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Kommentar : Lehren aus dem Fall Air Berlin

Die Fluggesellschaft Air Berlin ist aufgeteilt: Für den Steuerzahler jedoch, bleibt eine hohe Rechnung offen. Bild: dpa

Die größte Insolvenz in der deutschen Luftfahrt ist eine Geschichte der Patzer. Der EU ist es zu verdanken, dass jetzt endlich wieder Wettbewerb am Himmel stattfindet.

          Air Berlin ist aufgeteilt. Doch für den Steuerzahler bleibt eine hohe offene Rechnung, denn ein eilig ausgereichter Staatskredit fließt nicht komplett zurück. Die Streitigkeiten um die Abwicklung sind zwar juristisch ausgefochten, Verstimmung bleibt aber. Das hätte nicht so kommen müssen. Eine schnelle, harte Insolvenz hätte Kosten vermieden. Sie hätte die Nerven von Beschäftigten und Passagieren insgesamt weniger strapaziert. Und sie hätte eine Neuordnung des Luftfahrtmarktes beschleunigt. Doch diese Chance wurde fatalerweise vertan, und die bislang größte Insolvenz in der deutschen Luftfahrt wurde zur Geschichte der Patzer.

          Um zu sehen, wie es besser geht, genügt ein Blick nach Großbritannien. Denn 2017 sind gleich zwei Fluggesellschaften gescheitert. Hier Air Berlin, dort Monarch Airlines. In beiden Fällen half der Staat, allerdings ging man in Berlin und London sehr unterschiedlich vor – und der englische Weg war der klügere. Die Brexit-Vorbereitungen mögen ungelenk sein, in der Luftfahrt lieferte London das Lehrstück. Auf der Insel ist das Gerede über die Monarch-Insolvenz verstummt, in Deutschland halten sich Vorwürfe. So holprig der Air-Berlin-Flugbetrieb mit Verspätungen, Ausfällen und verschollenen Koffern vor der Insolvenz war, so störanfällig geriet die Zerlegung nach der Insolvenz.

          Im Wahlkampf strandete kein Passagier

          Die britische Regierung ließ sich hingegen auf keine lebensverlängernden Maßnahmen für Monarch ein. Die Gesellschaft war zwar wesentlich kleiner als Air Berlin, bediente aber ebenso ein Sammelsurium aus Urlauberstrecken und Städteverbindungen. Das Aus war also genauso geeignet, Urlaubermassen die Erholung zu rauben. London organisierte daher eine keineswegs billige Rückholaktion, damit niemand strandete. Danach war Schluss. Berlin gewährte mit derselben Begründung ein Darlehen, eine staatliche Beatmung für einen finanziell Toten. Air Berlin brachte Reisende zurück, flog aber gleichzeitig weiter Kunden in die Ferne – zu Sonderangebotspreisen.

          LUFTHANSA

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          Im Bundestagswahlkampf strandete kein Passagier. Die Streichungen begannen danach, bis schließlich der Betrieb komplett zusammenfiel und auch die Tochtergesellschaft Niki ins Aus flog. Dazu kommen die Langzeitfolgen. Wer früh seinen Urlaub für 2018 gebucht hat, kann nun keineswegs sicher sein, dass alle in Aussicht gestellten Flugzeiten eingehalten werden. Hunderten wurde der Urlaub schon storniert, weil sich in der Nebensaison zu Nischenzielen keine Ersatzbeförderung organisieren ließ. Und weil die Zerlegung von Air Berlin nicht abgeschlossen ist, können noch nicht alle Flughafen-Slots endgültig umverteilt werden. Drohende Startzeitänderungen genügen, um der Reisebranche unzufriedene Kunden zu bescheren.

          Der Lufthansa ging es vor allem darum, Rivalen aufzuhalten

          Warum ein dem Untergang geweihtes Unternehmen noch gestützt werden musste, erschließt sich nicht. Eine schnelle Nothilfe nach britischem Vorbild hätte auch hierzulande genügt, um Chaos in den Ferien zu verhindern. Als Lebensverlängerung bis zum Abschluss der Verwertung war die Geldspritze für Air Berlin ohnehin ungeeignet. Die Lage war zu desaströs. Zwischen der Auszahlung der ersten und der letzten Kredittranche lagen kaum mehr als sechs Wochen.

          Eine kolossale Fehleinschätzung war auch, dass das Darlehen sicher zurückgezahlt werde. Der leichtfertige Glaube daran hat erst eine unglückliche Konstellation der Interessen ermöglicht. Die Deutsche Lufthansa, die große Teile von Air Berlin ergattern wollte, hat sich nie glänzende Werte zum Schnäppchenpreis erhofft. Den vermeintlichen Glanz gab es gar nicht. Es ging der Lufthansa vor allem darum, ein allzu forsches Einfallen ausländischer Rivalen in ihre Heimatdomäne zu verhindern. Dieses Ansinnen wurde im Berliner Regierungsviertel so bereitwillig aufgenommen, dass Skeptiker erst recht ein abgekartetes Spiel witterten. Profiteur wäre aber auch der Bund gewesen. Denn außer der Lufthansa gab es niemanden, dessen Offerte eine komplette Tilgung des Staatsdarlehens gesichert hätte.

          Das Risiko weiterer Insolvenzen bleibt

          So fiel dem politisch gewünschten nationalen Champion die Rolle des letzten Nothelfers zu, um eine fahrlässige Kreditvergabe zu einem glimpflichen Ende zu führen. Es ist aber nie die Aufgabe eines Konzernvorstands, mit einem Griff in die Unternehmenskasse die Folgen politischer Fehlgriffe auszugleichen. Schon die Kreditvergabe war falsch, die Fixierung auf einen möglichst hohen Verkaufserlös im Bieterverfahren war ein Folgefehler. Wettbewerbsbedenken zählten kaum noch. Die brachte erst die EU-Kommission zurück in die Diskussion.

          Ihr ist es zu verdanken, dass am Ende der Air-Berlin-Geschichte doch wieder Wettbewerb am Himmel stattfindet. Die deutsche Politik war auf dem Weg, ihn in Teilen abzuwürgen. Nun werden die Rivalitäten sogar größer, als es Luftfahrtmanagern genehm sein kann. Air Berlin ist unter mehreren Interessenten aufgeteilt, andere Gesellschaften sind am Bieterverfahren vorbei in Lücken gesprungen. Für Kunden ist das kurzfristig von Vorteil. Die Ticketpreise sinken in einem Geschäft, in dem Air Berlin nicht überleben konnte. Das Risiko weiterer Insolvenzen bleibt aber. Dafür sollte der Fall Air Berlin eine Lektion sein.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

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