Bleierne Hitze liegt über dem Gelände des Kernkraftwerks. Die Mitarbeiter der Nachmittagsschicht schieben sich durch die elektronisch gesicherten Eingangspforten. Heute seien es mehr als sonst, erläutert Pascal Dziopa. Einer der beiden Druckwasserreaktoren sei nicht in Betrieb und müsse gewartet werden; da seien mehr als die üblichen 600 Mitarbeiter gefordert. Tatsächlich entweichen nur aus einem der beiden Kühltürme weißliche Dampfwolken.
Mit einem Kleinbus geht es einige hundert Meter weiter, auf einer schmalen Brücke über die Maas hinweg, die an dieser Stelle eine Stromschnelle aufweist. Hier in Chooz, nahe der Grenze zu Belgien, befindet sich seit vier Jahren Dziopas berufliche Wirkungsstätte. Der Ingenieur, der in den neunziger Jahren für das – letztlich gescheiterte – Prestigeprojekt des „Schnellen Brüters“ im südostfranzösischen Creys-Malville gearbeitet hat, und seine rund 100 Mitarbeiter haben nun den Auftrag, Chooz A, Frankreichs ältesten Druckwasserreaktorkomplex, abzubauen.
Schon 1991 wurden die Anlage abgeschaltet und die hochradioaktiven Brennelemente beseitigt. 99 Prozent der Strahlenbelastung sollen damit verschwunden sein. Mit einer nach heutigen Maßstäben geringen Höchstleistung von 320 Megawatt war der 1967 in Betrieb gegangene Druckwasserreaktor der erste dieses Bautyps. Der eigentliche Abbau hat erst 2008 begonnen. Zwischen 2015 und 2025 soll hier das entstehen, was Fachleute eine „grüne Wiese“ nennen.
Dass schon jetzt nur einige kleine flache Gebäude herausragen, hat mit einer Besonderheit zu tun: Chooz A entstand unter der dicken, schützenden Sedimentschicht eines Ardennenhügels. Der Reaktortrakt befindet sich in einer 60 Meter tiefen Höhle. Sie ist durch einen Tunnel mit der Außenwelt verbunden. Sicherheitsschleusen sowie ein Unterdrucksystem sollen verhindern, dass Radioaktivität nach draußen entweicht. In weißer Schutzbekleidung und mit Geigerzähler gelangen Dziopa und die – selten zugelassenen – Besucher in den langen Tunnel. Wo einst der Brennstoff zum Reaktor befördert wurde, stehen heute Container, in denen Kabel, Röhren und andere Metallteile liegen. In einem Behälter sind Pakete mit der Aufschrift „Asbest“ zu erkennen. „Damals wurde auch beim Bau von Kernkraftwerken Asbest verwendet“ erklärt Projektleiter Dziopa.
Die Brennstäbe sind längst entfernt
Wände, Leitungen und Geräte sind in verschiedenen Farben gekennzeichnet. Grün bedeute, dass Radioaktivität vorhanden sei, blau, dass das Material unbelastet sei. Rot gekennzeichnet seien die Teile, die beim Abbau unerlässlich seien, wie zum Beispiel Lüftungsvorrichtungen, erklärt Dziopa. Zu hören ist vor allem das Gebläse von Ventilatoren. Wie in natürlichen Grotten ist die Temperatur konstant, wenn auch mit knapp 20 Grad etwas höher. Es hängt ein eigentümlicher Geruch in der Luft, eine Mischung aus Metall, Zement, aber vielleicht auch Reinigungsmitteln. Dort, wo sich der Gang weitet, sind drei Männer damit beschäftigt, Gegenstände mit einem Metallschneider zu zerlegen. Daneben befinden sich Überreste einer Stahltreppe.
Hinter einer Metalltür führen Stufen zu einem Gang, hinab in den eigentlichen Reaktorraum – oder dem, was davon geblieben ist. Exakt 21 Mitarbeiter haben Zutritt zu diesem Teil der Anlage, der an einen Schiffsbauch erinnert. Beiderseits der tiefen Öffnung in der sich einst Brennstäbe befanden, stehen Behälter.
Rot-weißes Plastikband und gleichfarbige, aus dem Straßenverkehr vertraute Kegel markieren irgendwelche Abgrenzungen. Dziopa beeilt sich, dem Eindruck einer Rumpelkammer entgegenzutreten. Das alles habe System, man gehe äußerst behutsam und systematisch beim Abbau vor. Demnächst beginne der Abbau der Druckgeneratoren – „eine Premiere“. Ob er dabei Risiken sehe, wird Dziopa gefragt. Nein, alles sei bestens vorbereitet. Ein Großteil des Materials sei radioaktiv unbelastet. „Man kann vielleicht keine Messer und Gabeln daraus herstellen, aber es ist bestimmt kein schädlicher Abfall“, sagt er augenzwinkernd.
Kernenergie ist in Frankreich noch immer kaum umstritten
„Wir beseitigen, was beseitigt werden muss, um sicher zu sein, dass es keinerlei radioaktive Belastung mehr gibt“, ergänzt Alain Ensuque. Er leitet das vom Energiekonzern Electricité de France (EDF) betriebene Zentrum für den Abbau von Kernanlagen (Ciden). Außer in Chooz werden derzeit in Frankreich acht weitere Anlagen abgebaut. Insgesamt zehn Milliarden Euro hat EDF dafür zurückgelegt. Von einer Million Tonnen Abfall, der in Chooz entstehe, seien vier Fünftel konventioneller Müll. Der Rest, wenn auch überwiegend nur „schwach reaktiv“, müsse behandelt und anschließend gelagert werden.
„Dekonstruktion“ ist der Begriff, mit dem Ensuque den Abbau von Kernkraftwerken beschreibt; es gehe auch darum, Lehren für den Bau neuer Anlagen zu ziehen. „Wir erfahren zum Beispiel, welche Werkstoffe weniger Radioaktivität aufnehmen. Außerdem verwenden wir kleinere Bauelemente, was den späteren Abbau erleichtert“, erklärt Ensuque. Bewährt habe sich die internationale Zusammenarbeit, nicht zuletzt die Erfahrungen beim abgeschlossenen Abbau des Kernkraftwerks Niederaichbach in Niederbayern und des fränkischen Heißdampfreaktors Großwelzheim.
58 Druckwasserreaktoren an 19 Standorten zählt Frankreich derzeit. In Faymonville in der Normandie entsteht der erste, gemeinsam mit deutschen Partnern entwickelte „europäische Druckwasserreaktor“ (EPR) mit einer Leistung von 1650 Megawatt. Anders als in Deutschland ist Kernenergie in Frankreich nach wie vor wenig umstritten. Im Zeitalter des Klimawandels präsentiert sich EDF selbstbewusst als ein Unternehmen, das 95 Prozent seiner Elektrizität ohne Emission von Treibhausgasen erzeuge.
Auf dem Rückweg ins Freie verrät Werksleiter Dziopa, worauf es bei seiner Tätigkeit ankomme: „Man benötigt ein bisschen Professionalismus, und man muss wissen, wovon man redet.“ Wenig zuvor hat er ängstliche Besucher mit dem Hinweis beruhigt, dass die Radioaktivität hier niedriger als vielerorts in der Natur sei. Tatsächlich zeigt das Messgerät bei der abschließenden Kontrolle am Ausgang keine erhöhte Strahlenbelastung an.
Frankreich ist energietechnisch ein Vorzeigeland!
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 04.07.2010, 13:35 Uhr
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 04.07.2010, 17:02 Uhr
Was ist denn eigentlich mit Uran? @Bertram von Steuben
Peter Sikorski (Hellfire75)
- 04.07.2010, 17:16 Uhr
@Hr Sikorsky, Uranvorräte
Thomas Berger (tberger)
- 04.07.2010, 20:23 Uhr
Thomas Berger (tberger)
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 04.07.2010, 21:32 Uhr
