Home
http://www.faz.net/-gqi-nu31
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Erholt, aber noch nicht krisenfest

 ·  Nach mehreren Quartalen mit Verlusten haben die deutschen Großbanken wieder Tritt gefaßt. Doch für eine Entwarnung ist es noch zu früh.

Artikel Lesermeinungen (0)

Nach mehreren Quartalen mit Verlusten haben die deutschen Großbanken wieder Tritt gefaßt. In den kommenden Tagen werden sie für das zweite Quartal 2003 über bessere Ergebnisse berichten. Für eine Entwarnung ist es allerdings noch zu früh. Denn eine grundlegende Besserung ist erst zu erwarten, wenn sich Konjunktur und damit die Erlöse erholen - was möglich, aber noch keineswegs sicher ist. Die Lösung der tieferen strukturellen Probleme, die die gesamte deutsche Kreditwirtschaft plagen, wird noch länger dauern. Doch weht über die verkrustete Bankenlandschaft jetzt immerhin ein frischer Wind.

Noch vor ein paar Monaten geisterten an den Börsen Spekulationen über eine deutsche Bankenkrise. Dies hat die von sinkenden Aktienkursen gebeutelten Institute zusätzlich belastet. Doch haben sie diesen Sturm gemeistert, nicht zuletzt durch Erlöse aus dem Verkauf von Beteiligungen. Seit Mitte März geht es nun wieder aufwärts. Dazu beigetragen haben insbesondere der Aufschwung an den Aktienbörsen und das lebhafte Emissionsgeschäft bei Anleihen. Das hat Provisionseinnahmen und Handelserträge aufgepolstert. Geholfen hat zudem, daß größere Unternehmenszusammenbrüche in diesem Jahr bislang ausgeblieben sind.

Potential der Großbanken bleibt beschränkt

Zur Verbesserung der Ergebnisse hat aber auch beigetragen, daß die Großbanken bei sich selbst mit harter Hand saniert haben. Nach der Devise "Zurück zum Kerngeschäft" haben sie ihre Filialnetze im In- und Ausland verkleinert und darüber hinaus ganze Geschäftsfelder - bis hin zum angestammten Hypothekengeschäft und dem Investmentbanking - auf Vordermann gebracht, verkauft, ausgegliedert oder stillgelegt. Zudem nutzen die Banken im Kreditgeschäft verstärkt die Möglichkeit, Kredite in Wertpapiere zu verpacken und am Kapitalmarkt zu plazieren. Parallel achten sie mehr als früher darauf, für ihre Kredite Zinsmargen zu verlangen, die dem Risiko angemessen sind. Die geplanten neuen Eigenkapitalvorschriften ("Basel") haben diesen überfälligen Wandel stimuliert. Manchen Kunden vergrätzt das. Doch geht kein Weg daran vorbei, daß die Kreditinstitute - nicht nur die Großbanken - ihre Zinsmargen erhöhen.

Als Konsequenz dieser Maßnahmen sind die vier Großbanken dabei, rund 43000 von 262000 Arbeitsplätzen (Ende 2000) abzubauen. Die Kosten sind so schon deutlich gesunken. Die Institute haben damit eine gute Grundlage für steigende Gewinne geschaffen - wenn die Erlöse wieder zunehmen. Dies aber hängt davon ab, daß die Konjunktur anspringt und die Börse bei Laune bleibt. Aber selbst wenn beide Voraussetzungen erfüllt sind, bleibt das Potential der Großbanken beschränkt. Denn die dreigliedrige Struktur des deutschen Kreditgewerbes - einige Privatbanken hier, daneben aber eine große Zahl von öffentlich-rechtlichen Landesbanken und Sparkassen, ferner genossenschaftliche Volksbanken - wirkt wie ein Korsett. Vor allem die politisch gesteuerten öffentlich-rechtlichen Institute, bei denen die Gewinnerzielung oft hinter anderen Motiven zurücksteht, wirken als "Preisdrücker". Das macht es den privaten Banken schwer, auskömmliche Margen zu erzielen. In einer Studie zur Stabilität des deutschen Finanzsystems, die der Internationale Währungsfonds voraussichtlich im September vorlegen will, dürfte dieser Punkt besondere Beachtung finden. Wie zu hören ist, will der IWF die so verursachte chronische Ertragsschwäche der deutschen Kreditwirtschaft als gewichtiges Risiko kritisieren.

Öffentlich-rechtliche Institute suchen Zusammenhalt

Allerdings sind die hohen Marktanteile der Sparkassen und Volksbanken nicht allein auf "unfairen Wettbewerb" zurückzuführen. Mit ihrer dezentralen Struktur bilden sie das Gegenstück zu der vom Mittelstand geprägten deutschen Wirtschaft. Zudem haben die lokal verankerten Institute stets an ihrer Orientierung auf die private und "kleine" Firmenkundschaft vor Ort festgehalten, während einige Großbanken hier einen Schlingerkurs gefahren sind, der ihrem Ansehen geschadet und viele Kunden vergrault hat.

Offensichtliche Fehlentwicklungen - wie akut bei der Westdeutschen Landesbank - illustrieren, daß auch die öffentlich-rechtlichen Institute Reformbedarf haben, zumal die Staatsgarantien demnächst wegfallen werden. Doch sträuben sich die Verbände der Sparkassen und Genossenschaftsbanken vehement dagegen, daß einzelne Mitglieder ausscheren und sich von einer Privatbank übernehmen lassen. Denn dies würde die Kosteneffizienz der Gemeinschaftsorganisationen schmälern. Auch in der Politik gibt es nur vereinzelt Ansätze, an der Drei-Säulen-Struktur zu rütteln.

Verschieden Wege aus dem Korsett

So müssen die Großbanken nach anderen Wegen suchen, dem Korsett zu entkommen. Die Deutsche Bank hat dies schon geschafft: Sie hat sich zu einer international führenden Investmentbank entwickelt - und ist insofern, auch was ihre Ertragskraft anbelangt, eine Klasse für sich. Ob das Stammgeschäft in Deutschland, das zuletzt wieder stärker integriert wurde, dazu paßt, ist allerdings fraglich. Der Dresdner Bank wiederum scheint vorgezeichnet, daß sie noch stärker als bislang an den Bedürfnissen ihrer Muttergesellschaft, dem Versicherungskonzern Allianz, ausgerichtet wird.

Hypo-Vereinsbank und Commerzbank hat die Ertragskrise gezwungen, sich wieder zu klassischen Universalbanken zurückzubauen, freilich mit europäischem Radius. Das hat ihnen gutgetan. An der Börse halten sich Spekulationen über eine Fusion der beiden Häuser. Tatsächlich würde ein Zusammenschluß eine gute Kombination ergeben. Sie eröffnete die Chance auf zusätzliche Marktanteile und böte Potential zum Kostenabbau.

Die überfällige Konsolidierung der deutschen Bankenlandschaft käme mit so einer Fusion einen Schritt voran. Doch müßtem dem noch viele weitere Initiativen, vor allem ein Aufweichen der Drei-Säulen-Struktur, folgen, um das deutsche Kreditgewerbe durchgängig ertragsstark zu machen - und damit wirklich krisenfest.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2003, Nr. 175 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Der Staat schafft keine Suchmaschine

Von Carsten Knop

Soll eine deutsche Suchmaschine mit Hilfe von Subventionen entstehen? So würde nur Geld verschwendet. Der Machtkampf am Markt wird es regeln. Und Deutschland darf die Innovation nicht mehr als Bedrohung empfinden. Mehr 12 9


Wichtigste Werte
Name Kurs Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --