14.01.2010 · Als Gründer des Elektronikkonzerns Kyocera wurde Kazuo Inamori zum Milliardär. Später wurde der buddhistische Mönch zum Priester und gründete Managementschulen. Nun soll der in Japan populäre Inamoto als 77 Jahre alter Mann die hochverschuldete Fluglinie Japan Airlines retten.
Von Carsten Germis, TokioEinen Management-Gott haben japanische Journalisten Kazuo Inamori in ihren Artikeln oft genannt. Sein Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zu einem der wichtigsten, geachtetsten und reichsten Wirtschaftsführer Japans ist genau aus dem Stoff, aus dem üblicherweise amerikanische Heldengeschichten gestrickt sind. Ein Ingenieur, der an einer drittklassigen Hochschule in der Provinz sein Examen ablegte, gründet mit sieben Kollegen und wenig Geld eine kleine Firma - und baut sie zu einem der Vorzeigeunternehmen Japans auf.
Japaner mögen solche Geschichten, gerade weil die meisten der Topmanager aus einflussreichen Familien stammen und Eliteuniversitäten besucht haben. Jetzt will Inamori, der 77 Jahre alte Ehrenpräsident und Gründer des Elektronikkonzerns Kyocera, es den Japanern und der Welt noch einmal zeigen. Schon kommende Woche wird er neuer Vorstandschef der hochverschuldeten Fluggesellschaft Japan Airlines (JAL) und soll das Unternehmen durch das geplante Insolvenzverfahren zu einer neuen Zukunft führen.
Japans Ministerpräsident Yukio Hatoyama hat den alten Mann, der bei öffentlichen Auftritten gerne lacht und immer noch wie ein agiler Mittfünfziger wirkt, überredet, noch einmal anzutreten und dem großen und behäbig gewordenen Staatskonzern neues Leben einzuhauchen. Den Chefposten bei Kyocera hat Inamori bereits vor 13 Jahren abgegeben. Danach legte er als buddhistischer Mönch die Priesterweihe ab und gründete Managementschulen, die seine Lehren lehrten. Inamoris Priestername, Daiwa, bedeutet übersetzt so viel wie „große Harmonie“. Das passt ins Konzept des neuen Premierministers Hatoyama mit seiner Philosophie von Kameradschaft und Fürsorge, die den Japanern das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit geben soll.
Für Hatoyama hängt viel davon ab, dass Inamori erfolgreich sein wird. Für Japan ist die Sanierung der JAL ein Testfall. Noch nie ist ein Unternehmen dieser Größenordnung über eine Insolvenz saniert worden. „Ich will zum Glück der JAL-Mitarbeiter beitragen“, begründete er seine Zusage für den neuen Job. Allerdings werden 13 000 Mitarbeiter in den kommenden Jahren infolge der Restrukturierung erst einmal ihren Job verlieren.
„Dann wird der brennende Wunsch ins Unterbewusstsein vordringen“
Auch wenn Inamori als buddhistischer Mönch Harmonie predigt, sollte der Durchsetzungswille des neuen JAL-Chefs nicht unterschätzt werden. Schon seine Kyocera führte er autoritär als Patriarch. Anders als in Japan üblich hielt er sich aber nie an das in den Unternehmen in der Regel strikt befolgte Senioritätsprinzip. Wenn sie tüchtig waren, wurden junge Ingenieure bei Beförderungen ihren älteren Kollegen immer wieder vorgezogen. In der Vergangenheit hat Inamori zudem mehrfach bewiesen, dass er ein knallharter Sanierer sein kann, der Kompromisse nicht mag.
Sein Credo, das er in mehreren Büchern über Management und Philosophie aufgeschrieben hat, ist so einfach wie überzeugend: „Wenn Sie zur Leidenschaft fähig sind, können Sie beinahe alles schaffen.“ Jeder durchschnittliche Mensch habe das Zeug, überdurchschnittlich erfolgreich zu sein, sagt Inamori. Ein angestrebtes Ziel solle man möglichst 24 Stunden am Tag im Kopf haben. „Bewusst ist das natürlich unmöglich“, räumt er ein. „Aber es ist wichtig, es sich vorzunehmen, denn dann wird der brennende Wunsch in Ihr Unterbewusstsein vordringen - und dieses kann sowohl im wachen Zustand als auch im Schlaf auf das Thema konzentriert bleiben.“
„Arbeiten Sie härter als andere“, fordert er sich selbst und seine Mitarbeiter auf. „Maximieren Sie den Verkauf und minimieren Sie die Ausgaben.“ Das klingt wenig überraschend, doch Inamori fordert eben auch, die Belegschaft auf diesem Weg mitzunehmen. „Man kann auch auf menschliche Weise erfolgreich sein“, sagt er und macht damit in diesen Tagen auch manchem verunsicherten JAL-Mitarbeiter Mut.
Eine einzige Erfolgsgeschichte
Dass er seine Leitsätze befolgt, hat Inamori immer wieder bewiesen. Am 30. Januar 1932 wurde er auf der südjapanischen Insel Kyushu geboren. Sein Vater betrieb dort eine kleine Druckerei. Als Einziger von sieben Geschwistern durfte er die Hochschule besuchen. Weil er bei den Eliteuniversitäten wegen seiner Herkunft keine Chance hatte, studierte er in Kagoshima Chemietechnik und schloss 1955 ab. Schon damals war klar, dass er nach größeren Aufgaben strebte. Der Schritt in die Selbständigkeit war deswegen konsequent. 1959 gründete er mit einigen Kollegen und umgerechnet 19.000 Euro Startkapital die auf feinkeramische Werkstoffe spezialisierte Kyocera in Kyoto.
Der Rest ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Immer hatte Inamori bei Produktentwicklungen und neuen Trends die Nase vorn. Mit der Serienfertigung von Solarmodulen begann er bereits 1982. 1984 investierte er wegen der bevorstehenden Liberalisierung des japanischen Telefonmarktes in den Aufbau eines Festnetz- und Mobilfunkanbieters, die KDDI. Heute ist die KDDI Japans zweitgrößter Anbieter in diesem Markt. 2007 setzte die stets profitable Kyocera umgerechnet 8,3 Milliarden Euro um und beschäftigte weltweit 59 000 Mitarbeiter. Inamori gab 2007 den Verwaltungsratsvorsitz des Unternehmens ab. Es heißt aber, der Firmenpatriarch behalte sich bis heute Grundsatzentscheidungen vor.
Carsten Germis Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.
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