Der Worte sind genug gewechselt. Die deutschen Banken müßten mit ihrem Konsolidierungsprozeß in diesem Jahr "in die Strümpfe kommen", möglichst "noch im ersten Halbjahr", forderte Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Sparkassentag in Frankfurt. Warum plötzlich die Eile? Das zeitliche Diktat des Kanzlers nährt unwillkürlich die Befürchtung, daß ausländische Banken "ante portas" stehen.
In den Frankfurter Bankentürmen wird schon seit geraumer Zeit ein Horrorszenario herumgereicht: Eine amerikanische Bank gibt eine Übernahmeofferte für die Deutsche Bank ab. Prompt sähen sich konkurrierende amerikanische und europäische Häuser genötigt, zu reagieren. Wie Dominosteine könnten dann auch die anderen großen deutschen (privaten) Banken fallen. Am Ende stünde die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ohne eine Bank von internationalem Rang da. Die Entscheidungen für Exportfinanzierungen deutscher Industrieunternehmen würden nicht mehr in Frankfurt oder München, sondern in New York, London oder Paris gefällt werden.
Es wäre zu einfach, täte man dieses Szenario als unrealistisches Phantasiegebilde ab. Zugegeben: Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, daß sich erfolgreiche ausländische Banken für Adressen wie die Commerzbank oder die Hypo-Vereinsbank begeistern könnten, also für Institute, die noch vor eineinhalb Jahren vom Kapitalmarkt angezählt wurden. Doch wenn ein solcher Ausverkauf einmal eingesetzt hat, kann es bei potentiellen Käufern auch zu irrationalen Entscheidungen kommen, allein schon aus der Überlegung heraus, daß das Fenster für einen Einstieg danach für lange Zeit geschlossen wäre.
Das ausländische Interesse an deutschen Banken ist jedenfalls in jüngerer Zeit stark gestiegen. Die Liste der Institute, die in Berlin sondiert haben, welche Übernahme "politisch akzeptabel" wäre, ob Deutsche Bank oder Postbank, ist lang. Es war der Kanzler selbst, der die Geister rief, die die hiesigen Banken wohl nicht mehr loswerden. Schröder hatte Sandy Weill, dem machtvollen Verwaltungsratschef der amerikanischen Citigroup, die Deutsche Bank gewissermaßen angedient. Deutschlands Vorzeigebank wäre damit zur Europa-Zentrale der größten Bank der Welt degradiert worden. Die Transaktion ist erst einmal gescheitert, nicht zuletzt wegen des Widerstandes aus dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank heraus.
Schröder selbst scheint inzwischen auch nicht mehr von seiner Idee begeistert zu sein. Sein jüngster Appell an die Branche, sich so neu zu ordnen, daß Deutschland am Ende über je ein Institut verfügt, das im globalen Konzert mitspielen kann oder "europatauglich" ist, kommt einer 180-Grad-Wende gleich. Wer würde sich hierzulande nicht freuen, wenn die Bankenlandschaft so, wie von Schröder skizziert, neu aufgestellt würde? Was sich freilich auf Sparkassentagen leicht daherreden läßt, steht in der Realität vor kaum überwindbaren Hürden. Schließlich ist es Schröder selbst, der die Bestandsgarantie für das deutsche Drei-Säulen-Modell politisch bekräftigt hat. Damit bleiben vier Fünftel des deutschen Bankenmarktes, nämlich die Sparkassen und Genossenschaftsbanken, zugenagelt. Die beiden nationalen "Champions", die Schröder vorschweben, müssen sich somit ihre Masse aus dem verbleibenden Fünftel zusammensuchen.
Doch kann das genug sein, um im Europa- oder Weltkonzert der Banken mitgeigen zu können? In Ländern wie Amerika oder Großbritannien, wo heute die profitabelsten und damit an der Börse schwersten Banken zu Hause sind, gibt es solche heiligen Kühe wie die öffentlich-rechtlichen Banken nicht mehr. Dort ist der Konsolidierungsprozeß schon in einem weit fortgeschritteneren Stadium, was den Beteiligten Kraft für die Expansion in Übersee gibt. In Großbritannien etwa kontrollieren die vier größten Banken 57 Prozent des Gesamtmarktes. Bezeichnenderweise hat das zweitgrößte dieser Institute, die Royal Bank of Scotland, erst in dieser Woche geradezu im Vorbeigehen mit Charter One für gut zehn Milliarden Dollar eine weitere Filialbank in Amerika übernommen.
Solche Optionen haben deutsche Großbanken nicht, weil sie - sieht man einmal vom Marktführer ab - zu schwachbrüstig sind. Die Vorstandssprecher von Hypo-Vereinsbank und Commerzbank tun in jüngerer Zeit zwar so, als ob sie auch eine europäische Karte ziehen könnten. Eine grenzüberschreitende Fusion liefe aber bei beiden Banken darauf hinaus, daß sie in einem ausländischen Konzern als Junior-Partner untergingen, weil eben die in Frage kommenden Banken aus Frankreich, Italien, Spanien oder den Niederlanden weit mehr Gewicht auf die Waage bringen. Wahrscheinlich werfen die Vorstandssprecher von HVB und Commerzbank denn auch nur Nebelkerzen, und aus der schon seit zwei Jahren herbeigeredeten Fusion wird nun endlich Realität. Wenn hieraus ein Institut entstehen soll, das nach den Vorstellungen Schröders mit den anderen europäischen Großbanken auf einer Augenhöhe operieren kann, müßte sich die Profitabilität dieser Häuser freilich dramatisch verbessern. Das setzt eine reibungslose Umsetzung der Fusion voraus.
Die Deutsche Bank wiederum ist nach den Vorstellungen des Kanzlers zweifellos das Institut, das "aus Deutschland heraus global agieren und im Wettbewerb mit amerikanischen und asiatischen Banken konkurrieren" soll. Doch der geringe Börsenwert der Bank - mit 39 Milliarden Euro zählt sie nicht einmal zu den 15 größten Kreditinstituten der Welt - macht den Marktführer angreifbar. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn der Bank von der Regierung ein Leichtgewicht wie die Postbank zugeschustert werden würde. Wenn die Deutsche Bank auf Dauer deutsch bleiben soll, muß ihr Fundament mit weit mehr Substanz ausgebaut werden - zum Beispiel über den Kauf einer kaum kleineren europäischen Bank oder eben über eine Fusion mit der Allianz.
