Maria ist von Anfang an dagegen. Als die Anfrage aus dem Wirtschaftsministerium kommt, rät sie ihrem Mann direkt ab, mit deutlichen Worten: „Was soll der Mist?“ Nicht schon wieder umziehen, nicht jetzt, wo die Schröders gerade ihr Doppelhaus in Düsseldorf komplett umgebaut haben. Sechs Monate haben sie mitten in der Baustelle in einem Zimmer gehaust, am Wochenende sogar manchmal gemeinsam mit einem oder mehreren der drei erwachsenen Kinder, wenn die vom Studienort nach Hause kamen. Selbst die Küche war stillgelegt - für den leidenschaftlich gern kochenden Hausherrn vielleicht das Schlimmste. „Höchst gewöhnungsbedürftig“ sei die Situation gewesen, sagt Ulrich Schröder. Höchst gewöhnungsbedürftig war für seine Frau auch der Gedanke, nach Frankfurt umzuziehen.
Ulrich Schröder dreht seine Vorstellungsrunden im Wirtschaftsministerium, im Finanzministerium, im Kanzleramt. Dann sind sich alle beruflich einig. Privat probieren es die Schröders zunächst mit einer Pendelbeziehung. Am 1. September 2008 wechselt der Vorsitzende der landeseigenen NRW-Bank auf den Vorstandsvorsitz der staatseigenen Förderbank KfW nach Frankfurt. Er tritt die Nachfolge von Ingrid Matthäus-Maier an, die entnervt zurückgetreten war. Den wundervollen Palmengarten vor sich und das Debakel um den Düsseldorfer Mittelstandsfinanzierer IKB Deutsche Industriebank hinter sich, hätte alles so schön sein können.
Die Mail über die Lehman-Pleite kriegt keiner
Dann ist Montag, der 15. September. Schröder ist schon am Sonntagabend von Düsseldorf nach Frankfurt gefahren, checkt im Hotel ein. Es ist schließlich viel zu tun in diesen ersten Tagen am neuen Schreibtisch. Noch am Freitag hatten die Fachleute in der KfW getagt, die Geschäftsbeziehung zu den Amerikanern weiter reduziert, sich ein Bild gemacht - und einen folgenschweren Fehler.
Kurz nach 8 Uhr ist Schröder am Montagmorgen im Büro, führt erste Gespräche, das ein oder andere Telefonat. Er ist beunruhigt, seit zwei Stunden laufen Meldungen, die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers sei insolvent. Aus der Deutschen Bundesbank verlautet später, sie habe um 9.31 Uhr an alle Bankvorstände in Deutschland eine Mitteilung verschickt, dass Lehman nicht mehr am Zahlungsverkehr teilnehme. In der KfW oder gar bei ihrem Vorsitzenden geht die Mail nicht ein, jedenfalls nicht rechtzeitig.
320 Millionen futsch - „da ist man geplättet“
Um 9 Uhr erreicht Schröder die zuständige Abteilung und erfährt schier Unglaubliches. Um 8.37 Uhr hat die Förderbank 320 Millionen Euro über die Bundesbank an Lehman überwiesen. Das war der eine Teil eines am 10. Juli abgeschlossenen Devisenswapgeschäfts. Die Gegenüberweisung von 500 Millionen Dollar, die gleichzeitig erfolgen sollte, ist ausgeblieben. Das Geld ist vermutlich verloren. „Da ist man völlig geplättet“, sagt Schröder. Später wird sich herausstellen, dass der Betrag durch die nun notwendige Umrechnung zum 16. September gar 350 Millionen Euro ausmacht. Einschließlich anderer Positionen beträgt das gesamte Risiko der KfW aus Geschäften mit Lehman 536 Millionen Euro.
Schröder ist die Brisanz rasch klar. Er ruft die Staatssekretäre in den für die Bank zuständigen Bundesministerien an. Jörg Asmussen aus dem Finanzministerium und Walther Otremba aus dem Wirtschaftsministerium werden informiert, „dass wir ein Riesenproblem haben“. Dann bemüht man sich um Schadensbegrenzung und offenbar auch um Geheimhaltung. „Als dann am Mittwoch in der F.A.Z. über den Vorfall berichtet wurde“, erinnert sich Schröder, „setzte der Sturm ein.“ Den Artikel mit der Überschrift „KfW überweist Lehman zum Konkurs 300 Millionen“ nimmt die „Bild“-Zeitung am nächsten Tag zum Anlass für ihren Titel „Deutschlands dümmste Bank“.
Die IKB-Krise war ein laues Lüftchen
Selbst durch die einjährige IKB-Krise gestählte Mitarbeiter in der KfW meinen, der Sturm um die Mittelstandsbank sei ein laues Lüftchen gegen das gewesen, was nun abgeht. Die KfW wird zum Sündenbock der gesamten Finanzkrise. Schröder pendelt nicht mehr zwischen Düsseldorf und Frankfurt, sondern zwischen Frankfurt und Berlin. Er muss im Finanz- und im Haushaltsausschuss Bericht erstatten. Sein Terminplan „ändert sich im Halbstundentakt und vollkommen fremdbestimmt“, wie er anmerkt. Die Politik, ob nun im 37 Köpfe starken Verwaltungsrat der KfW vertreten oder nicht, fordert organisatorische und personelle Konsequenzen. Die werden auch gezogen. Am Donnerstag kippt der Verwaltungsrat die beiden KfW-Vorstände Peter Fleischer und Detlef Leinberger aus dem Amt, der Vorstand selbst suspendiert den Leiter des Risikocontrollings, Rainer Hartje. Der, stellt sich später heraus, war zum Zeitpunkt der Überweisung im Urlaub, was Schröder selbst unter Druck bringt.
In einem internen Bericht ist das heraufziehende Unheil des eigentlich harmlosen und alltäglichen Geschäfts, bei dem Währungen hin und her getauscht werden, dokumentiert: Am 10. Juli 2008 wird der Devisenswap durch das Finanzmanagement abgeschlossen. Am nächsten Tag folgt die Freigabe der Geschäfte durch das Transaktionsmanagement. Am 8. September wird die zweite Zahlung in das elektronische System des Transaktionsmanagements eingestellt. Die Situation an den Finanzmärkten spitzt sich zu. Am 12. September kommen Mitarbeiter der Bereiche Finanzen, Transaktion, Recht und Risikosteuerung zusammen und besprechen Begrenzungen der Geschäfte. Die ausstehende Überweisung an Lehman (Settlement-Risiko) wird übersehen. Am 15. September um 8.02 Uhr prüft das Rechnungswesen, ob eine Weisung vorliegt, die Zahlung nicht auszuführen. Da dies nicht der Fall ist, wird um 8.37 Uhr die Überweisung im Rahmen einer rund 1000 Zahlungsvorgänge umfassenden Bündelüberweisung über die Bundesbank ausgeführt.
Der Bodenständige spricht von „strukturellen Defiziten“
Schröder, dem nichtssagende Phrasen und umständliche Formulierungen fremd sind, der vielmehr bisweilen Worte benutzt, die aus dem Vokabular eines Jugendlichen stammen könnten, und der im persönlichen Gespräch umgänglich und bodenständig auftritt, spricht von „fachlichen Fehleinschätzungen der Gefährdungssituation, grundlegenden Schwächen in der Ablauforganisation der KfW und strukturellen Defiziten im Risikomanagement“.
Der neue Vorsitzende versucht die Gratwanderung. Mehrmals hebt er hervor, das alles sei nicht als Rundumschelte gegen seine Vorgängerin zu verstehen, gegen die politisch Verantwortlichen nicht und gegen die Mitarbeiter schon gar nicht. Und er habe Sorge vor Reaktionen, die auf ihn zurückfallen könnten. „Aber für mich ist wichtig, dass wir die KfW mit allen zusammen wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen.“ Es gebe eine Fülle von Überlappungen in den Zuständigkeiten, keine klaren Querschnittsbereiche, keine Organisationsabteilung, kein Finanzcontrolling und keine übergreifende Strategieabteilung.
„Den Vertrauensschwund beheben“
Er stellt einen Vierpunkteplan auf. Organisationsstrukturen werden neu geordnet, Aufgaben im Vorstand neu verteilt. Grundsätze der guten Unternehmensführung sollen stärker Einzug halten, wozu vermutlich auch der Wechsel des seit Jahren immer gleichen Wirtschaftsprüfers PwC gehören dürfte. Die Frage „Bank oder Behörde?“ will Schröder zugunsten des Bankstatus beantworten lassen, womöglich mit der Konsequenz, die KfW unter die Fachaufsicht der Bafin oder der Bundesbank zu stellen. Und ein funktionierendes Risikomanagement soll auch eingeführt werden.
„Ich sehe es als meine Aufgabe an, den Vertrauensschwund, der jetzt noch größer geworden ist, zu beheben. Ich möchte, dass die KfW wieder eine Bank wird“, sagt er. Eine Bank, die nicht zwischen politischen Positionen zerrieben wird. Eine, die sich auf das Fördergeschäft konzentriert. Eine, der die aus ihr ausgegliederte Exportfinanzierungsbank Ipex nicht völlig entrissen wird, weil die Ipex für die Erträge der KfW unerlässlich sei. Schließlich müsse das Geld für die Subventionierung von Krediten und zur Strukturförderung irgendwo herkommen - und die Ertragskraft der KfW habe durch die Ereignisse der vergangenen Monate erheblich gelitten.
Die Landpomeranze hatte genug von Stetigkeit
Schröder, der seine Kindheit und Jugend in Melle und Münster verbracht hat und deshalb von seinem Doktorvater dereinst als Landpomeranze bezeichnet wurde, ist nach seinem Studium der Rechtswissenschaften recht weit herumgekommen. Seine Karriere in der West LB führte ihn nach Düsseldorf, London, Paris und wieder nach Münster, bevor er mit zwei Kollegen 2002 aus der Landesbank heraus die NRW-Bank gründen und leiten durfte.
Geradezu unheimlich auf seine heutige Situation an neuer Wirkungsstätte in Frankfurt passt, was Schröder über sich selbst sagt: Auf seinen ursprünglichen Berufswunsch Lehrer habe er verzichtet, weil er „genug von der Stetigkeit“ in seiner beschaulichen Heimat hatte. Das „Vermitteln von Sachverhalten in verständlichen Worten“ aber schätzt er bis heute, „und an Prüfungssituationen hatte ich immer Spaß“. Maria Schröder, mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist und die mit ihm elfmal umgezogen ist, ist jetzt übrigens öfter in der Stadt am Main. Sie sucht ein Haus.
Der Mensch
Ulrich Schröder ist seit 1. September 2008 Vorstandsvorsitzender der staatseigenen Förderbank KfW, vormals Kreditanstalt für Wiederaufbau. Bis zum Abitur wollte er Lehrer werden, hatte dann aber Sorge, „in 40 Jahren immer noch um Osnabrück und Münster“ zu wohnen. So studierte der am 19. März 1952 geborene Schröder in Münster Rechtswissenschaften und schlug eine Banklaufbahn ein. Viele Jahre verbrachte er in der West LB, wo er vom Vorstandssekretariat bis zu den Filialen in London und Paris einiges kennengelernt hat. Mit zwei Kollegen gründete er aus ihr heraus 2002 die landeseigene NRW-Bank und leitete sie, bis das Angebot für die KfW kam.
Das Unternehmen
Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) wurde 1948 errichtet, noch vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Die heute unter „KfW Bankengruppe“ firmierende Förderbank versteht sich als Impulsgeber für Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie in Deutschland und in der Welt. Sie gehört zu 80 Prozent dem Bund und zu 20 Prozent den Ländern. Im Jahr 2007 betrug das Fördervolumen der KfW Bankengruppe 87,1 Milliarden Euro. Per Ende 2007 beschäftigte sie 3798 Mitarbeiter. Sie war Großaktionär der Düsseldorfer IKB-Bank. Die Fehlspekulationen der IKB haben die KfW rund 8 Milliarden Euro und ihre Chefin Ingrid Matthäus-Maier das Amt gekostet.
