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Kaum Handel, kaum Aufträge Deutsche Werften sitzen auf dem Trockenen

29.09.2009 ·  Thyssen-Krupp zieht sich aus dem Handelsschiffbau zurück und verkauft den größten Teil der Nordseewerke in Emden. Das wird nicht der letzte Schlag bleiben. Die Wirtschaftskrise hat die Schifffahrtsbetriebe an Nord- und Ostsee besonders stark getroffen.

Von Johannes Ritter
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Noch einmal zogen am Dienstag mehrere hundert Menschen zum Eingang der Nordseewerke in Emden, um zu protestieren. Dabei ist es nun endgültig beschlossen: Thyssen-Krupp wird sich aus dem Handelsschiffbau zurückziehen und die Fertigungsanlagen der traditionsreichen Werft dem Windanlagenhersteller Siag übergeben (siehe Stahlindustrie: Thyssen-Krupp beendet Containerschiff-Bau). "Das ist ein schwerer Schlag für den Schiffbau in Norddeutschland", sagte Jutta Blankau, Bezirksleiterin der IG Metall Küste.

Und es wird nicht der letzte Schlag bleiben. Die Wirtschaftskrise hat die Schifffahrtsbetriebe an Nord- und Ostsee besonders stark getroffen. Sie stehen am Ende einer unheilvollen Kette: Der Welthandel ist erlahmt. Also haben die Reedereien deutlich weniger Fracht zu transportieren. Die Preise, die sie für den Transport der verbleibenden Waren bekommen, die sogenannten Frachtraten, sind so tief gefallen, dass die Container-Reedereien fast durchgängig Verluste einfahren. Wegen der massiven Überkapazitäten im Markt bestellen sie keine neuen Schiffe mehr.

Und nicht nur das: Mangels Masse ziehen etliche Reeder sogar bestehende Aufträge zurück. Selbst auf Schiffen, deren Bau schon weit fortgeschritten ist, bleiben die Werften plötzlich sitzen. Zumal die im deutschen Schiffbau übliche Zwischenfinanzierung oft kaum noch darzustellen ist. Viele Banken drehen den Hahn zu. Hinzu kommt, dass auch die Eigenkapitalquellen immer mehr versiegen. Wegen der desolaten Marktlage sind die einst so beliebten Schiffsfonds bei Anlegern in Misskredit geraten. So gab das Hamburger Emissionshaus Lloyd Fonds am Dienstag bekannt, acht von 29 bestellten Schiffen storniert zu haben. Die Kaufpreise für eine Reihe weiterer bestellter Schiffe will der Vorstand nach unten verhandeln. Auch der große Hamburger Reeder Claus-Peter Offen leidet in seinem Neubauprogramm unter einer Finanzierungslücke, weil ein Emissionshaus seine Plazierungsgarantie wider Erwarten nicht erfüllen kann.

Staatshilfen für eine geschundene Branche

In Deutschland haben inzwischen sechs Werften Insolvenz angemeldet: Wadan, Cassens, Lindenau, SMG Rostock, SSW Shipyard und Nessewerft. Nach einer Betriebsrats-Umfrage der IG Metall und des arbeitnehmernahen Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) arbeiten heute noch 17.500 Menschen auf den deutschen Werften - 3100 weniger als vor einem Jahr. Im nächsten Jahr, so prognostiziert das IAW, werden es nur noch 16.700 sein.

"Das ist ein dramatischer Rückgang", klagt Blankau und fordert Industrie und Politik zum Handeln auf. "Den Verlust von weiteren Standorten und einen weiteren Beschäftigungsabbau können wir uns nicht leisten. Sie gefährden die Branche in ihrer Existenz." Das IAW weist darauf hin, dass die Werften in China und Korea mit staatlichen Hilfen von 30 und 22 Milliarden Dollar gestützt würden.

Deutschland lässt seine Schiffbauer und Reedereien freilich auch nicht im Regen stehen. Den Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde haben der Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern mit Krediten und Bürgschaften in dreistelliger Millionenhöhe unter die Arme gegriffen. Deutschlands größte Container-Reederei, die Hapag-Lloyd AG, soll eine Staatsbürgschaft erhalten, mit der ein überlebenswichtiger Kredit von 1,2 Milliarden Euro zu 90 Prozent abgesichert werden soll (siehe Hapag-Lloyd erhält Milliarden-Staatsbürgschaft). Auch die Bremer Hegemann-Gruppe hat für ihre Werften in Stralsund, Berne und Wolgast Staatsbürgschaften beantragt. Claus-Peter Offen möchte seine Finanzierungslücke unter anderem über einen Kredit der Staatsbank KfW schließen.

Selbst Unternehmen, die scheinbar nicht mehr viel mit der Schifffahrt zu tun haben, leiden unter der Misere: Die Tui AG aus Hannover hat im März die Aktienmehrheit von Hapag-Lloyd verkauft. Doch der Konzern hält immer noch 43 Prozent an der Reederei und ist zugleich deren größter Kreditgeber. Hapag-Lloyd erwartet allein in diesem Jahr einen Verlust von rund 900 Millionen Dollar. Das ist zu viel, um aus eigener Kraft zu überleben. Die erwähnte Staatsbürgschaft bekommt das Unternehmen aber nur, weil die Eigentümer ihrerseits eine Kapitalspritze von 923 Millionen Euro verabreichen. Dazu leistet Tui den größten Beitrag, weil dem Konzern bei einer Insolvenz von Hapag-Lloyd selbst das Aus gedroht hätte. Um sich nun ihrerseits finanziell Erleichterung zu verschaffen, holt sich Tui einen Teil eines Darlehens vorzeitig zurück, das man an die britische Tochtergesellschaft Tui Travel ausgereicht hatte. So fließen jetzt 100 Millionen Euro in die Tui-Kasse, weitere 250 Millionen Euro folgen im April 2010. Im Gegenzug gibt Tui Travel, in der das Reisegeschäft des Konzerns gebündelt ist, eine Wandelanleihe aus und leiht sich noch mehr Geld bei den Banken.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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