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Kirchenfinanzen Wie reich Deutschlands Kirchen wirklich sind

 ·  Protestanten und Katholiken leben nicht nur von der Kirchensteuer. Der größte Teil ihres Geldes kommt direkt vom Staat. Der Limburger Fall hat die intransparente Finanzlage der Kirchen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

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© dpa Vergrößern Was der Dom in Limburg wohl wert ist?

Es erstaunt, was ein Bauprojekt im Volumen von vergleichsweise bescheidenen 31 Millionen Euro auszulösen vermag. Jahrzehntelang haben ein paar versprengte Kritiker von der FDP oder den Grünen eine Reform der deutschen Kirchenfinanzen verlangt, meist wurden sie von den eigenen Parteiführungen zurückgepfiffen oder in der Öffentlichkeit als fanatische Religionsfeinde abgetan.

Erst die Debatte um das Finanzgebaren des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst hat dem Publikum jetzt vor Augen geführt, wie undurchsichtig die finanziellen Verhältnisse der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland tatsächlich sind. Die vergleichsweise transparente Kirchensteuer macht mit 9,8 Milliarden Euro im Jahr nur einen kleineren Teil der Einkünfte aus.

Ungefähr doppelt so stark profitiert die Kirche aus Töpfen, für die Steuer- und Beitragszahler in ihrer Gesamtheit aufkommen – auch wenn sie einer anderen oder gar keiner Religionsgemeinschaft angehören. Darunter sind Ausgleichszahlungen für Enteignungen, die Jahrhunderte zurückliegen, die öffentliche Alimentierung von Religionslehrern wie Theologieprofessoren – und vor allem die Einnahmen der kirchlichen Sozialkonzerne, die ganz überwiegend aus den Kassen des Staates und seiner Sozialversicherung stammen. Weitreichende Befreiungen etwa von der Körperschaft-, Kapitalertrag- oder Grundsteuer kommen hinzu.

Bündnis zwischen Thron und Altar

Offizielle Gesamtzahlen gibt es nicht. Der Kirchenkritiker Carsten Frerk stellte die einzelnen Posten vor drei Jahren in einem „Violettbuch Kirchenfinanzen“ zusammen. Demnach summieren sich allein die Staatsleistungen auf 19,3 Milliarden Euro im Jahr, kommerzielle Einnahmen nicht mitgerechnet. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verwahrte sich in einer Stellungnahme gegen die Schlussfolgerungen, räumte aber gequält ein, dass die Zahlen „vielleicht nicht falsch“ seien.

© F.A.Z. Vergrößern Staatsgeld für die Kirchen

Wer das deutsche System der Kirchenfinanzierung verstehen will, muss weit in die Geschichte zurückgehen. Kaum ein anderes Land war so stark vom Konflikt zwischen zwei fast gleich starken Konfessionen geprägt. Religiöser Pluralismus wurde nicht gegen eine übermächtige Einheitskirche erkämpft, sondern dadurch hergestellt, dass sich Katholiken und Protestanten gegenseitig in Schach hielten. Dazu dienten die komplizierten Regeln des deutschen Staatskirchenrechts, die mit dem Westfälischen Frieden von 1648 das Zeitalter blutiger Religionskriege beendeten.

Die eigentümliche Art, wie Staat und Kirche hierzulande formal getrennt und faktisch doch verwoben sind, hat viel mit der Kleinstaaterei im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu tun. Seit der Reformation war in den protestantischen Territorien der Landesfürst zugleich auch der oberste Kirchenherr, die Preußen sprachen später vom „Bündnis zwischen Thron und Altar“. Und viele der katholischen Bischöfe amtierten nicht nur als geistliche Hirten ihrer Diözese, sie übten in einem kleineren Territorium auch die weltliche Herrschaft aus.

Bis heute zahlen die Bundesländer als Rechtsnachfolger

Die Kirche verlor diesen Status, als am 25. Februar 1803 im Regensburger Rathaussaal der Immerwährende Reichstag zu seiner letzten Sitzung zusammenkam. Drei Jahre vor dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs war das linksrheinische Deutschland von Napoleon erobert, die betroffenen Herrscher sollten für den Gebietsverlust entschädigt werden. Die anwesenden Gesandten beschlossen, zu diesem Zweck die geistlichen Fürstentümer aufzulösen. Als „Reichsdeputationshauptschluss“ ging das Gesetz in die Geschichte ein.

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