03.09.2010 · Der Investor Nicolas Berggruen steigt bei Karstadt ein. Die strukturellen Probleme der Warenhauskette sind damit aber nicht gelöst. Jetzt geht die eigentliche Arbeit los. Modeexpertise allein wird nicht reichen, um Karstadt wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Eine Analyse von Brigitte Koch.
Wäre das nervenaufreibende Drama um die Karstadt-Rettung ein Film aus der Kategorie Herz-Schmerz, dann wäre mit dem Beschluss des Amtsgerichts Essen jetzt die Klappe für die Schlussszene gefallen: Der reiche Onkel aus Amerika hat das arme Hascherl gerettet. Alles wird gut. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zwar hat das marode Warenhaus-Unternehmen nun einen neuen Investor und kann Ende des Monats aus der Insolvenz entlassen werden. Die strukturellen Probleme sind damit aber nicht gelöst. Jetzt geht die eigentliche Kärrnerarbeit los. Gelingt es nicht, diesen Dinosaurier des Einzelhandels zu stabilisieren und wieder auf einen verlässlichen Ertragspfad zurückzuführen, steht er nämlich bald wieder da, wo er in den zurückliegenden Jahren schon mehrfach stand: vor dem Zusammenbruch.
Seit vielen Jahren verliert das Warenhaus Marktanteile. Als zu beliebig, zu breit und zu mittelmäßig werden die Sortimente von vielen Konsumenten empfunden. Besonders die Jüngeren kaufen ihre Mode heute lieber bei den meist vertikal strukturierten internationalen Filialisten, von denen die meisten vor zehn oder zwanzig Jahren noch gar nicht in deutschen Fußgängerzonen anzutreffen waren. Eine starke Konkurrenz ist den Warenhausmanagern zudem durch innerstädtische Einkaufszentren erwachsen, die - nicht zuletzt dank eines attraktiven Gastronomieangebots - häufig die vergleichsweise interessantere Bühne bieten. Und schließlich gewinnt der Online-Handel Marktanteile, denn gerade die jüngeren Verbraucher kaufen gern per Mausklick ein oder treffen sich in virtuellen Einkaufsclubs. Die einschlägigen Portale wachsen mit hoher Geschwindigkeit.
Der Online-Handel gewinnt Marktanteile
In dem von Überkapazitäten an Einkaufskanälen und Verkaufsflächen geprägten Verdrängungswettbewerb will der deutsch-amerikanische Investor Nicolas Berggruen nun antreten, um die Marke Karstadt zum Glanz lange zurückliegender Zeiten zurückzuführen. Das ist sehr ambitioniert und mutig, zumal er nach bisherigen Versprechungen an allen 120 Standorten festhalten will. Jedoch besteht das heterogene Portfolio bei weitem nicht nur aus attraktiven Sporthäusern oder Edelfilialen wie dem Berliner Kadewe. Es finden sich darin auch eine Fülle quer über die Republik verteilter Häuser, in denen dem geneigten Kunden der Investitionsstau schon an der Eingangstür entgegenschlägt. Darunter sind viele Geschäfte, die bestenfalls am Rande der Profitabilität arbeiten. Als sich Metro im Sommer vergangenen Jahres darum bemühte, eine Warenhausallianz mit der Tochtergesellschaft Kaufhof zu schmieden, wurden in den Business-Plänen nur rund 60 Karstadt-Filialen herausgepickt, die für den möglichen Verbund als lohnend in Frage kamen. Es sollte also nicht überraschen, wenn nach einer gewissen Schamfrist doch einzelne, nachhaltig defizitäre Häuser geschlossen werden müssen.
Ob die zugesagte Kapitalspritze von gerade einmal 65 Millionen Euro und die geplante Reinvestition sämtlicher Mittelzuflüsse ausreichen, um den Tanker flottzukriegen, darf bezweifelt werden. Als der Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg im vergangenen Sommer letzte Reste an Substanz suchte, wurde er nicht fündig. Karstadt benötigt aber nicht nur dringend viel Geld, Karstadt braucht vor allem ein tragfähiges Konzept. Berggruens bisher in Umrissen bekannter Entwurf ähnelt dem des Wettbewerbers Kaufhof. Auf Mode, Wohnaccessoires, Sport und persönliche Accessoires sollen sich die Karstadt-Filialen konzentrieren. Dabei sollen sie die spezifischen Wettbewerbsverhältnisse vor Ort berücksichtigen, gemäß der alten Kaufsmannsweisheit "all business is local". Im Grundsatz ist das nicht falsch, zumal derzeit viel Substanz im Facheinzelhandel wegbricht und ein gut gemachtes Warenhaus theoretisch in diese Lücke springen könnte.
Dem Investor fehlt Branchenerfahrung
Berggruen tritt mit dem hierzulande noch wenig bekannten kalifornischen Designer und Einzelhändler Max Azria an (siehe Designer Max Azria soll Karstadt helfen). Dieser soll vor allem dem verstaubten Modeimage der Warenhäuser auf die Sprünge helfen. Aber ein Warenhaus ist ein sehr komplexes Gebilde. Modeexpertise allein wird nicht reichen, die Spannung über mehrere Etagen hinweg zu halten. Die mangelhafte Branchenerfahrung ist denn auch ein Schwachpunkt im Konzept der neuen Investoren. Umso wichtiger wird sein, dass Berggruen in ein exzellentes Management und ein professionelles Aufsichtsgremium investiert.
Was dem neuen Kaufhauskönig zunächst helfen wird, sind die jetzt auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gesenkten Mieten und die im Sanierungstarifvertrag ausgehandelten Lohnzugeständnisse. So arbeitet Karstadt nun mit günstigeren Lohnkosten als der Wettbewerber Kaufhof. Auch ist nicht zu unterschätzen, dass die rund 25 000 Mitarbeiter von heute an wieder hochmotiviert an die Arbeit gehen. Doch wird die Sanierung nicht zuletzt mit Blick auf die teure Zentrale und die hohen Logistikkosten nur über Wachstum funktionieren, das sich im Markt nicht abzeichnet. Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber irgendwann wird Berggruen bestimmt zum Hörer greifen und die Nummer der Metro wählen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.750,80 | −1,08% |
| Nasdaq 100 | 2.541,23 | −0,89% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3164 | −0,90% |
| Rohöl Brent Crude | 117,35 $ | −1,13% |
| Gold | 1.748,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,66 € | +1,04% |