20.11.2009 · Volkswagen übernimmt Teile des insolventen Autozulieferers Karmann. Das Engagement weckt bei den 900 verbliebenen Beschäftigten von Karmann neue Hoffnung. Doch ganze Abteilungen stehen vor dem Aus.
Von Jan Grossarth, OsnabrückWie Ozeandampfer aus Backstein stehen die Werkshallen auf dem Gelände des Autobauers Karmann. Alles ist still, nur hier und da fährt ein Gabelstapler, in den Hallen saugen, stanzen und nieten nur noch wenige Roboter. Die meisten Maschinen sind eingemottet, auch die Lackiererei, von der es vor wenigen Jahren stolz hieß, sie sei die modernste Europas. Seit April ist das Osnabrücker Unternehmen, das vor zwei Jahren noch rund 7000 Mitarbeiter beschäftigte und derzeit noch 900 ungekündigte, im Insolvenzverfahren. Und ob die verbleibenden Mitarbeiter im Unternehmen eine Zukunft haben, bleibt unklar, auch nach dem am Freitag bekanntgewordenen Einstieg von Volkswagen.
„Das könnte eine Industrieruine werden“, sagt Peter Kusieck. Der Elektroingenieur Kusieck, 57 Jahre alt und ungekündigt, arbeitet seit 32 Jahren in der Fachgruppe Produktionssysteme, einer Abteilung im Unternehmen, der ihr drohendes Aus besonders unverständlich ist. „Bisher waren wir immer sehr gut am Markt aufgestellt“, sagt er.
Seine Gruppe baut Fertigungsanlagen für Karosserieteile, zuletzt für BMW, Porsche, Daimler. 102 Mitarbeiter hat der Bereich in Osnabrück noch, 97 wurde vor kurzem gekündigt. Peter Kusieck fertigt am Computer Zeichnungen von Elektrosystemen an und programmiert Roboter. Im Laufe der Jahre, sagte er leise, sei immer mehr zu tun gewesen, der Stress habe enorm zugenommen. Er wirkt nervös: „Wir sind doch eigentlich interessant, wir haben uns nie richtige Sorgen gemacht.“
Zwei Drittel der 102 Mitarbeiter sind Akademiker, vor allem Ingenieure. Karmann hat früher die Karosserien ganzer Autos gebaut, etwa die des VW Käfer oder des Mercedes SLK – aber auch Werkzeuge oder Dachsysteme. Die Abteilung Produktionssysteme arbeitet weniger für Karmann selbst und mehr für den Markt. Sie macht etwa 40 Millionen Euro Umsatz im Jahr, erwirtschaftete nach eigenen Angaben in den meisten Jahren Gewinne, doch fast allen Mitarbeitern wurde gekündigt. Der Fachbereich würde – mit Ausnahme einiger fehlender kaufmännischer Mitarbeiter – auch ohne Karmann funktionieren, aber in der Krise will sie niemand übernehmen. Karmann sinkt, und für diese kleine Mannschaft gibt es offenbar kein Rettungsboot.
Auch nicht für Sabine Krause, 42, Ingenieurin, zweifache Mutter, die seit 19 Jahren für den Fachbereich arbeitet. Sie erinnert sich an den Tag der Kündigung: „Ich guckte rum und dachte: Der hat gerade ein Haus gebaut, der ist über 50. Ich dachte, wir haben uns fachlich alle nichts zuschulden kommen lassen.“ Arbeit hat die Abteilung noch bis ins nächste Jahr hinein, bis in den April, sagen sie, wenn nur die bestehenden Aufträge zu Ende gebracht würden.
Die „Karmänner“, wie sie in Osnabrück heißen, machen eine Erfahrung, die typisch ist für diese Zeit. Sie sind gut ausgebildet und haben in ihrem beruflichen Leben vieles richtig gemacht: einen gefragten Beruf erlernt, ein technisches Studium absolviert, auf 15 Prozent ihres Gehaltes verzichtet. Trotzdem brechen dann alte Strukturen zusammen, und die Einzelnen merken, dass ihre Fähigkeiten für sich genommen ziemlich nutzlos sind; dass ein einzelnes Zahnrad ohne den Rest der Maschine nicht funktioniert.
Die gemeinsame Stellenanzeige
Noch an dem Tag der Kündigungen beschloss der Bereich, eine gemeinsame Stellenanzeige aufzugeben. „Wir alle saßen auf einmal wieder mit erhobenem Kopf da. Vielleicht ist das aber auch nur so eine verträumte Idee gewesen“, sagt Sabine Krause. In der Anzeige stand, die Mitarbeiter suchten eine neue Grundlage für die Fortführung ihrer Arbeit: „Als Team mit über 100 Mitarbeitern bedienen wir die gesamte Prozesskette des automobilen Karosserieanlagenbaus, sind aber offen für neue Aufgabenstellungen.“ Die Mitarbeiter würden auch eigenes Kapital in eine Neugründung einbringen, aber der Kapitalbedarf ist größer, weil bis zur Fertigstellung einer Fertigungsanlage hohe Vorleistungen anfallen.
Christian Zurhorst, 25 Jahre alt und zum 31. Januar gekündigt, hat gleich zwei Ausbildungen gemacht, eine zum Mechatroniker, eine zum Systeminformatiker, und dazu eine Fortbildung als Elektrotechniker. 2000 begann er seine erste Lehre bei Karmann, seine Mutter sagte, wenn du da eine Stelle bekommst, hast du etwas fürs Leben. Er nimmt Roboter in Betrieb und programmiert sie. Die Stellenanzeige, auf die bisher niemand ernstzunehmend reagiert hat, gab ihm Hoffnung. Dabei wurden bislang schon viele Hoffnungen auf eine Rettung von Karmann enttäuscht: Mal sollten Araber Teile des Unternehmens, das am Auftragseinbruch im Bereich Fahrzeugbau zerbrach, kaufen, jetzt also VW. „Man macht die Hoffnungen immer mit“, sagt Zurhorst.
Sein Vorgesetzter Martin Schnuck, 47 Jahre alt, zum 31. Januar gekündigt, trägt eine Föhnfrisur, ein gestreiftes Hemd und eine bunte Krawatte und trinkt schnell hintereinander zwei Tassen Kaffee. Schon sein Vater arbeitete bei Karmann. „Wir sind sehr gefragt, auch jetzt im Augenblick“, sagt er. Er erzählt so stolz über seine Abteilung wie ein Vater von seinem Kind: „Dass wir für viele Firmen Dinge geleistet haben, die ihre Autos ohne uns gar nicht auf die Welt bekommen hätten, weiß niemand.“ Vor 31 Jahren lernte Martin Schnuck bei Karmann Werkzeugmacher; er arbeitete sich hoch, seit drei Jahren ist er Fertigungsleiter in der Abteilung Produktionssysteme und führt 14 Mitarbeiter. Viermal musste er seinen Mitarbeitern schon Entlassungen verkünden, und beim fünften Mal, im Oktober, stand sein eigener Name ganz oben auf der Liste. Er las: „Martin Schnuck“, und alle guckten ungläubig. Chef, Sie auch? „Ja“, sagte er, „wir sitzen alle in einem Boot.“
Derzeit ist niemand krankgemeldet. „Meine Leute arbeiten auch viel lieber, denn wenn sie nicht arbeiten, kommt das Grübeln“, sagt Schnuck. Am Ende des Gespräches findet er einen optimistischen Schlusssatz: „Initiative, Visionen, das brauchen wir.“ Auf die Stellenanzeige kamen bislang nur wenige Briefe, darunter ein Stellenangebot für eine Führungskraft und ein wirres Schreiben aus der Schweiz: „Wir nennen uns Effizienz-Moderatoren und arbeiten vor Ort moderierend nach dem Prinzip Return on Input von mindestens 10:1. (. . .) Bartträger lehnen wir ab. Sie müssen gesund und finanziell frei sein und die Moderationserfahrung nachweisen.“
Die Firma der weinenden Männer
Kurt Flegel, 56 Jahre alt, ist Bartträger. Und zweifacher Vater, Konstrukteur bei Karmann seit 41 Jahren. Er konstruiert Dachgestellmodelle, auf denen dann Cabrioverdecke gefertigt und mit Lasern auf Fehler hin abgemessen werden. Die Kündigungen sind für ihn völlig unverständlich. „Denn wir haben immer Arbeit gehabt, und haben auch jetzt noch Arbeit.“ Er spricht mit gebrochener Stimme: „Ich kann es nicht gutheißen, was hier mit Karmann passiert. Karmann ist heute eine Firma der weinenden Männer.“
Thomas Ewerding, 28 Jahre alt, kam im Jahr des 100-jährigen Firmenjubiläums zu Karmann, 2001, auf dem Werksgelände war ein großer Jahrmarkt aufgebaut. Nach 2004 häuften sich die schlechten Nachrichten. „Man bezog das aber nicht auf sich“, sagt Ewerding. Er analysiert den Niedergang mit volkswirtschaftlicher Kühle. Er ist jung und notfalls bereit, aus der Region wegzuziehen.
Der Bereich Produktionssysteme organisiert derzeit seine Abschlussfeier. „Mit der Feier wollen wir signalisieren, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken“, sagt der Betriebsrat, als er durch die leblosen Werkshallen führt, in denen es nach Maschinenöl riecht. Vielleicht wird es eine echte Abschlussfeier, doch vielleicht, hoffen die Mitarbeiter, wird es auch nur eine Weihnachtsfeier. So, wie in den Jahrzehnten zuvor.
Ein einzelnes Zahnrad funktioniert nicht ohne den Rest der Maschine
Lüko Willms (l.willms)
- 25.11.2009, 12:55 Uhr
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| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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