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Kommentar Kabelwirrwarr

Die Fusion der Kabelnetzbetreiber Unitymedia und KabelBW darf nicht platzen. Telekom und Vodafone brauchen starke Herausforderer.

© Kabel BW Vergrößern

René Obermann hat in seinen letzten Monaten als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom einen echten Lauf. Die Halbjahresbilanz weist nach Jahren der Stagnation wieder Umsatzwachstum aus; von Regulierung und Politik kommt Rückenwind, und jetzt stellt sich ein Gericht auch noch der immer mächtiger werdenden Kabelkonkurrenz in den Weg. Die Telekom-Beschwerde gegen den Zusammenschluss von Unitymedia und Kabel Baden-Württemberg war ein voller Erfolg. In dem aus ihrer Sicht besten Fall platzt die Milliardenfusion ganz. Dann müssten die beiden Regionalanbieter wieder getrennt marschieren. Auf jeden Fall kann die Telekom in einer Neuauflage der Fusionsprüfung auf verschärfte Auflagen hoffen, die den Konkurrenten schwächen und ihre Chancen auf Aufträge der Wohnungswirtschaft verbessern.

Helmut  Bünder Folgen:  

Der amerikanische Medientycoon John Malone und sein Konzern Liberty Global sind eine teure Wette auf den deutschen Kabelmarkt eingegangen. Vor vier Jahren hatten sie für Unitymedia knapp 3,7 Milliarden Euro hingelegt, 2011 folgte dann für weitere 3,2 Milliarden Euro die Übernahme von Kabel BW. Zusammen kommen die beiden Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg auf 6,7 Millionen TV-Kunden und sind damit hinter Kabel Deutschland (KDG) die Nummer zwei in Deutschland. 2002 hatte Malone gleich sechs regionale Kabelnetze übernehmen wollen - von der Telekom, die das Fernsehkabel aus Wettbewerbsgründen verkaufen musste. Aber das Bundeskartellamt machte ihm damals einen Strich durch die Rechnung, weil sie darauf bestand, das Kabelmonopol zu zerschlagen.

Dass sich Malone wieder von Kabel BW verabschiedet, ist kaum vorstellbar. Eher wird er zusätzliche Auflagen in Kauf nehmen. Schließlich läuft das Geschäft mit dem Kabel weiterhin prächtig. Allein im ersten Halbjahr wuchs der Umsatz des fusionierten Unternehmens um fast 10 Prozent. Immer mehr Fernsehkunden geben sich nicht mehr mit der „Basisversorgung“ zufrieden, sondern stellen auf HD um und buchen zusätzliche Programmpakete. Die größte Phantasie birgt allerdings die hohe Nachfrage nach schnellen Internetanschlüssen: Unitymedia Kabel BW ist seit zwei Jahren der am schnellsten wachsende Breitbandanbieter in Deutschland. Allein im vorigen Jahr haben dort 410000 Kunden einen neuen Vertrag unterschrieben. Insgesamt surfen in Deutschland inzwischen rund 4,5 Millionen Deutsche über das Fernsehkabel.

Business Leaders Meet In Sun Valley, Idaho For Allen And Co. Annual Conference © AFP Vergrößern John Malone

Hohe Übertragungsgeschwindigkeiten und vergleichsweise niedrige Preise bringen die gesamte Telekom-Branche in die Bredouille. Solange es nur darum ging, die Zuwächse auf dem Markt zu verteilen, ließ sich der Angriff des Kabels verkraften. Doch seit einigen Monaten sind die Kundenzahlen der DSL-Anbieter auch unter dem Strich rückläufig - jetzt geht es um den Altbestand. Die Telekom nimmt deshalb Milliardenbeträge in die Hand, um das eigene Netz auf höhere Geschwindigkeiten aufzurüsten. Mit VDSL und der neuen Vectoring-Technik will sie der Konkurrenz in den Ballungsgebieten Paroli bieten. Die Zustimmung der Regulierungsbehörden steht kurz bevor, in einigen Tagen will Obermann detaillierte Ausbaupläne vorstellen.

Gleichzeitig punktet die Telekom mit ihrem Internetfernsehen, für das sie schon mehr als eine Million Kunden gewonnen hat. Und sie macht dem Kabel inzwischen auch direkte Konkurrenz um die Verträge mit der Wohnungswirtschaft, indem sie Mietshäuser an ihre Glasfaserleitungen anbindet, die das Fernseh- und Rundfunksignal in die Gebäude bringen. Vodafone hat sich für einen anderen Weg entschieden: Statt sich auf einen teuren Abwehrkampf einzulassen, wird der Konzern selbst zum Kabelanbieter: Für mehr als 10 Milliarden Euro inklusive der Schulden will er sich KDG einverleiben.

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Die Märkte sortieren sich neu. Die technische Konvergenz lässt die Grenzen zwischen Kabel- und klassischem Breitbandmarkt verschwimmen. Fernsehen, Internet und Telefonie funktionieren auf beiden Plattformen; unabhängig von der Technik werben die Unternehmen um dieselben Kunden. Das OLG-Veto wirkt deshalb wie aus der Zeit gefallen. Das Gericht blickt rückwärtsgewandt auf die Märkte und auf eine anderthalb Jahre alte Kartellamtsentscheidung und übersieht, dass die technische Entwicklung seitdem schon ein gutes Stück weiter vorangekommen ist. Statt an einer überholten Marktabgrenzung festzuhalten, wäre es sinnvoller, den Infrastrukturwettbewerb weiter zu befördern. Dazu gehört auch, historisch gewachsene Exklusivrechte der Kabelunternehmen zu beseitigen.

Die vom Kartellamt angeordneten Nebenbedingungen wie Sonderkündigungsrechte für die Wohnungswirtschaft waren ein erster Schritt, dem weitere folgen könnten. Nur darf dabei die Schmerzgrenze nicht überschritten werden. Unitymedia und Kabel BW müssen unter einem Dach bleiben, um als starker Herausforderer auftreten zu können. Sonst steuert der deutsche Breitbandmarkt auf ein überregionales Duopol zu, in dem neben der Telekom nur noch der Verbund aus Vodafone und KDG bestimmt, wo es langgeht.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.08.2013, 11:39 Uhr

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