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Debatte über CO2 : Wie mehr Technik den Klimawandel bremsen soll

Dem Kohlendioxid eine Chance? Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine in Niedersachsen. Bild: dpa

Lange haben Klimaschützer vor einer Nutzung oder Speicherung von Kohlendioxid gewarnt. Jetzt beginnt ein Umdenken. Doch der Forschungsbedarf ist noch groß.

          Um den Klimawandel zu bremsen, verhandeln seit Montag in Bonn Delegierte aus 196 Staaten über die Begrenzung von Kohlendioxid-Emissionen. In Berlin streiten die potentiellen Koalitionäre aus Union, FDP und Grünen deshalb über den Ausstieg aus der Kohleverbrennung. Wissenschaftler denken weiter: Sie wollen das freigesetzte CO2 fangen und verwenden oder im Erdboden speichern. Konzepte des Carbon Capture and Usage (CCU)“ oder „Carbon Capture and Storage (CCS) sind nicht neu. Vor Jahren ist CCS in Deutschland am Widerstand von Umweltgruppen und Politik gescheitert. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf – unterstützt von einflussreichen Klimaschützern.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Angesichts des Pariser Klimaabkommens und der deutschen Schutzziele erscheine es „dringend geboten, die Chancen und Risiken des Einsatzes von CCU und CCS im Rahmen einer umfassenden Strategie zur Treibhausgasneutralität (Dekarbonisierung) für die Industrie zu prüfen und daraus resultierende Handlungsoptionen mit allen gesellschaftlichen Akteuren zu beraten“, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Aufruf. Der Text ist unterzeichnet unter anderem von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie und Umweltgruppen sowie der European Climate Foundation, dem WWF oder Germanwatch.

          Umweltgruppen reagieren skeptisch

          „Wir brauchen eine neue, unvoreingenommene Debatte“, verlangt Projektleiter Hans-Joachim Kümpel. Der frühere Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften sagt, Kohlendioxid zu lagern oder sogar von einem Abfall- zu einem Rohstoff zu machen könnte die CO2-Emissionen deutlich schneller sinken lassen. „Für die neue Regierung gilt es daher, frühzeitig die Weichen zu stellen, um die Abscheidung, Nutzung und Speicherung von Kohlendioxid umfassend zu prüfen.“

          Umweltgruppen beäugen solche Techniken argwöhnisch. Denn sie befürchten, dass etwa Betreiber von Kohlekraftwerken – nicht nur in Deutschland – darin einen Freifahrtschein sähen für das weitere Verstromen von Kohle mit seinen anderen Gesundheits- und Umweltgefahren. Erika Bellmann, WWF Deutschland, sagt deshalb auch: „Um das Klima zu schützen und die völkerrechtliche Verpflichtung aus dem Pariser Klimaschutzabkommen zu erfüllen, muss der CO2-Ausstoß überall stark sinken.“ CCS sei dazu keine Alternative. Doch sie fügt hinzu: „Es kann für Restmengen an Industrieemissionen, für die es noch keine andere Vermeidungsoption gibt, eine wichtige Rolle spielen.“

          Jährliches Treffen : Mahnende Worte zum Start der Klimakonferenz in Bonn

          Ähnlich argumentiert Christoph Wolff von der European Climate Foundation. Es sei eine der wichtigsten und anspruchsvollsten klimapolitischen Herausforderungen der nächsten Legislaturperiode, eine Strategie zur Dekarbonisierung der Industrie zu entwickeln. Um die Emissionsminderungen zu erreichen, werde man alle technisch verfügbaren Optionen brauchen: Elektrifizierung, mehr Effizienz und Kreislaufwirtschaft sowie CCS und CCU für Restemissionen, die sich anders nicht vermeiden ließen. „Vor allem müssen wir jetzt die Weichen stellen, damit die Industrie bei Innovationen und Investitionen rechtzeitig auf einen Minderungspfad in Richtung der 2030-Ziele einschwenken kann.“ Ohne neue Technologien werde man das Ziel kaum erreichen, bis Mitte des Jahrhunderts auf CO2-Emissionen weitgehend zu verzichten, heißt es in dem Papier. In manchen industriellen und landwirtschaftlichen Prozessen lässt sich der CO2-Ausstoß nicht vermeiden.

          In ihrem Klimaschutzplan 2050 hat die Bundesregierung die Halbierung der Industrie-Emissionen auf 140 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2030 (gegenüber 1990) und eine weitgehende Treibhausgasneutralität bis 2050 vorgesehen. Doch mehr Effizienz, weniger Energieverbrauchs und die Umstellung auf erneuerbaren Strom würden nicht ausreichen, da mehr als ein Drittel der Emissionen aus der Grundstoffindustrie stamme. Deshalb brauche man zusätzliche Optionen.

          Es besteht Forschungsbedarf

          Kohlendioxid sei neben Biomasse eine alternative Energiequelle zu Kohle, Öl und Gas. Damit eröffneten sich Chancen zu einer substantiellen CO2-Reduzierung – wenn auch zu hohen Kosten. So könne CO2 langfristig in Baustoffen festgesetzt werden, es könne Wasserstoff (etwa aus Ökostromproduktion) beigemischt und zu „grünem“ Gas oder künstlichen Kraftstoffen entwickelt werden. Versuchsprojekte zur CO2-Nutzung laufen schon. Notwendig seien einheitliche Bewertungskriterien und Standards über die gesamte Lebenszeit von CCU-Maßnahmen.

          In dem Appell wird für CCS, die Lagerung von CO2 im Untergrund, geworben, das in Deutschland faktisch verboten ist. Die Politik soll klären, welche Emittenten aus der Industrie die Technik anwenden dürften und für wie lange Zeit. Auch geht es um die Frage, wer die Infrastruktur für Transport und Speicherung bereitstellt, wie und wo das unter höchsten Sicherheitsstandards geschehen könne und wer die Kosten trage. Im Ausland sind CCS­Projekte gang und gäbe. In Norwegen zum Beispiel wird bei der Gasförderung Kohlendioxid abgetrennt und gleich wieder in den Boden gepresst.

          Der Weltklimarat, ein Wissenschaftlergremium, das den Klimawandel beobachtet und Regierungen Strategien dazu vorschlägt, hält CCS langfristig für nötig. Man werde der Atmosphäre Kohlendioxid entziehen müssen, um den Temperaturanstieg zu bremsen. Deutsche Technik könnte dabei helfen. Dafür müsse eine gesellschaftliche Akzeptanz erreicht werden. Deshalb endet der Aufruf mit dem Hinweis: „Forschungsbedarf sowie Herausforderungen bestehen vor allem hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz der Technologien.“

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