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Karmann : Abteilung sucht Unternehmen

Gruppenbewerbung: Mitarbeiter von Karmann Bild: Daniel Pilar

Volkswagen übernimmt Teile des insolventen Autozulieferers Karmann. Das Engagement weckt bei den 900 verbliebenen Beschäftigten von Karmann neue Hoffnung. Doch ganze Abteilungen stehen vor dem Aus.

          Wie Ozeandampfer aus Backstein stehen die Werkshallen auf dem Gelände des Autobauers Karmann. Alles ist still, nur hier und da fährt ein Gabelstapler, in den Hallen saugen, stanzen und nieten nur noch wenige Roboter. Die meisten Maschinen sind eingemottet, auch die Lackiererei, von der es vor wenigen Jahren stolz hieß, sie sei die modernste Europas. Seit April ist das Osnabrücker Unternehmen, das vor zwei Jahren noch rund 7000 Mitarbeiter beschäftigte und derzeit noch 900 ungekündigte, im Insolvenzverfahren. Und ob die verbleibenden Mitarbeiter im Unternehmen eine Zukunft haben, bleibt unklar, auch nach dem am Freitag bekanntgewordenen Einstieg von Volkswagen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Das könnte eine Industrieruine werden“, sagt Peter Kusieck. Der Elektroingenieur Kusieck, 57 Jahre alt und ungekündigt, arbeitet seit 32 Jahren in der Fachgruppe Produktionssysteme, einer Abteilung im Unternehmen, der ihr drohendes Aus besonders unverständlich ist. „Bisher waren wir immer sehr gut am Markt aufgestellt“, sagt er.

          Seine Gruppe baut Fertigungsanlagen für Karosserieteile, zuletzt für BMW, Porsche, Daimler. 102 Mitarbeiter hat der Bereich in Osnabrück noch, 97 wurde vor kurzem gekündigt. Peter Kusieck fertigt am Computer Zeichnungen von Elektrosystemen an und programmiert Roboter. Im Laufe der Jahre, sagte er leise, sei immer mehr zu tun gewesen, der Stress habe enorm zugenommen. Er wirkt nervös: „Wir sind doch eigentlich interessant, wir haben uns nie richtige Sorgen gemacht.“

          Lange Tradition: Karmann wurde vor allem mit dem „Karmann Ghia” bekannt
          Lange Tradition: Karmann wurde vor allem mit dem „Karmann Ghia” bekannt : Bild: AP

          Zwei Drittel der 102 Mitarbeiter sind Akademiker, vor allem Ingenieure. Karmann hat früher die Karosserien ganzer Autos gebaut, etwa die des VW Käfer oder des Mercedes SLK – aber auch Werkzeuge oder Dachsysteme. Die Abteilung Produktionssysteme arbeitet weniger für Karmann selbst und mehr für den Markt. Sie macht etwa 40 Millionen Euro Umsatz im Jahr, erwirtschaftete nach eigenen Angaben in den meisten Jahren Gewinne, doch fast allen Mitarbeitern wurde gekündigt. Der Fachbereich würde – mit Ausnahme einiger fehlender kaufmännischer Mitarbeiter – auch ohne Karmann funktionieren, aber in der Krise will sie niemand übernehmen. Karmann sinkt, und für diese kleine Mannschaft gibt es offenbar kein Rettungsboot.

          Auch nicht für Sabine Krause, 42, Ingenieurin, zweifache Mutter, die seit 19 Jahren für den Fachbereich arbeitet. Sie erinnert sich an den Tag der Kündigung: „Ich guckte rum und dachte: Der hat gerade ein Haus gebaut, der ist über 50. Ich dachte, wir haben uns fachlich alle nichts zuschulden kommen lassen.“ Arbeit hat die Abteilung noch bis ins nächste Jahr hinein, bis in den April, sagen sie, wenn nur die bestehenden Aufträge zu Ende gebracht würden.

          Die „Karmänner“, wie sie in Osnabrück heißen, machen eine Erfahrung, die typisch ist für diese Zeit. Sie sind gut ausgebildet und haben in ihrem beruflichen Leben vieles richtig gemacht: einen gefragten Beruf erlernt, ein technisches Studium absolviert, auf 15 Prozent ihres Gehaltes verzichtet. Trotzdem brechen dann alte Strukturen zusammen, und die Einzelnen merken, dass ihre Fähigkeiten für sich genommen ziemlich nutzlos sind; dass ein einzelnes Zahnrad ohne den Rest der Maschine nicht funktioniert.

          Die gemeinsame Stellenanzeige

          Noch an dem Tag der Kündigungen beschloss der Bereich, eine gemeinsame Stellenanzeige aufzugeben. „Wir alle saßen auf einmal wieder mit erhobenem Kopf da. Vielleicht ist das aber auch nur so eine verträumte Idee gewesen“, sagt Sabine Krause. In der Anzeige stand, die Mitarbeiter suchten eine neue Grundlage für die Fortführung ihrer Arbeit: „Als Team mit über 100 Mitarbeitern bedienen wir die gesamte Prozesskette des automobilen Karosserieanlagenbaus, sind aber offen für neue Aufgabenstellungen.“ Die Mitarbeiter würden auch eigenes Kapital in eine Neugründung einbringen, aber der Kapitalbedarf ist größer, weil bis zur Fertigstellung einer Fertigungsanlage hohe Vorleistungen anfallen.

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