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Kommentar Die Liebe zum Auto erkaltet

 ·  Autos verlieren ihren Sex-Appeal. Erleben wir gerade, dass ein mächtiger Konsumtrend endet?

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Die jüngsten Nachrichten aus der europäischen Autoindustrie sind beunruhigend. Hersteller schließen Fabriken, betteln um Geld vom Staat oder lassen kürzer arbeiten. Auch die deutsche Autoindustrie, die lange wie Alice im Wunderland lebte, spürt langsam die Absatzkrise. Bisher konnte sie sich auf die Kundschaft in den aufstrebenden Ländern China, Brasilien und Indien verlassen. Und sie baute auf die Heimat. Denn Deutsche sind so treu. Sie kaufen deutsch. Zwei von drei Neuzulassungen in Deutschland kommen von deutschen Produzenten.

Aber wie viel Verlass ist noch auf diese für die Industrie essentielle Kundenbasis? Im September 2012 war die Anzahl der Neuzulassungen in Deutschland um rund zehn Prozent niedriger als im September 2011. Ein Minus gab es außer für März und April in jedem Monat dieses Jahres. Und alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Oktober noch schlechter sein wird als der September.

Warum Deutsche weniger Autos kaufen ist nicht so eindeutig zu erklären, wie man meinen könnte. Sie sind bisher keine Euro-Krisen-Verlierer. Ihre Löhne sind zuletzt gestiegen, die Arbeitslosenquote war lange nicht so niedrig wie jetzt.

Benzin ist teuer - aber so teuer auch wieder nicht.

Sie sind auch nicht knauserig geworden angesichts der unsicheren Gesamtlage. Im Gegenteil: Das Marktforschungsinstitut GfK mutmaßt, die Euro- und Bankenkrise veranlasse „die Verbraucher dazu, ihre finanziellen Mittel eher in werthaltige Anschaffungen zu investieren als bei der Bank anzulegen“. In die Kategorie werthaltige Anschaffungen würde man in jedem Fall Autos einordnen. Aber Autos werden eben nicht gekauft.

Handfeste Gründe gibt es natürlich. Der Treibstoff ist so teuer wie selten zuvor, zumindest auf den ersten Blick. Doch gemessen an der Einkommensentwicklung, ergibt sich wieder ein anderes Bild. Die Löhne und Einkommen sind in den letzten 50 Jahren mit den Benzinpreisen gestiegen und zumeist sogar stärker. Gemessen am verfügbaren Einkommen war Benzin in den meisten Phasen der Nachkriegszeit teurer als jetzt.

Endet da ein Konsumtrend?

Was passiert da am deutschen Markt also tatsächlich? Könnte es sein, dass wir Zeugen des Endes eines Konsumtrends werden, der half, Deutschland zur Wirtschaftsmacht werden zu lassen? Über Jahrzehnte hinweg hatten die Deutschen von Jung bis Alt eine Liebesbeziehung zu ihrem Automobil. Fürs Auto legten sie ihr Geld zurück und investierten sie ihre Freizeit als Hobbybastler oder Felgenpolierer. Zu den beliebtesten Spielen auf langen Fahrten gehörte das Automarken-Raten. Die zehn- bis fünfzehnjährigen Sprösslinge übertrumpften sich mit Spezialwissen, das sie aufgeschnappt, gelesen oder aus den beliebten Autoquartett-Kartenspielen entnommen hatten.

Schon lange wird Autoquartett nicht mehr gespielt, und die Jugend von heute kann viel besser Smartphone-Typen unterscheiden als Automarken. Sie kann auch leichter Grafikkarten im PC auswechseln als Zündkerzen.

Die Wahrnehmung, dass in den jüngeren Generationen die Liebe zum Auto nicht mehr lodert, beschränkt sich nicht auf anekdotische Evidenz: Seit Mitte der neunziger Jahre ist der Anteil der unter Dreißigjährigen unter den Neuwagenkäufern um zehn Prozentpunkte geschrumpft.

Die Hersteller der teuren Autos Audi, Mercedes und BMW finden kaum noch unter 35-Jährige, die sich einen Neuwagen aus ihrem Sortiment leisten. Dazu wächst zumindest unter den Großstadtbewohnern die Überzeugung, es gehe auch ohne Auto. Immer mehr Menschen sehen ihre Konsumträume nicht mehr in Autos materialisiert.

Das ist bedrohlich: Denn Träume zu verkaufen, war bisher die Spezialität der deutschen Autohersteller.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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