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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Karstadt Das Warenhaus ist nicht tot

 ·  Hat das Kaufhaus eine Zukunft? In der Mitte der Gesellschaft sucht Karstadt seine neue, alte Kernzielgruppe. In der „Filale 057“, im Main-Taunus-Zentrum nahe Frankfurt, ist sie schon zu Hause. Ein Ortsbesuch bei Spannbetttüchern, Lachsbrötchen, Verkäuferinnen und Kunden.

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Der Weg zum Alleinstellungsmerkmal führt in einer sanft geschwungenen S-Kurve ins Obergeschoss. Vorbei an Sommerhüten und Schokohasen im Schlussverkauf schlängelt er sich über die Rolltreppe zur Bademode, lässt Edelstahltöpfe links und Badvorleger rechts liegen, bevor er den Tisch von Silvia Rudiger in der Abteilung für Stoffe und Kurzwaren der Karstadt-Filiale im Main-Taunus-Zentrum erreicht. Vor 37 Jahren hat sie hier ihre Lehre angefangen, 15 Jahre jung war sie damals, und das Haus hieß noch Hertie. Auch sonst hat sich viel geändert seitdem, aber die Stoffe und Kurzwaren sind geblieben.

"Das ist das einzige Geschäft weit und breit, in dem es überhaupt noch Meterware gibt", sagt eine der letzten Kundinnen des Tages, eine gepflegte Endfünfzigerin. Silvia Rudiger nickt dazu, hinter ihr lagern Organza und Tüll, Plüsch und Bastelfilz, Futter- und Samtstoffe. Rund 1000 verschiedene Farben und Muster sind es, dazu kommen Garne und Bänder, Knöpfe und Flicken und auch der weiße Klettverschluss, für den sich die Kundin nach einer kurzen Beratung entscheidet.

25 Zentimeter kosten 1,20 Euro, die Lektion zum Einkaufsverhalten einer ganzen Generation gibt es frei Haus dazu: Am linken Handgelenk der Dame baumelt eine prall gefüllte blaue Plastiktüte, in der rechten hält sie drei mintgrüne Spannbetttücher. "Die kann man immer gebrauchen", sagt sie. "Und wenn man schon mal da ist, nimmt man eben noch was mit."

Internethandel und Fachmärkte graben die Kundschaft ab

Jetzt aber funktioniert dieses Prinzip Warenhaus, das Hertie und Kaufhof, Karstadt und Woolworth noch bis in die neunziger Jahre hinein goldene Geschäfte beschert hat, angeblich nicht mehr. Der Internethandel und die Fachmärkte graben ihm die Kundschaft ab, heißt es in den Analysen, mit Kleckerbeträgen aus der Kurzwarenabteilung lasse sich das nicht ausgleichen. Für die dringend nötige Sanierung des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor müsse stattdessen geklotzt werden, hat Karl-Gerhard Eick, der neue Mann an der Spitze des Unternehmens, Anfang dieser Woche wissen lassen und dazu gleich einen Kostenvoranschlag von 900 Millionen Euro präsentiert.

Für ein profitables Kerngeschäft sollen, so steht es in der dazugehörigen Mitteilung des Konzerns, künftig "Kunden aus der profilierten Mitte der Gesellschaft" sorgen. Im KaDeWe in Berlin, im Alsterhaus in Hamburg und im Oberpollinger in München, bislang vom Konzern mit breiter Brust als noble "Premiumhäuser" beworben, wird diese Klientel offenbar nicht mehr länger erwartet. Sie sollen zusammen mit acht weiteren der insgesamt neunzig Karstadt-Häuser zwischen Konstanz und Bremerhaven verkauft werden.

Nicht auf der Streichliste des Vorstands

Die Filiale im Main-Taunus-Zentrum, auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Wiesbaden an der A 66, steht nicht auf der Streichliste des Vorstands. So viel hat Peter Hessel, ihr Geschäftsführer, sogar in den Schweizer Voralpen mitbekommen; vor den Turbulenzen und dem nervenzehrenden Gerede über die Zukunft des Unternehmens dagegen hat ihn sein Osterurlaub in den Bergen einigermaßen bewahrt. "Wir sind erfolgreich", sagt er am Tag seiner Rückkehr und sieht dabei tatsächlich entspannt aus; Statur, Frisur, Bart und Lachen erinnern ein wenig an Kurt Beck in seinen besten Zeiten.

Mit 10.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf zwei Etagen, 5000 Besuchern an einem Durchschnittswochentag wie diesem und rund 200 Angestellten ist die "Filiale 057 MTZ" auf der Gemarkung der Gemeinde Sulzbach eines der kleineren Karstadt-Häuser, im Angebot ist nicht viel mehr als das immerhin rund 180.000 verschiedene Artikel umfassende Mindestsortiment, das die Einkäufer in der Essener Zentrale vorgeben.

Große Elektrogeräte gibt es nicht mehr im Karstadt von Sulzbach

Besonders gut läuft in Sulzbach nach deren Einschätzung das "Living"-Segment mit Töpfen und Pfannen, Glas und Porzellan, als "gut kalkuliert" gelten nach wie vor auch die Stoffe und Knöpfe - den geringen Einzelpreisen zum Trotz bleibt genug hängen. Große Elektrogeräte dagegen gibt es nicht mehr im Karstadt von Sulzbach, und gerade werden mangels Nachfrage auch die Gardinen aus dem Sortiment genommen. Das ganze verbleibende Einmaleins des Warenhauses, Bücher und Strümpfe, Spielzeug und Konfektionsmode, sind entlang eines in kreisförmigen Schlaufen angelegten Wegs aufgestellt, der beim letzten Umbau vor elf Jahren angelegt wurde.

Der "mäandrierende Loop", wie Einzelhandelsprofis das Konzept nennen, lädt zum gemächlichen Schlendern ein, geht aber auf Kosten des Überblicks und der Verkaufsfläche. Das schadet dem für das Geschäft maßgeblichen Verhältnis von Deckungsbeitrag je Quadratmeter, seinen guten Ruf hat das Konzept in der Branche deshalb längst verloren. Weder ein Premiumhaus noch der letzte Schrei im Kaufhausdesign ist Peter Hessels Reich also - aber vielleicht gerade deshalb profitabel.

„Ich esse auch lieber gutbürgerlich“, sagt Kunde Mike Trock

Die Mitte der Gesellschaft jedenfalls ist schon da. Wo sonst als im Speckgürtel des Rhein-Main-Gebiets mit seinen vielen Arbeitsplätzen sollte sie auch zu finden sein. Der Kunde Mike Trock zum Beispiel erfüllt mit zwei Kindern, einem Auto, einer Mietwohnung im acht Kilometer entfernten Königstein und einer Vollzeitstelle die gängigen Kriterien. Ihm fehlen bei Karstadt weder überkandidelte Verkäufer noch exquisite Luxusware oder lichtdurchflutete Fluchten, und auf den Hauch des Mondänen, den die Espressobar gegenüber mit der Aufzählung ihrer Standorte - Stockholm, Dubai, Main-Taunus-Zentrum - ad absurdum führt, verzichtet er gerne. "Ich esse auch lieber gutbürgerlich als im Nobelrestaurant", sagt der Fünfundvierzigjährige.

Zusammen mit seiner Lebensgefährtin ist er an diesem Nachmittag auf der Suche nach Geschenken für Neffen und Nichten. Die Frühschicht am Frankfurter Flughafen haben beide schon hinter sich, ausführlich mustern sie jetzt die Spiele-DVDs in der Abteilung für Unterhaltungselektronik. Zum Preisvergleich nutze er das Internet häufig, sagt Trock, zum Bestellen reiche nun aber die Zeit nicht mehr, denn die Erstkommunion wird schon am Wochenende gefeiert. Nach einer Viertelstunde fällt die Entscheidung für das Videospiel "Mario Kart". Trock ist mit dem Einkauf zufrieden, eigentlich könnten die beiden jetzt nach Hause fahren, aber seine Begleiterin bleibt auf dem Weg zur Rolltreppe an den Ständern mit Kindermode stehen. Schließlich gehen für 40 Euro ein T-Shirt und eine Weste über die Verkaufstheke. Wieder hat das Prinzip Warenhaus funktioniert.

Karstadt und die Innenstadt-Strategie

In Sulzbach überlebt es in einer ungewöhnlichen Symbiose mit einem seiner ärgsten Widersacher: Die Filiale ist nach Auskunft der Konzernzentrale die einzige in ganz Deutschland, die Karstadt in einem Shopping-Center auf der grünen Wiese betreibt. Die Ausnahme von der Innenstadt-Strategie hat Tradition: Schon als das Main-Taunus-Zentrum vor 45 Jahren eröffnet wurde - es war damals das erste seiner Art im Lande - war Hertie einer seiner drei größten Mieter.

Mehr als hundert Geschäfte reihen sich hier heute aneinander, exakt in der Mitte steht der weiße Karstadt-Quader: Vor dem Haupteingang liegt der Treff- und Mittelpunkt des Zentrums, ein am Reißbrett entworfener "Marktplatz" mit einer Bäckerei, einem Obst- und Gemüsestand und zwei Metzgern; an der Länge der Schlange vor den Bratwursttheken können die Einzelhändler aus der Nachbarschaft hier schon mittags ablesen, ob der Tag für sie ein guter, ein schlechter oder einer von vielen mittelprächtigen wird. Um halb eins stehen fünf Anzugträger an, die zur Mittagspause aus ihren Büros in Eschborn gekommen sind - knapp unter dem Durchschnitt. Dabei wird es den Kunden bequem gemacht: Direkt neben dem Karstadt-Seiteneingang halten drei Buslinien, außerdem gibt es 4000 kostenlose Parkplätze, auf den Wegweisern an der Autobahnabfahrt hat das Einkaufszentrum seinen eigenen Hinweis.

Die Lage hat viele Vorteile

Die Lage hat viele Vorteile. Dass es auch zu H&M, zum Mediamarkt und einer Galeria-Kaufhof-Filiale, mit 15.000 Quadratmetern Fläche der größte Einzelhändler am Platz, nur ein paar Schritte sind, muss kein Nachteil sein. Ohne Zweifel wird das Karstadt-Image davon aber auf eine harte Probe gestellt: Bei der Konkurrenz ist nicht nur die Mode bunter und die Musik lauter, Lichtspots und Neonröhren haben auch mehr Watt. Aber das mag zur Strategie gehören.

Schließlich beschreibt Karl-Gerhard Eick, der Arcandor-Chef, die typischen Karstadt-Kunden als weiblich und zwischen 35 und 65 Jahre alt; der demographische Wandel lässt die umworbene "Mitte der Gesellschaft" altersmäßig ja sogar noch weiter in Richtung Rentenalter driften. Da mögen es viele gedämpft und - nicht erst seit der Wirtschaftskrise - günstig. "Es wirkt hier irgendwie billiger als drüben in der Galeria", sagt Mike Trock unumwunden, dem Urteil lässt sich unter diesen Vorzeichen sogar etwas Positives abgewinnen. Eine emotionale Bindung an die seit mehr als 125 Jahren bestehende Marke Karstadt aber empfinden weder er noch seine Partnerin. Beide schütteln mitleidlos den Kopf.

Frühstück mit Kaffee, Croissant und Lachsbrötchen für 3,50 Euro

Den Rentnern, die im Dutzend schon morgens vor dem Haupteingang warten, bevor um halb zehn die Türen aufgeschlossen werden, geht das anders. Manche haben sogar Stammplätze im Restaurant, dessen Frühstücksangebot sie kurz darauf zielstrebig ansteuern, vorbei an den Handtaschen und Schreibwaren und den Krisenschlagzeilen auf den Titelseiten der Zeitungen. So oft komme sie nicht, wehrt Helga Hauck aus dem nahen Bad Soden ab, aber zwei- bis dreimal im Monat schon, und dann nehme sie eben auch das Frühstück mit Kaffee, Croissant und Lachsbrötchen für 3,50 Euro mit. Danach wolle sie sich nach Schuhen umschauen und - natürlich - auch einen Abstecher zu den Stoffen und Kurzwaren im Obergeschoss machen, die gebe es sonst ja nirgends mehr; ihre Nachbarin begleitet sie dabei. "Die Verkäuferinnen sind hier immer so hilfsbereit", lobt die Einundsiebzigjährige, das sei in den überlaufenen Fachmärkten ganz anders. "Und außerdem ist hier auch die Qualität der Textilien besser."

Zwölfeinhalb Stunden später, der Schließdienst hat den Haupteingang gerade wieder verriegelt, fällt Tuncay Barans Kritik ganz anders aus. Er ist 20 Jahre alt, studiert in Darmstadt Maschinenbau und jobbt dort nebenbei in einer Diskothek, sollte den Geschmack seiner Altersgenossen also gut genug kennen, in seiner eigenen Garderobe schlägt er sich in Chucks und Polo-Shirt nieder. "Die versuchen in ihrer Jugendabteilung H&M zu kopieren", schreibt er den Karstadt-Einkäufern ins Stammbuch. "Aber sie treffen den Stil einfach nicht richtig. Stattdessen sehen die Klamotten eher aus wie die von Strebern."

„Größe 23 gab es sonst nirgendwo“

Kernzielgruppe hin oder her, das hört sich nicht gut an. Trotzdem hält Barans ein Jahr älterer Cousin Sirin Berkant, der die vernichtende Analyse seines Verwandten gerade noch bekräftigt hat, eine Karstadt-Tüte in der Hand, eine Krawatte und eine schwarze Hose stecken drin. "Für eine Hochzeit diesen Sonntag", berichtet er. "Größe 23 gab es sonst nirgendwo hier im Zentrum, ich habe überall danach gesucht." Und jetzt fällt auch Baran selbst noch etwas ein, zum Beweis streckt er sein linkes Handgelenk vor: Vergangene Woche habe er nur die Abkürzung zur Bushaltestelle quer durch das Karstadt-Erdgeschoss nehmen wollen und dabei diese Uhr gesehen, genau sein Geschmack und außerdem unschlagbar reduziert. Für wen genau war das Prinzip Warenhaus doch gleich noch gedacht?

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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