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Kommentar : Am Pranger

  • Aktualisiert am

In Deutschland steht Josef Ackermann am Pranger. Spätestens nach seiner Ankündigung von Massenentlassungen trotz Milliardengewinnen verkörpert der Vorstandssprecher der Deutschen Bank in der veröffentlichten Meinung das Zerrbild des eiskalten Börsenkapitalisten, dem Rendite über alles geht.

          In Deutschland steht Josef Ackermann am Pranger. Spätestens nach seiner Ankündigung von Massenentlassungen trotz Milliardengewinnen verkörpert der Vorstandssprecher der Deutschen Bank in der veröffentlichten Meinung das Zerrbild des eiskalten Börsenkapitalisten, dem Rendite über alles geht. Kein anderer Manager im Land muß mit einem solchen Ausmaß an Abneigung und Vorurteilen kämpfen wie er. Zum guten Teil muß sich Ackermann das selbst zuschreiben. Seit seinem umstrittenen Auftritt vor dem Düsseldorfer Gericht, als er sich im Mannesmann-Prozeß in Siegerpose mit Victory-Zeichen hat ablichten lassen, weiß er um den Flurschaden, den mißratene Kommunikation auszulösen vermag.

          Es ist unverständlich, warum die Deutsche Bank aus den Fehlern ihrer Kommunikationsberater nicht lernt, sondern mit Ackermann die unselige Tradition der "Versprecher" ihrer Sprecher fortführt. Alle Nachfolger des von RAF-Terroristen ermordeten Alfred Herrhausen, der als brillanter Kopf und Redner weithin geachtet war, haben sich nicht nur kleine Ausrutscher erlaubt, sondern schwere Fehler gemacht. Hilmar Kopper brachte Handwerker und Öffentlichkeit gegen sich und die Bank auf, weil er die unbezahlten Rechnungen des Immobilienspekulanten Schneider als Peanuts bezeichnet hat. Und sein Nachfolger Rolf Breuer steht vor Gericht, weil er vor laufender Kamera mit abfälligen Kommentaren über Leo Kirch die Pleite des eigenen Kreditkunden beschleunigt hat.

          Die politische Aufregung über die "unmoralischen" Gewinne der Deutschen Bank ist verständlich, aber auch verlogen. Dieselben Politiker, die zuvor über die Dominanz der angelsächsischen Investmentbanker innerhalb der Bank geschimpft haben, empören sich heute über Entlassungen, die vor allem die Standorte London und New York treffen. Viele von denen, die jetzt die Moralkeule schwingen, haben noch vor kurzem der Bank strategisches Versagen vorgeworfen und den drohenden Ausverkauf an die amerikanische Citigroup beklagt - aufgrund zu niedriger Erträge und des geringen Börsenwerts. Natürlich schüren die Politiker die Stimmung gegen die Bank auch, um ihr Versagen in der Arbeitsmarktpolitik zu verschleiern.

          Ungeachtet aller Enttäuschung über populistische Politiker muß sich Ackermann Fragen gefallen lassen. Warum baut die Deutsche Bank netto 5200 Stellen ab, obwohl sie Milliarden verdient? Wieso werden die Gewinne nicht in neue Geschäftsfelder und Arbeitsplätze investiert, anstatt sie an die Aktionäre auszuschütten? Ackermann hat nicht erklärt, daß auch er ein Getriebener der Kapitalmärkte ist und daß hinter dem Gewinnziel die Renditehoffnungen ungezählter Kleinanleger stecken. Er müßte um Verständnis werben, deutlich machen, daß von der Rendite von 25 Prozent vor Steuern nur die Hälfte bei den Investoren ankommt und eine knapp zweistellige Risikoprämie auch von den meisten Mittelständlern verlangt wird.

          Ackermann könnte auf die Erfolge der schweizerischen Großbank UBS verweisen, die mit einer ähnlichen Struktur und Bilanzsumme eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent erzielt - und das sogar nach Steuern. Deshalb ist die UBS an der Börse doppelt soviel wert wie die Deutsche Bank. Auch deswegen darf die größte deutsche Bank sogar noch mehr als 4 Milliarden Euro verdienen. Der Vorstand muß zudem die kritischen Fragen institutioneller Investoren beantworten. Diese freuen sich über sinkende Kosten und steigende Gewinne. Viele Anleger verfolgen mit Wohlgefallen, daß die Bank mit Milliardenbeträgen eigene Aktien zurückkauft, weil dadurch die Eigenkapitalrendite steigt. Insgesamt jedoch kommt der Aktienkurs kaum vom Fleck und der Börsenwert der Bank ist sogar gesunken. Offenbar nehmen viele Börsianer einen Risikoabschlag vor, weil die Bank zu abhängig ist vom schwankenden Investmentbanking. Von Breuer hat Ackermann eine orientierungslose Bank übernommen. Die ständigen Strategiewechsel der Vergangenheit hatten die Belegschaft, die Privat- und auch die Firmenkunden verunsichert. Verglichen hiermit, ist Ackermanns Kurs klar und verläßlich. Er hat sich auf die Kerngeschäfte konzentriert, das risikoreiche Beteiligungsgeflecht gelichtet und die Privatkunden sowie den deutschen Markt wiederentdeckt.

          Wer meint, die deutsche Wirtschaft und Politik brauchen eine starke Deutsche Bank, und wer will, daß diese Bank weiterhin unabhängig aus Deutschland heraus geführt werden soll, der muß auch den Konsequenzen ins Auge sehen. Der globale Wettkampf um die Siegerplätze im Hochfinanzgeschäft ist gnadenlos. Er zwingt die Deutsche Bank in eine schlanke und profitable Struktur. Wenn diese Bank im grenzüberschreitenden Übernahmefieber nicht als Gejagter, sondern als Jäger unterwegs sein will, dann muß sie stark genug sein. Hierfür sind die derzeitigen Renditeziele wichtige Etappen, doch am Ziel ist die Bank noch lange nicht.

          Es ist kein Zufall, daß die Kritik an Josef Ackermann und Werner Seifert, dem Chef der Deutschen Börse, ähnlich schrill ist. Die beiden Schweizer führen besondere Unternehmen mit besonderen Namen. Beide wollen und sollen in der Weltliga mitspielen. Hierfür braucht man ihre internationale Erfahrung und ihre globale Sicht. Zugleich kämpfen beide um ihre Glaubwürdigkeit, weil ihnen immer wieder unterstellt wird, daß sie mit ihren längst nicht mehr rein deutschen Unternehmen das Land verlassen wollen. Abtauchen hilft da nicht weiter. Die beiden und mit ihnen alle anderen deutschen Spitzenmanager müssen in die Kommunikationsoffensive gehen und den Menschen in Deutschland aus eigenem Erleben anschaulich die Zwänge und die Chancen einer längst globalen Wirtschaftswelt erklären. Auch das ist Teil ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung. Es ist zugleich in ihrem persönlichen Interesse, wollen die Manager nicht länger als vermeintlich gierige Abzocker am Pranger stehen.

          Quelle: F.A.Z., 12.02.2005, Nr. 36 / Seite 11

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