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Klemmendes Gaspedal Toyotas Konkurrenten können frohlocken

30.01.2010 ·  Der Mega-Rückruf wegen klemmender Gaspedale trifft Toyota ins Mark. Auch in Europa müssen nun 1,8 Millionen Wagen der Japaner in die Werkstatt.

Von Carsten Germis, Roland Lindner und Christoph Ruhkamp
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Seicho Hasegawa schüttelt sprachlos mit dem Kopf. So etwas hat der junge Automechaniker aus Tokio noch nicht erlebt. Da sitzt der Handelsminister der japanischen Regierung, Masayuki Naoshima, in Tokio vor Journalisten und fordert Toyota, das größte Automobilunternehmen des Landes und der Welt, öffentlich auf, das verlorengegangene Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. "Die Situation ist ernst", sagt der Minister mit versteinertem Gesicht. "Der Umfang der Rückrufe ist riesig." Die japanische Regierung ist über die Rückrufaktion Toyotas in Amerika und Europa so besorgt, dass sie bleibenden Schaden für das Image japanischer Unternehmen fürchtet, die Qualität immer zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Auch Seicho Hasegawa ist entsetzt über den Imageschaden, den Toyota mit der neuen Pannenserie erlitten hat. Das zeige die mögliche Gefahr einer globalisierten Wirtschaft auf, hatte der Handelsminister gesagt. Hasegawa nickt. Der japanische Mythos des "Monozukuri", der Machbarkeit und Qualität, gerät mit den klemmenden Gaspedalen bei Toyota ins Wanken. Dabei ist "Monozukuri", etwas, das Japaner mit Stolz erfüllt.

Minister Naoshima reagierte nicht nur auf die Aufregung in Amerika und Europa. Es ging auch darum, den Japanern ein Signal zu geben. Sie sind zwar von fehlerhaften Materialien nicht betroffen. In Japan hat Toyota nur Autos verkauft, die mit anderen Pedalen bestückt sind. Das Unternehmen steht aber so unter Druck, dass es eine Liste mit Tipps für Autofahrer veröffentlichte, was sie tun sollten, wenn das Gaspedal klemmt und der Wagen immer mehr Geschwindigkeit aufnimmt. Vor allem nicht pumpen, sondern nur steigenden Druck ausüben. Im Zweifel helfe es, mit beiden Füßen auf die Bremse zu treten - und als letzter Schritt bleibe, den Motor auszumachen.

„Betätigen Sie sofort das Kupplungspedal“

Nach dem Rückruf von 2,3 Millionen Autos in Amerika sollen nun auch 1,8 Millionen Wagen in Europa in die Werkstatt (siehe Toyota ruft in Europa bis zu 1,8 Millionen Autos zurück ). Wie viele Wagen in Deutschland betroffen sind, konnte ein Sprecher von Toyota Deutschland zunächst nicht sagen. In einer Mitteilung heißt es für den Fall der Gaspedalblockade: "Betätigen Sie sofort das Kupplungspedal, und legen Sie den Schalthebel in den Leerlauf. Bremsen Sie das Fahrzeug kontrolliert ab." Verkaufsfördernd, so viel ist klar, wirkt das nicht. Wie sehr Toyotas neue Pannenserie das Selbstbewusstsein der Japaner trifft, zeigt auch ein Blick in die Tageszeitungen. Die asiatische Ausgabe des "Wall Street Journal" berichtete in einem Schwerpunkt sogar darüber, dass Zweifel an der Qualität der Produkte und Klagen der Verbraucher bereits seit einiger Zeit wachsen. "Das kommt davon, dass immer mehr billig im Ausland produziert wird, um die Kosten zu senken", sagt Hasegawa. Obwohl er selbst gerade Mitte zwanzig ist, fügt er im Brustton der Überzeugung hinzu: "Früher wäre das einem japanischen Unternehmen nicht passiert."

Jetzt wird für Toyota wieder diskutiert, ob es richtig war, die Position als größter Autohersteller der Welt anzustreben. Nicht umsonst hat ja mit Akio Toyoda vor knapp einem Jahr wieder die Gründerfamilie das Steuer übernommen, um den Konzern in eine neue Richtung zu lenken. "Toyota ist schon allein dadurch in seiner Identität erschüttert, dass sie erstmals hohen Verlust machen. Der ganze Konzern wird ja auf Sparflamme gefahren", sagt Christoph Stürmer vom Marktforscher IHS Global Insight. Der Rückruf komme genau zur falschen Zeit. "Es sieht nach einer handfesten Kulturkrise aus."

Klemmende Pedale könnten Toyota weit über 100 Millionen Euro kosten

Zwar mussten alle Autohersteller der Welt schon oft Fahrzeuge wegen möglicher Sicherheitsgefahren in die Werkstätten zurückrufen. Mehrfach waren mehr als eine Million Wagen betroffen, unter anderem als im Oktober ein kleiner Schalter Ford zur größten Rückrufaktion seiner Geschichte zwang. Weil ein defekter Geschwindigkeitsregler Feuer auslösen kann, musste der Hersteller in Amerika 4,5 Millionen ältere Modelle zurückrufen. Aber das Missgeschick von Toyota hat mit über 4 Millionen Autos dennoch eine andere Dimension: Die klemmenden Gaspedale könnten Toyota weit über 100 Millionen Euro allein für Ersatzteile kosten.

In Amerika stürzt sich die Konkurrenz genüsslich auf den schwächelnden Rivalen: Amerikanische Wettbewerber, die sich jahrelang vorhalten lassen mussten, in puncto Qualität den als Musterschülern geltenden Japanern unterlegen zu sein, sprechen nun gezielt Toyota-Kunden an und locken mit Angeboten. General Motors verspricht Besitzern von Toyotas zusätzliche Barrabatte von 1000 Dollar oder zinslose Finanzierung, auch Ford bietet 1000 Dollar. Autovermietungen wie Avis und Hertz haben angekündigt, Toyotas aus ihrer Flotte zu nehmen.

Toyota hat in dieser Woche angekündigt, den Verkauf von acht seiner populärsten Modelle in Amerikas Autohäusern einzustellen. Außerdem soll die Produktion dieser Autos in den fünf Werken ausgesetzt werden. Betroffen sind die Modelle Camry und Corolla, zwei der meistverkauften Personenwagen in Amerika. Der radikale Schritt war nicht ganz freiwillig: Der amerikanische Verkehrsminister Ray LaHood sagte, die Regierung habe Toyota dazu gedrängt. Toyota gerät ins Visier der Regierung: Für den 25. Februar ist eine Anhörung vor dem amerikanischen Kongress angesetzt. Toyota bemüht sich fieberhaft, die Gaspedale weniger anfällig zu machen. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" wurde eine technische Lösung gefunden, die nun erst von der nationalen Verkehrssicherheitsbehörde genehmigt werden muss, bevor sie umgesetzt wird. Wann Produktion und Verkauf der betroffenen Toyota-Modelle wieder beginnen, bleibt erst einmal offen.

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