innovativste Unternehmen. Aber der Konzern war gefürchtet dafür, Märkte mit Brachialgewalt von hinten aufzurollen. Legendär ist das Beispiel des Internet-Zugangsprogramms Netscape, das Microsoft in den neunziger Jahren mit seinem Explorer ausgeschaltet hat. Diese Brechstangentaktik wandte auch Ballmer wiederholt an, nur mit viel weniger Erfolg. So investierte er Milliardenbeträge, um Google in der Internetsuche Konkurrenz zu machen. Aber allen Anstrengungen zum Trotz liegt die Microsoft-Suchmaschine Bing bis heute weit abgeschlagen hinter Google, und die Internetsparte des Konzerns bleibt defizitär.

          Noch viel gravierender ist, wie sich Microsoft auf mobilen Plattformen von Google und Apple hat auskontern lassen. Dabei gehörte Microsoft sogar zu den frühen Anbietern von Software für internettaugliche Handys, ließ sich aber überrunden. Es ist doppelt fatal, dass Microsoft heute im Smartphone- und Tabletgeschäft nur eine Statistenrolle spielt. Nicht nur entgeht dem Unternehmen ein wachstumsträchtiger Markt, es muss auch um seine etablierten Umsatzsäulen wie Windows fürchten. Die dominierende Position von Microsoft auf Laptops und Desktops wird entwertet, wenn immer mehr Menschen Smartphones und Tablets für Computeraufgaben nutzen.

          Ballmer verschaffte Microsoft auch Erfolge

          Ballmer hat eine verzweifelte Aufholjagd gestartet. Er überarbeitete erst die Smartphone-Software und dann in einem noch viel radikaleren Schritt auch Windows. Die neue Version Windows 8 sollte ein Türöffner für das mobile Geschäft werden, sie wurde für den Einsatz sowohl auf PCs als auch auf Tablets konzipiert. Die Neuentwicklungen haben teils durchaus positive Kritiken bekommen, aber Ballmers Rechnung ging nicht auf. Der Marktanteil bei Smartphones bleibt winzig, die Resonanz auf Windows 8 ist enttäuschend, und eine eigene Hardware-Offensive mit dem Tablet Surface wurde zum Flop.

          Steve Ballmer kann auf einige Erfolge verweisen. Unter seiner Führung brachte Microsoft die Videospielkonsole Xbox heraus, und er hat das Geschäft mit Unternehmenssoftware wie Programmen für Netzwerkrechner (Server) ausgebaut, das sich bis heute prächtig entwickelt. Nicht zuletzt ist Microsoft noch immer hochprofitabel. Aber es sind dunkle Wolken aufgezogen, die Erosion des PC-Marktes schwächt das Fundament des Konzerns. Dass andere einstige Glanzadressen aus der Blütezeit des PC-Marktes wie Intel, Dell oder Hewlett-Packard ebenfalls ins Straucheln geraten sind, unterstreicht, dass es keine einfachen Antworten auf die Umwälzungen der Branche gibt. Auf den Nachfolger von Ballmer wartet die schwere Aufgabe, einen Platz für Microsoft in einer veränderten Welt zu finden.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

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