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Kommentar : Die wollen nur spielen

Das Handy-Spiel „Pokémon Go“ lockte in den letzten Jahren viele auf die Straßen. Aber können Spiele Mitarbeiter auch an den Schreibtisch fesseln? Bild: dpa

Wettbewerb gehört seit jeher zur Wirtschaft dazu. Per „Gamification“ sollen jetzt Mitarbeiter spielerisch motiviert werden. Doch dadurch werden langweilige Jobs auch nicht spannender.

          Die Parkplatzsuche gehört zu den frustrierendsten Tätigkeiten, denen ein Mensch nachgehen kann. Doch Forscher der Karlsruher Universität KIT haben daraus ein Spiel gemacht. Sie locken Freiwillige mit einer Smartphone-App nach draußen und bringen sie dazu, nach freien Parkmöglichkeiten zu suchen. Dafür bekommen sie in dem Spiel eine Belohnung und bauen sich ein kleines virtuelles Königreich auf.

          Andere Nutzer erfahren, wo sie parken können. In einer Testphase wurden so von 372 Helfern 7000 Informationen zu Parkplätzen zusammengetragen. „Location Based Crowdsourcing“ nennt sich das und beschreibt das Zusammenstellen des Schwarmwissens zu bestimmten Orten wie etwa zugeparkten Innenstädten. Der Bosch-Konzern fand das Konzept so spannend, dass unter seinem Dach nun die „Parkineers“-App auf den Plattformen von Google und Apple zu finden ist. Mit dem Programm würden die Nutzer „spielend die Welt verbessern“, wirbt Bosch vollmundig.

          Gamification schafft Motivation

          Wettbewerbe gehören seit jeher zur Wirtschaft dazu, schon wer aufsteigen will in der Unternehmenshierarchie, folgt gewissen Spielregeln. Chefs definieren Belohnungssysteme, die längst nicht nur aus Gehaltserhöhungen bestehen. Doch Unternehmen haben erkannt, dass es möglich ist, den Spieltrieb des Menschen noch stärker auszunutzen. Dafür hat sich in den vergangenen Jahren ein eigener Begriff etabliert: Mit Gamification oder Gamifizierung sollen Mitarbeiter spielerisch motiviert werden.

          Der deutsche Software-Konzern SAP bildet seine Entwickler mit Spielen weiter. Punkte für den Mitarbeiter werden mit Zielen verbunden, die auch dem Unternehmen nutzen. In verschiedenen „Missionen“ arbeiten sich die SAP-Entwickler von Level zu Level. Das unternehmenseigene „Community-Netzwerk“ namens SCN habe dadurch eine Aktivitätssteigerung von 300 Prozent erreicht, schwärmt SAP. Für den Softwarekonzern haben die eigenen Experimente so viel Erfolg gehabt, dass er inzwischen auch andere Unternehmen zur Gamification berät und Produkte dazu anbietet. Noch ist das Interesse daran freilich gering – vielen Mittelständlern ist solch ein Konzept bisher völlig fremd.

          Umsetzung und Zeitumfang sind schwierig

          Unbestritten und durch mehrere Studien belegt ist, dass Spiele eine positive Wirkung auf Motivation haben. Allerdings gibt es berechtigte Zweifel daran, ob die Wirkung nachhaltig ist. Nach außen hin mag das funktionieren, wie in der Parkplatzapp. Aber angewendet auf das tägliche Arbeitsleben in einer Organisation, wird es schon komplizierter: Mitarbeiter können nicht die ganze Zeit spielen. Selbst wenn sie aus Wettbewerben Gelerntes auf reale Probleme im Arbeitsalltag übertragen können, geht durch das Spielen viel Zeit verloren.

          Zudem ist die Umsetzung von Gamification häufig schwieriger als erwartet. Denn nur ein gut gemachtes Spiel weckt Aufmerksamkeit und führt dazu, dass sich Mitarbeiter Abläufe durch die spielerischen Elemente leichter einprägen können. Bleibt das Spiel nur eine lieblose Ablenkung vom Aktenberg auf dem Schreibtisch, hilft es niemandem weiter. Das bedeutet: Die Spiele müssen richtig auf das jeweilige Unternehmen abgestimmt sein. Mit Pokémon Go löst niemand stockende Auftragseingänge im Vertrieb, Angry Birds hilft nicht dabei, das Betriebsklima zwischen den Abteilungen zu verbessern. Eigene Spiele zu entwickeln kostet also Zeit und Geld.

          Spiele können Mitarbeiter nerven oder unter Druck setzen

          Hinzu kommt: In jedem Beruf gibt es Aufgaben, die unangenehm sind und auch nicht dadurch spannender werden, dass man sie mit Spielelementen kombiniert. Unternehmen sind gut beraten, sich vorher klarzumachen, ob solche Spiele zur Unternehmenskultur passen. Für Personaler mag es Sinn ergeben, vor ein Bewerbungsformular einen Wissenstest über das Unternehmen zu schalten. Dann bewirbt sich nur, wer wirklich Interesse am Unternehmen hat – so könnten Kündigungen reduziert werden. Doch man stelle sich vor, wie Mitarbeiter von der Stadtreinigung schauen würden, wenn ihnen eine App mitteilt, dass sie in ihrem Tagesziel von 5000 geleerten Mülltonnen noch weit entfernt vom Goldstatus liegen?

          Nicht ohne Grund entsteht mancherorts die Sorge, dass mit solchen Spielen Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt wird – oder sogar über Punktesysteme und vorher fest definierte Ziele eine stärkere Überwachung einhergeht. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu anhalten, ihren Tagesablauf stärker zu kontrollieren (und sei es durch Spiele), kann das nach hinten losgehen. Nicht zuletzt kann auch gut gemachte Gamification Abwehrreaktionen hervorrufen. Wenn es überall in Apps und auf Bildschirmen blinkt und jede Aufgabe im Unternehmen wie ein Wettbewerb gestaltet wird, kann das die Mitarbeiter schnell nerven. Gleichzeitig muss Unternehmenschefs klar sein, dass Spiele keine Wunder vollbringen: Ein unmotivierter Mitarbeiter bleibt auch unmotiviert, wenn er gamifiziert wird. Gleichwohl können Spiele – sorgfältig dosiert – Routinen aufbrechen. Schließlich nutzen sogar die Parteien Gamification im Haustürwahlkampf, um ihre Helfer anzutreiben. Dabei gelten sie gemeinhin nicht als die innovativsten Akteure.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

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