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Kassenschlager Karneval Karnevalsorden für Millionen

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Aber vorher verdienen Kneipen, Taxifahrer und Kostümlieferanten noch viel Geld mit der Feierfreude der Narren. Die Nachfrage ist stabil.

© Marcus Kaufhold Helau und Alaaf! Weiberfastnacht ist der Auftakt zum Straßenkarneval

Morgens um sechs Uhr stellen sich an diesem Donnerstag die ersten Jecken vor dem Kölner Traditionsbrauhaus Unkelbach an. Es ist Weiberfastnacht, die heiße Phase des Karnevals beginnt. „Um neun Uhr sind tausend Leute draußen“, sagt Geschäftsführer Frank Wegener voraus. Die Schlange an den Drängelgittern wird dann erfahrungsgemäß rund 300 Meter lang sein. Gegen halb zehn öffnet die Gaststätte, kurz danach ist sie rappelvoll. Inhaber Alexander Manek, Enkel des Gründers Karl Unkelbach, geht meist mit einem Megafon raus und verkündet den Wartenden, dass für die nächsten Stunden kein Einlass mehr sei. „Viele Leute bleiben trotzdem. 200 stehen eigentlich den ganzen Tag über draußen“, sagt Wegener.

Christine Scharrenbroch Folgen:

Bis zum Dienstag wird der Ansturm auf das 1930 gegründete Haus Unkelbach nicht mehr abebben. Wegener versucht dem Ausnahmezustand mit Sicherheitspersonal, Aushilfen, zusätzlichen mobilen Ausschanktheken, einer Würstchenbude im Biergarten und Toilettenwagen beizukommen. Der Aufwand lohnt sich, wie er berichtet. „In den sechs Tagen machen wir ein Zehntel unseres Jahresumsatzes.“

Die fünfte Jahreszeit beschert allein den Kölner Kneipen einen Umsatz von knapp 48 Millionen Euro, wie die Beratungsgesellschaft Boston Consulting ausgerechnet hat. Insgesamt werden in der Stadt rund 460 Millionen Euro mit dem Karneval umgesetzt und 5000 Arbeitsplätze gesichert. Den bundesweiten Umsatz hat die GfK in einer Studie für den Bund Deutscher Karneval auf 1,4 Milliarden Euro berechnet. Für die laufende Session rechnet Verbandspräsident Volker Wagner mit einem mindestens stabilen Geschäft. Ein Indikator seien die zum größten Teil ausverkauften Sitzungen der vergangenen Wochen.

300.000 Kostüme im Jahr

In Köln machen die Fahrten mit Taxi, Bus und Bahn den größten Teil der Umsätze aus; gefolgt vom Besuch von Sitzungen und Bällen sowie den Ausgaben für Kostüme und Accessoires. Zu den größten Karnevalsausstattern in der Region gehört Deiters, wo der Andrang kurz vor Beginn des Straßenkarnevals groß ist. Mehrere tausend Kunden kommen nach Angaben von Sprecher Björn Lindert derzeit täglich zum neuen Hauptsitz des Händlers in Frechen bei Köln. Am vergangenen Samstag seien es sogar rund 20.000 gewesen, der Verkehr habe sich bis auf die Zubringerstraßen gestaut. 5000 verschiedene Kostüme bietet Deiters auf einer Verkaufsfläche von 5000 Quadratmetern an, dazu kommen weitere 3000 Quadratmeter Lagerfläche. 70 Mitarbeiter kümmern sich um Verkauf und Kasse, mehr als 100 Umkleidekabinen stehen für Anproben bereit.

Besonders gefragt seien in dieser Session sogenannte Band-Outfits, sagt Lindert. Mit Schottenrock oder -hose können sich Narren in die Kölschrock-Gruppe Brings verwandeln, mit Knickerbocker zum Mitglied der Karnevalsband Klüngelköpp werden. Gut verkaufen sich auch Flower-Power-Kostüme, Uniformen und Plüschtieranzüge. Den Umsatz beziffert Deiters nicht näher, Lindert stellt aber eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr in Aussicht. Das 90 Jahre alte Unternehmen, das in vierter Generation von der Gründerfamilie geführt wird, hat sein Geschäft in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Acht Standorte mit fast 20.000 Quadratmetern Verkaufsfläche gehören inzwischen zur Gruppe. Im Herbst wurde eine Filiale in Düsseldorf eröffnet, kurz darauf zog das Haupthaus in die größeren Räumlichkeiten nach Frechen um. Etwa 300.000 Kostüme verkauft Deiters im Jahr. Eine eigene Tochtergesellschaft sorgt für das Design und lässt die Kostüme dann überwiegend in Asien fertigen.

Das Geschäft ist stabil

Im Gegensatz zu dem Massengeschäft solcher Anbieter hat sich das Kölner Geschäft „Party Clown“ auf Maßanfertigungen spezialisiert. 180 Karnevalsvereine, unter ihnen die auch über die Grenzen der Domstadt hinaus bekannten Blauen Funken, stattet Inhaber Hans-Jörg Bornheim regelmäßig aus. Eine komplette Uniform kann bis zu 4500 Euro kosten. Mit dem Geschäft der laufenden Session zeigt Bornheim sich zufrieden. Rund 600 Uniformen habe „Party Clown“ in den vergangenen Monaten für Vereine und Tanzgruppen genäht, dazu kommen Einzelanfertigungen für Privatkunden, deren Ansprüche an Stoffqualität und Verarbeitung laut Bornheim stetig zunehmen. Ein solches Kostüm dürfe auch mal 2000 Euro kosten, berichtet er. Am häufigsten bestellt werde momentan der klassische Gehrock, der etwa für Piraten und Edelmänner gleichermaßen taugt.

Mit Kostümen wurden in der Saison 2011/12 in ganz Deutschland 293 Millionen Euro umgesetzt, teilt die Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie mit - 2,4 Prozent weniger als im Vorjahr, was der Verband mit der im Vergleich 15 Tage kürzeren Karnevalszeit begründet. Die laufende Saison fällt noch knapper aus, daher wird ein abermaliger Umsatzrückgang erwartet. Im Großen und Ganzen sei das Geschäft aber stabil.

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Auch für die Hersteller von Orden ist der Karneval die Hauptsaison. Allein in Köln werden jährlich rund 100.000 Orden für 5,1 Millionen Euro verteilt; bezahlt werden sie von den Karnevalsvereinen, zu deren Budgets einen erheblichen Beitrag der jeweilige Karnevalsprinz aus seiner Privatschatulle beisteuern muss. Zu den führenden Anbietern zählt das Lüdenscheider Unternehmen Steinhauer & Lück. Mehrere zehntausend Orden, im Zinngussdruckverfahren hergestellt und mit Pinsel oder Spritze bemalt, habe der 1889 gegründete Familienbetrieb in dieser Session gefertigt, überschlägt Geschäftsführerin Simone Blechen. Die Aufträge kommen allerdings von Jahr zu Jahr später rein, berichtet sie. Ihre Erklärung dafür ist ökonomischer Natur: „Die Vereine tun sich angesichts der mit dem Amt verbundenen Kosten immer schwerer, einen Prinzen zu finden.“

Quelle: F.A.Z.

 
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