01.07.2008 · Wenn sich die beiden Discounter Plus und Netto zusammenschließen, könnte das dem Verbraucher nützen: In der wettbewerbsintensiven Handelsbranche zetteln die Konzerne gerne Preiskriege an, um Marktanteile zu gewinnen. Bei den Markenartikelherstellern wächst die Angst.
Lebensmittel gehören zu den großen Preistreibern in Deutschland. Über viele Jahre überdurchschnittlich billig, stiegen die Preise zuletzt überproportional stark an. Sogar EZB-Präsident Jean-Claude warnte jüngst vor „Preisschocks bei Öl und Lebensmitteln“. Die jetzt genehmigte Fusion der Discounter Plus und Netto könnte Entspannung bringen - wenn die künftige Nummer drei unter den Discountern möglicherweise einen neuen Preiskampf anzettelt, um Marktanteile im wettbewerbsintensiven Einzelhandel zu gewinnen. Edeka-Chef Markus Mosa sprach am Dienstag bedeutungsschwanger von einem „guten Tag für die Verbraucher“.
Jedoch wird der Plus-Netto-Deal nach Einschätzung von Experten keinen neuen Preiskrieg auslösen. „Netto wird erst einmal damit beschäftigt sein, Plus zu integrieren“, dämpfte der Discount-Experte des Marktforschungsunternehmens Planet Retail, Matthias Queck, allzu großen Verbraucher-Optimismus. Die Ladenumstellung koste viel Geld. Mögliche Preissenkungen im Umfeld der Fusion dürften sich auf relativ wenige Artikel beschränken und würden damit letztlich nur eine „kosmetische Aktion“ sein.
Bei den Herstellern wächst die Angst vor Preiswettbewerb
Unter den Herstellern wächst jedoch die Angst vor zunehmendem Preisdruck. Der Präsident des Markenverbandes, Franz-Peter Falke, kritisierte in Berlin die Wettbewerbshüter, die die Übernahme unter Auflagen erlaubten. Die Transaktion führe erneut zu Konzentrationsprozessen im stark „vermachteten Lebensmitteleinzelhandel“. Und Marktführer Edeka baue seine Marktmacht noch aus. „Es ist zu erwarten, dass die Fusion einen aggressiveren Preiswettbewerb auslöst, der auf Kosten der Lieferanten ausgetragen wird“, befürchtete die Hilfsorganisation Oxfam Deutschland. Die Leidtragenden seien letztendlich die Arbeiter in Lieferländern wie Ecuador und Costa Rica mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf Bananen- und Ananasplantagen.
Discount-Experte Queck glaubt, dass von dem Zusammenschluss Plus-Netto sich am ehesten Lidl angegriffen fühlen könnte, weil der zweitgrößte Discounter ähnlich wie Netto auch eine Reihe von Markenartikel in seinen Regalen führe. Aldi biete dagegen hauptsächlich „No-Name“-Artikel an. Nach Einschätzung von Queck steigt die Einkaufsmacht die Netto-Mutter Edeka weiter deutlich, da etwa sechs Milliarden Euro Umsatz durch die Plus-Filialen hinzukomme. „Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, sagte Queck zur Einschätzung des Bundeskartellamtes, dass der höhere Anteil bei der Warenbeschaffung von Edeka nur gering sein werde.
Anteil der Discounter soll in Richtung 50 Prozent gehen
Der Anteil der Discounter am Lebensmitteleinzelhandel werde mittel- bis langfristig von jetzt mehr als 40 Prozent Richtung 50 Prozent zunehmen. „Die Discounter werden nach wie vor wachsen“, betonte Queck. Selbst Lidl hat nach seiner Ansicht „noch Platz für 1000 Filialen“ in Deutschland. Das gelte erst recht für Netto, Penny und Norma. Lediglich Aldi stoße mit seinem dicht geknüpften Filialnetz von bundesweit 4200 Märkten an Expansionsgrenzen in Deutschland, weil der führende Discounter mit dieser hohen Anzahl schon flächendeckend vertreten sei.
Die Discounter würden aber nicht nur am schnellsten expandieren. „Sie haben immer wieder bewiesen, wie anpassungsfähig sie sind“, sagte Queck am Beispiel von Aldi. So habe Aldi Süd Frischfleisch in das Sortiment genommen und sich unter anderem damit zu einem Nahversorger entwickelt. Das Konzept von Netto mit einer breiten Palette von Markenartikeln und den angebotenen frischen Waren gehe in Richtung preisaggressiver Supermarkt. „Der Verbraucher wird das eher als straff geführten Supermarkt wahrnehmen“, meinte Queck. Mit Netto habe Edeka die Lücke zwischen Discounter und Supermarkt geschlossen.
Auch die Billiganbieter stoßen an Wachstumsgrenzen
Freilich bleibt das Branchenumfeld für den Handel in Deutschland schwierig. Auch die Discounter stoßen nach dem Siegeszug der vergangenen Jahre an Wachstumsgrenzen, wie eine jüngst veröffentlichte Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und der Unternehmensberatung Accenture ergab. Demnach ist das Expansionstempo der Billiganbieter 2007 drastisch gesunken. Marktführer Aldi musste sogar erstmals in der Unternehmensgeschichte Umsatzeinbußen auf dem Heimatmarkt hinnehmen.
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